Langsam neigt sich die Spielzeit 2017/2018 dem Ende zu. Nach und nach werden Kostüme, Bühnenbilder und Requisiten der abgespielten Produktionen ordentlich zusammengeräumt und im Lager des Theaters verstaut. Dort liegen und warten sie in Reih’ und Glied, bis sie vielleicht für eine nächste Produktion – in einem völlig neuen Zusammenhang – wieder zum Einsatz kommen. Dass einzelne Gegenstände eine ganze Geschichte erzählen können, und zwar nicht nur über sich selbst, sondern auch über eine bestimmte Zeit oder eine einzelne Person, hat uns erst kürzlich das Schauspiel „Das 20. Jahrhundert in Kartons“ gelehrt. An diesem Abend finden die Darsteller in Umzugskartons eine Vielzahl an Dingen, die jeweils eine eigene Geschichte der Vergangenheit erzählen.

Für den Intendanten Markus Dietze geht dieser Tage nicht nur eine weitere Spielzeit zu Ende, viel mehr nähert sich der Beginn seiner 10. Spielzeit am Theater Koblenz. In all diesen Jahren – und nach aktuell insgesamt 215 vergangenen Produktionen – ist so einiges über die Bühne gegangen, über das sich manche Anekdote erzählen ließe. Aus diesem Anlass gräbt Markus Dietze in seinen Erinnerungen. Vor ihm baut sich der bunte Stapel aller Spielzeithefte der nun zehn Jahre auf, hinter dem er verschwindet. Nach und nach blättert er die Hefte durch und wählt aus jeder Spielzeit ein Lieblingsrequisit aus, von dessen Geschichte er uns erzählt, während von ihm nur noch vereinzelt die Hand zu sehen ist, die nach dem nächsten Heft greift.

Markus Dietze und Requisiten
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Spielzeit 2009/2010
Ein ekliges Requisit:
Kotze.

„Auf dem Spielplan stand ‘Der Gott des Gemetzels’, das berühmte Schauspiel von Yasmina Reza, in dem sich Kammerschauspielerin Tatjana Hölbing übergeben musste, sodass es für diese Szene realistisch wirkende Kotze gab. Auf dem Tagesplan musste natürlich darauf hingewiesen werden, dass diese Szene geprobt wird.Wie der Titel der Probe lautete, kann sich jeder denken.

 

Spielzeit 2010/2011
Requisiten, von denen wir lange etwas haben oder das gesündeste Requisit:
Schwarze und weiße Sitzbälle.

„Im Schauspiel ‘König Ödipus’ von Sophokles in der Inszenierung von Christina Gassen saß der Chor auf schwarzen und weißen Sitzbällen im Bühnenbild von Hans Richter. Und diese schwarzen und weißen Sitzbälle finden sich noch immer in zahlreichen anderen Inszenierungen dieses Theaters und haben darüber hinaus schon zahlreichen an Rückenschmerzen leidenden oder schwangeren Menschen auf den Büroarbeitsplätzen gute Dienste geleistet.“

Sitzbälle in König Ödipus
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Spielzeit 2011/2012
Das ‘mythologischste’ Requisit
oder Requisiten, die wir bei Richard Wagner natürlich erwarten:
Das Schwert. DAS Schwert. DAS SCHWERT.

„Wie bei allen ordentlichen Opern von Richard Wagner gibt es ein archaisches Requisit, das unheimlich aufgeladen und wahnsinnig wichtig ist. Bei ‘Lohengrin’  hatten wir eine ganz moderne Inszenierung, ein ganz zeitgenössisches Setting, aber um das Schwert kamen wir dennoch nicht herum: Das stand dann von Anfang an sehr, sehr lange in der Bühnenmitte und war das edelste Requisit dieser Produktion. Bühnenbildner Bodo Demelius hat hierfür ein besonders schönes Schwert aus unserem Theaterfundus herausgesucht.“

 

Spielzeit 2012/2013
Das nachhaltigste und weitest gereiste Requisit:
24 grüne Zwei-Mann-Wurfzelte.

„In ‘Die Dreigroschenoper’ hatten wir sie auf der Bühne und nachdem die Produktion abgespielt war, konnten diese Wurfzelte – zur Entlastung der Haushaltssituation der Stadt Koblenz – wieder verkauft werden. Sie waren während der Vorstellungen nicht viel im Einsatz und in bestem Zustand. Jetzt finden sie sich bei zahlreichen wanderlustigen Theatermitarbeitern und anderen Koblenzern wieder und leben hoffentlich quer durch Europa weiter.“

Wurfzelte in Die Dreigroschenoper
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz
 

Spielzeit 2013/2014
Das blutigste Requisit:
Das Blut des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan.

