In Benjamin Brittens Oper „Albert Herring“, die am Samstag, 11. Mai, Premiere feiert, ist es mal wieder so weit: Dann werden knapp ein Dutzend Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 13 Jahren auf der Bühne zu sehen und zu hören sein. Sie alle stammen aus der Singschule Koblenz, die seit vielen Jahren mit dem Theater zusammenarbeitet. Ihr Gründer und Leiter Manfred Faig hat uns mehr darüber erzählt.

Manfred Faig von der Singschule Koblenz
Foto: Singschule Koblenz

Vernetzung. Ein Modewort. Früher sprach man eher von Austausch, Partnerschaft oder Kooperation. Doch egal, wie man es nennt – all das praktizieren die Singschule Koblenz und das Theater seit vielen Jahren. Aus mehreren Gründen. Einige davon sind kulturpolitischer Art – Stichwort: Öffnung des Theaters zur Stadtgesellschaft –, andere liegen in der Person des Mannes begründet, der auf Seiten der Singschule federführend ist: Manfred Faig, Gründer, Leiter und Spiritus Rector der Institution und einer der zehn Regionalkantoren im Bistum Trier.

Unter dem Dach der Liebfrauenkirche gründete er 2009 den eingetragenen Verein, der heute fünf Chöre und drei Nachwuchsgruppen umfasst. „Nahezu 200 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen fünf und 25 Jahren bieten wir damit ein breites Spektrum einer musikalischer Ausbildung an“, erzählt der 55-Jährige. Normalerweise wird einmal die Woche geprobt, nur der Jugendkammerchor trifft sich zweimal. „Und wer mag, kann ab dem Alter von zehn Jahren zusätzlich Unterricht in Stimmbildung bekommen.“

Schon nach ein paar Minuten ist es deutlich zu spüren: Manfred Faig liegt die Kunst am Herzen. Für einen Kantor umfasst das, wenig überraschend, vor allem die klassische Musik: Bach und Beethoven, aber auch Puccini und Arvo Pärt. Außerdem liebt er die Oper. Strauss’ „Salome“ habe er sechsmal gesehen, so begeistert sei er davon gewesen, erzählt der Vater zweier mittlerweile erwachsener Töchter. Die Vernetzung mit dem Haus an der Clemensstraße gründet also auch auf persönlicher Neigung? „In der Tat.“

Backstagefoto – Albert Herring

Was er am Austausch mit den Theater Koblenz schätzt? „Ich arbeite gern mit Profis“, sagt er. „Und ich möchte am professionellen Kulturleben der Stadt teilnehmen.“ Aber die katholische Kirche und das Theater – was verbindet diese beiden doch sehr unterschiedlichen Institutionen? „Beide glauben daran, dass es neben der logisch-gegenständlichen und materiellen Welt noch etwas anderes gibt. Beide machen das Fenster auf zu etwas Transzendentem. Das Angebot anzunehmen, das Religion und Theater bereitstellen, tut jedem Menschen gut.“

Zudem gäbe es in Städten mittlerer Größe nur eine überschaubare Anzahl von Institutionen, die sich mit klassischer Musik beschäftigen – „und die müssen doch zusammenhalten!“ So schickt er also immer wieder aus seinem großen Sängerpool kleine Choristen ins Theater, die dann abends auf der Bühne stehen: als Knaben in der „Zauberflöte“ etwa. Oder, wie jetzt, als Dorfkinder in Benjamin Brittens komischer Oper „Albert Herring“.

Und selbst wenn es mal ein ganzes Dutzend sein muss – so wie beispielsweise in der Vergangenheit bei „Hänsel und Gretel“, „Tosca“, „La Bohème“ oder „Carmen“? Auch das: kein Problem. Da ihm das Theater präzise Vorgaben im Hinblick auf Geschlecht und Alter macht, schaut er seine Mitgliederlisten durch und fischt die passenden heraus. Manchmal folgt danach noch ein kleines Vorsingen der Kandidaten, aber oft verlässt sich die musikalische Abteilung auch einfach auf seine Vorschläge.

Backstagefoto – Albert Herring

Was dem Singschulenchef bei alldem wichtig ist: „Wir arbeiten leistungsorientiert. Wer zu uns kommt, muss dieses Ideal teilen.“ Denn wer’s am Ende in die Besetzung geschafft hat, wird für eineinhalb Monate regelmäßig ein paar Abende in der Woche im Theater verbringen, um zu proben. Und in den letzten beiden Wochen vor der Premiere richtig intensiv arbeiten, denn da stehen Hauptproben und Generalprobe an. Währenddessen immer dabei: zwei Kinderbetreuer, die von der Singschule abgestellt werden. Parallel dazu warten Termine in der Kostümabteilung, denn selbstverständlich sind Hosen oder Kleider maßgeschneidert. Manfred Faig: „Ohne eine grundsätzliche Begeisterung für die Bühne – und ohne Disziplin und Durchhaltevermögen – würde das alles nicht gehen.“

Aber was bekommen die Kinder im Gegenzug dafür? „Die Möglichkeit, sich nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich weiterzuentwickeln.“ Konkret meint das was? „Im Theater haben die Kinder die Möglichkeit, interessante Menschen zu treffen, spannende Begegnungen zu haben. Sie lernen Profi-Dirigenten kennen. Sie erleben, wie eine Inszenierung entsteht und wie ein Regisseur arbeitet. Ihr Horizont weitet sich. Von alldem werden sie ein Leben lang profitieren.“

Dann fasst er es ein bisschen philosophischer: „Unser Ziel ist es, die Kinder durch das Singen darin zu unterstützen, eine eigenständige Persönlichkeit zu werden. Ihnen zu einer freien Stimme als Ausdruck ihrer Individualität zu verhelfen.“ Außerdem wirke in der Musikvermittlung nichts so tief wie das Erlebnis, dabei zu sein, sagt Faig: „Die ‚Tosca’ zu hören – schön und gut. Aber in der ‚Tosca’ neben einem Profi-Sänger auf der Bühne zu stehen: Das ist für jedes Kind unvergesslich.“

Text: Margot Weber
Fotocollagen: Anja Merfeld