Eine kroatischstämmige Journalistin, nachts in einem Hotelzimmer allein mit der Minibar. Raum und Zeit verschwimmen, Vergangenheit und Gegenwart diffundieren ineinander. Es geht um das Leben im Krieg und die Schuld der Vorfahren, um Einsamkeit und Vergebung. Der Titel des Kammerschauspiels: „Gethsemane“. Was zugleich der Name des biblischen Gartens ist, in den sich Jesus am Vorabend seines Todes angstvoll und einsam zurückgezogen hatte. Jesus bittet dort, dass der Todeskelch an ihm vorübergehen möge. Was nicht geschehen wird. Aber was hat das alles mit dieser Frau im Hotelzimmer zu tun?

Dorothee Lochner bei Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten

Die Uraufführung von „Gethsemane“ des jungen Autorenduos Sokola//Spreter hatten wir für dieses Frühjahr im Theater geplant. Pandemiebedingt können wir es aber nun leider nicht vor einem Live-Publikum spielen. Deshalb haben wir beschlossen, es zu verfilmen. Entstanden ist es im Rahmen unseres Projekts „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, einem Abend mit neun Auftragswerken, die exklusiv für das Theater Koblenz geschrieben wurden. Die Autor*innen studieren allesamt an der Berliner Universität der Künste (UdK) im renommierten Studiengang „Szenisches Schreiben“ unter der Leitung des Schriftstellers und Dramaturgen John von Düffel.

Als uns klar war, dass aus unserem Projekt kein Theaterabend werden würde, sondern ein Film, haben wir uns allerdings ebenfalls entschieden, Ihnen die neun Uraufführungen nicht an einem Stück zu präsentieren, sondern jeweils als Zweiteiler im Doppelpack.

Und nun, im letzten und fünften Teil unseres Projekts, zeigen wir Ihnen im Anschluss an „Gethsemane“ und zum Abschluss nochmals das Werk, mit dem wir vor vier Wochen unsere Serie begonnen haben: „beretta kaliber 22“ von Sarah Amanda Dulgeris – das Schauspiel über eine Mutter, die im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschoss. Aber wir ermöglichen Ihnen nun auch einen – im wahrsten Sinne des Wortes – anderen Blick auf das Geschehen. Sozusagen als „version 2.0“.

Denn was wir uns im Laufe der Probenzeit fragten, war: Was ist eigentlich Wahrheit? Bleibt die vermeintliche Wahrheit auch dann wahr, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet? Und wie ändert sich unsere eigene Perspektive auf eine Geschichte, wenn wir sie, nachdem wir sie bereits kennen, noch einmal anders erzählt bekommen?

Jeder Teil unserer Serie wird von einem eigenen digitalen Programmheft begleitet. Die jeweiligen Filme finden Sie hier. Zur Einführung auf den fünften und letzten Teil folgt nun das letzte Heft.

Am Set von Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten

Text: Margot Weber
Fotos: Film-Stills (Gethsemane“), Arek Głębocki („beretta kaliber 22 version 2.0“)


Hier finden Sie alle weiteren Programmhefte zu „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“:
Folge 1 – „beretta kaliber 22“ von Sarah Amanda Dulgeris und „Hausmusik“ von Rosa Rieck
Folge 2 – „Zigaretten zum Nachtisch“ von Patty Kim Hamilton und „Rabenmutter” von Katharina Kern
Folge 3 – „Gänseblümchen pflücken“ von Sofiya Sobkowiak und „The Screaming Impossibility of Death“ von Elisabeth Pape
Folge 4 – „Die Brücke in der Nacht“ von Lisa Wentz und „Mädchen im Wald“ von Lena Reißner