Junge Enthusiasten – Algorhythmus

Die Jungen Enthusiasten proben ihre Stückentwicklung „Algorhythmus“ – Premiere des Amateurprojekts ist am 20. März

Ist ein Schmollmund eigentlich noch in? Theaterpädagogin Anna Zimmer ist sich da nicht sicher. Die vier jungen Frauen aber schon, die mit ihr für die Stückentwicklung „Algorhythmus” proben. „Na klar”, rufen sie spontan. Auf der Probebühne 4 des Theaters Koblenz posieren die vier für einen fiktiven Instagram-Auftritt. Selbstbewusst setzen sie sich in Szene, geben viel von ihren Körpern preis. Anna Zimmer ist eine gründliche Regisseurin. Sie feilt an den Gesten und Posen, gibt Tipps, was die Haltung angeht. Vor allem aber verführt sie das Laienensemble der Jungen Enthusiasten dazu, über solche Selbstinszenierung im Internet nachzudenken. „Dabei verliert man die Kontrolle, wer die Posts sieht.“ Über diesen Impuls denken die Spielerinnen lange nach.

Am 20. März hat das Jugendstück Premiere, das die Auswirkungen der Algorithmen auf junge Menschen untersucht. Das sind die digitalen Handlungsvorschriften, die zum Beispiel festlegen, wer welche Werbung auf Facebook oder auf der Suchmaschine Google eingespielt bekommt. Im Stücktitel ist der Fachbegriff abgewandelt – denn „Algorhythmus“ ist ein Stück mit Sound, Tanz und Körpertheater. Seit 2007 ist Anna Zimmer am Theater Koblenz, hat die theaterpädagogische Abteilung mit aufgebaut. Ihre Laien nennt sie „Amateure“, was für Liebhaber steht. Das bringt die Theaterphilosophie der Künstlerin und Pädagogin auf den Punkt.

In den Proben wird viel gelacht. Gemeinsam amüsieren sich die Mädels über ein You-Tube-Video, das die Sprach-Software Siri zum Rappen bringt. Wenn die Spielerinnen auf der Bühne stehen, sind sie hoch konzentriert. „Es ist spannend, dass wir selbst an einem Text arbeiten“, findet Lea Wegert. Dass da ihre Gedanken und Ängste einfließen, macht die vier stolz. Hausautorin und Dramaturgin Nadine Kaufmann, die an der Universität der Künste Szenisches Schreiben studierte, entwickelt aus den Gesprächen einen Text. Wie eignen sich die Laienspielerinnen ein so komplexes Thema, das selbst Informatiker herausfordert, an? „In der Computertechnik kennt sich keine von uns so richtig aus”, gibt Pia Heldmann zu. Die 19-Jährige findet es spannend, über die Auswirkungen digitaler Systeme auf die Menschen nachzudenken. Und sie hat Lust, auf der Bühne Geschichten zu erzählen.

Am Anfang des Projekts stand die Recherche. Da blickt Regisseurin Zimmer zurück in die Geschichte. Mit der Programmier-Pionierin Ada Lovelace, Tochter des britischen Dichters Lord Byron, hat sie ein Vorbild für junge Frauen gefunden. Im 19. Jahrhundert, als Frauen viele Berufswege noch versperrt waren, ging Lovelace beherzt ihren Weg. Sie arbeitete mit Charles Babbage an der von ihm entwickelten „analytischen Maschine“, einer mechanischen Rechenmaschine. Diese webe „algebraische Muster, „so wie der Jacquard-Webstuhl Blüten und Blätter webt“, schrieb sie über deren Funktion. Damals wurde die Maschine mit Lochkarten gespeist. „Sie hat Wege für die Computertechnik geebnet“, sind sich die jungen Frauen einig. Deshalb fanden sie es spannend, mehr über die Britin zu erfahren. Auch der Futurist Ray Kurzweil, der als Ingenieur bei Google unter anderem die optische Texterkennung und Sprachsynthese entwickelt hat, weckte ihr Interesse.

„Das sind Themen, die unsere Generation bewegen“, findet Sarah Ben Bornia, die das Projekt als Assistentin begleitet. Nach einer Hospitanz am Theater Koblenz ließ sie die Bühne nicht mehr los und sie entschied sich für die Assistenz in der Theaterpädagogik. „Mir macht es Spaß, in Produktionen mitzuarbeiten, aber auch, die Zuschauer für unsere Kunst zu begeistern.“ In den Produktionen will Sarah Ben Bornia Vermittlerin zwischen künstlerischer Leitung und Schauspiellaien sein. Ihr Gespür für die Anliegen der Enthusiastinnen kommt ihr da zu Gute.

Trotz straffer Probenpläne wirken die Spielerinnen entspannt. Dass sie nun selbst auf der Bühne stehen darf, reizt Carla Inzenhofer. „Das Theater finde ich faszinierend.“ Mit ihrer Mitschülerin Amelie Geider wirkte sie selbst in der Schul-Theater-AG mit. Lea Wegert findet die Proben mit Theaterprofis „total cool”. Das intensive Probenwochenende in der Eifel war für alle ein tolles Erlebnis. „Nein, die intensiven Proben werden uns nicht zu viel“, sagt Pia Heldmann und lacht.

Junge Enthusiasten – Algorhythmus

Die Herausforderung, mit Profis zu arbeiten, genießen alle sehr: Neben Regisseurin Anna Zimmer trainiert auch der Choreograf Rory Stead mit den jungen Spielerinnen. „Mit Körpersprache lässt sich vieles ausdrücken, was schwer in Worte zu fassen wäre“, bringt Anna Zimmer ihr Konzept auf den Punkt. Den Bühnenraum entwirft ihre langjährige künstlerische Weggefährtin Annette Haunschild. Die Bühnenbildnerin und Ausstatterin hat in Hamburg studiert, arbeitete da an den großen Bühnen. Bei der Auswahl der Kostüme und Materialien legt sie Wert auf Nachhaltigkeit. Leidenschaftlich gern stöbert sie im Kostümfundus, findet über das Upcycling gebrauchter Hosen und Kleider oft die reizvollsten Entwürfe . 

Ihr ist es wichtig, die Spielerinnen und die Figuren kennenzulernen, die sie verkörpern. Sie sollen sich wohlfühlen in den Kostümen. Da beobachtet sie genau, taucht tief in Text und Bühnengeschehen ein. In diesem intensiven Prozess entstehen ihre Entwürfe. Obwohl die Künstlerin noch nicht zu viel von ihrem Bühnenbild verraten will, sagt sie, dass sie sich von Black Boxes inspirieren ließ, die dunkel und abgeschlossen sind. In dieser digitalen Welt darf der Vorhang auch die Struktur eines Strichcodes haben. „An Dekoration bin ich nicht interessiert“, wehrt die Ausstatterin aber energisch ab. Was sie interessiert, sind Spielräume.

Text: Elisabeth Maier
Fotos und Video: Jan Reutelsterz