„Ich finde ja, zu den beliebtesten und tollsten Requisiten an Theatern gehören abgeschlagene Köpfe! Zum Beispiel der sehr schöne abgeschlagene Kopf von Michael Mrosek als Jochanaan in der Oper ‘Salome’ von Richard Strauss ist wirklich großartig! Hierzu gehören auch zwei tolle Anekdoten, denn abgeschlagene Köpfe erzeugen Blut. Und es fließt ja sowieso viel Blut in diesem Stück. Deswegen hat die Requisite das Blut zum einen selbst gekocht: Das Geheimrezept dafür hat im weitesten Sinne irgendwas mit viel Rote-Beete-Saft zu tun. Sodass es letztlich in den Endproben zu einer Beschwerde aus dem Orchester führte, dass man doch riechen würde, was die Kantinenpächterin zum Mittag zubereitet hatte – Es war aber das viele Blut. Zum anderen besitzt die Requisite seit ‘Salome’ eine Blutpumpe, denn zehn Liter des Blutes mussten ja unter dem Körper des Sängers auf die Bühne rinnen. Dafür stand dann eine Requisiteurin bei jeder Endprobe und Vorstellung auf der Unterbühne und pumpte mit dieser Blutpumpe zehn Liter Blut unter dem Jochanaan durch auf die Bühne hoch.“

Michael Mroseks Kopf in Salome
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Spielzeit 2014/2015
Das beamtenmäßigste Requisit:
Ein vermeintlich amtlicher Aktenordner.

„Im Schauspiel ‘Die Anarchistin’, das im Justizzentrum gespielt wurde, hatten wir etliche Requisiten, die im weitesten Sinne etwas mit Behörde bzw. Gericht zu tun haben: vor allem Aktenordner. Wir haben natürlich auch im Justizzentrum geprobt und es ist tatsächlich vorgefallen, dass während einer Probenpause einer unserer Ordner von einem Justizmitarbeiter in die Aktenkammer verräumt wurde, weil er dachte, es handelte sich um einen tatsächlichen Aktenordner. Wir haben den Ordner dann wiedergefunden. Selbstverständlich erkennt man in einer solchen Kammer ein Requisit des Theaters sofort.“

 

Spielzeit 2015/2016
Das Neid erzeugendste Requisit:
Eine Axt.

„In ‘Die Troerinnen/Orestie’, dem Schauspiel von Euripides/Sophokles/Aischylos/John von Düffel wird Klytemnästra von ihren Kindern erschlagen. Dies geschieht in der griechischen Tragödie mit einem Beil, einer Axt oder einer Doppelaxt. Damit diese Axt auf der Bühne die nötige ästhetische Kraft entwickelt, haben wir uns dazu entschieden, eine sehr hochwertige schwedische Axt bei einem bekannten Versand für gute, edle Produkte zu bestellen. Üblicherweise wird die vom ambitionierten Holzhacker mit biodynamischem Hintergrund bestellt. Diese Axt löste beim Eintreffen im Theater hohes, begeistertes Interesse bei vielen Kolleginnen und Kollegen aus, die einen Garten haben. Dementsprechend kam es dann zu lauten Bekundungen des Unverständnisses, als wir diese durchaus hochwertige schwedische Axt aus Sicherheitsgründen stumpf machen mussten.“

Die Axt in Die Troerinnen/Orestie
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Spielzeit 2016/2017
Viel zu viele Requisiten.

„In ‘Der Rosenkavalier’ von Richard Strauss bestand das gesamte Bühnenbild nur noch aus Requisiten. Das Erstaunliche: Es ist wirklich möglich, von über 800 Requisiten irgendwann zu wissen, wo sie hingehören. Eine unglaubliche Menge!“

 

Spielzeit 2017/2018
Die retrospektivsten Requisiten.
Schallplatten und Dias.

„Die Schallplatten, die wir in ‘Das 20. Jahrhundert in Kartons’ verwenden, haben mich in letzter Zeit sehr glücklich gemacht. Ich wusste nicht, dass es geht: Schallplatten auf Vinyl schneiden zu lassen. Großartig! Genauso faszinierend finde ich es, dass es Unternehmen gibt, die ihr Geld damit verdienen, Digitalbilder auf Dias zu belichten. Jahrzehntelang haben wir uns alle darum bemüht, die Dia-Sammlungen unserer Eltern zu digitalisieren. Und jetzt lautet das Geschäftsmodell: Lade das Digitalbild hoch und wir überstellen dieses als Dia. Witzig war dann, dass wir einen Rabatt von dem Unternehmen bekamen, das für uns die Dias anfertigte. Sie waren völlig begeistert von den absurden Motiven, die wir in dem Stück zeigen und davon, dass wir keine verrückten Urlauber sind, sondern mit den Dias Kunst machen.“

Am Ende ist Markus Dietze wieder hinter den bunten Heften hervorgetaucht. In seiner Hand liegt das strahlend blaue Heft der kommenden Spielzeit 2018/2019. Insgesamt 28 neue Produktionen werden auf den Bühnen des Theaters vorgestellt. „Das unlösbarste Requisit“, beginnt Markus Dietze und sagt dann: „Das unlösbarste kommt auf uns zu. Für die Oper ‘Doctor Atomic’ von John Adams brauchen wir im Grunde genommen eine Atombombe. – Die erste Atombombe, um genau zu sein.“

Anja Merfeld und Nathalie Thomann 

 

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Maik Stüven
Folge 1 – Damengewandmeister

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Laura Bos
Folge 2 – Solorepetitorin

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Eva Maria Enders und Markus Scherer
Folge 3 – Künstlerin und Pressereferent

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Manuela Adebahr
Folge 4 – Chefmaskenbildnerin

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – David Prosenc
Folge 5 – Schauspieler

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Raphaela Crossey 
Folge 6 – Schauspielerin