Kein leichter Stoff: Regisseurin Pauline Beaulieu und Chefdramaturgin Juliane Wulfgramm haben den Film „Antichrist“ von Lars von Trier für das Theater adaptiert. Es geht um die großen Themen des Lebens: Schmerz und Angst, Sex, Schuld und Tod. Premiere ist am 15. Februar.

Antichrist – Theater Koblenz

Schmerz, der
Indogerman. (s)mer(d) = reiben, aufreiben, zerreiben; althochdt. smërzo, mittelhochdt. smërze. Seelischer Schmerz aktiviert dieselben Hirnareale wie körperlicher.

Sie: „Kannst du mich nicht umarmen? Mir geht’s beschissen! Es tut weh!“
Er: „Es tut mir leid, aber es soll ja auch wehtun. Der Schmerz ist wichtig für die Genesung.“

Der namenlose Mann in Lars von Triers „Antichrist“ ist Psychotherapeut. Während er und seine Frau leidenschaftlichen Sex haben, fällt ihr kleiner Sohn aus einem offenen Wohnungsfenster. Der Moment des Aufpralls fällt mit dem des Orgasmus zusammen. Ein Orgasmus, der kein neues Leben schafft, sondern ein bestehendes auslöscht. Ein Höllensturz.

Auch ein Klinikaufenthalt kann der Frau nicht bei der Verarbeitung helfen, weshalb der Mann beschließt, ihre Heilung selbst in die Hand zu nehmen. Dafür ziehen sich die beiden in eine einsame Waldhütte zurück. Dort geraten sie in einen Strudel aus Misstrauen, Gewalt und Wahnsinn. Am Ende führt kein Weg mehr zurück ins Leben.

Mehrere kaum erträgliche Gewaltszenen hat der dänische Autor und Filmemacher von Trier in seinen Film aus dem Jahr 2009 hineingeschrieben. Regisseurin Pauline Beaulieu und Chefdramaturgin Juliane Wulfgramm haben eine andere Form dafür gefunden: „Man muss den physischen Schmerz der Figuren nicht genauso darstellen wie im Drehbuch, um zu zeigen, was die beiden sich seelisch antun“, so Wulfgramm. Außerdem: Was im Film möglich sei, stoße im Theater an Grenzen. „Wie will man solche Gewaltexzesse auf die Bühne bringen?“

Antichrist – Theater Koblenz

 

Angst, die
„Angst gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen.“ (Fritz Riemann, „Grundformen der Angst“, 1975)

Er: „Du hast recht, wenn du sagst, dass der Hauptteil der Angst körperlich ist … Trockener Mund, erhöhter Pulsschlag, Atemschwierigkeiten, Schweißausbrüche und taube Hände und Füße, Schwindelanfälle, verzerrtes Hören, Übelkeit, Zittern, Herzrasen und der Gedanke „ich werde sterben“, der alles noch schlimmer macht.“
Sie (murmelt): „Hilf mir … !“

Wulfgramm: „Unser hauptsächlicher Fokus ist: eine Frau, deren Kind stirbt – oder: eine Frau, die seinem Tod zusieht – und die Bewältigung dessen.“ Die namenlose Frau hat Panikattacken, bereits lange vor dem Tod ihres Sohnes. Und sie fürchtet sich vor der Natur. Warum? „Die Gründe erfahren wir nicht.“ Eine absichtliche Leerstelle. Lars von Trier hat sie gesetzt, und das Koblenzer Team hat beschlossen, sie genauso stehen zu lassen.

 

Sex, der
„In der Praxis ist Ficken ein Akt der Besitznahme – gleichzeitig ein Akt des Besitzens, Nehmens, Gewaltantuns. Es ist Eroberung.“ (Andrea Dworkin, „Pornographie“, 1987)

Er: „Das geht so nicht. Das ist das Dümmste, was ich mit dir machen kann. Klar, Sex mildert die Angst … aber das wussten wir ja schon vorher! Jedes Mal, wenn es wehtut, entwischst du … und ja, ich bin mir im Klaren darüber, dass ich es diesmal zugelassen habe. Es tut mir leid. (…) Das war sehr unprofessionell.“

Immer wieder haben der Mann und die Frau rohen, animalischen Sex. „Die Frau sucht ein Ventil für ihren Schmerz“, sagt Juliane Wulfgramm. „Sie zwingt ihn dazu, ihr weh zu tun. Aber sie tut sich auch selbst weh.“ Szenen einer Ehe à la Strindberg. Sie: eine gequälte Seele. Er: der Analytiker, der zu heilen versucht, indem er sie noch mehr quält. Sex als Kampf. Bei dem am Ende nur einer überlebt.

Antichrist – Theater Koblenz

 

Schuld, die
Je größer die Schuldgefühle, desto höher die Ausprägung von Komplizierter Trauer und Depression. So lautet das Ergebnis der Studie „Schuldgefühle: Wie hängen sie mit Komplizierter Trauer und Depression zusammen?“ aus dem Jahr 2018. Zudem hat das Schuldempfinden einen großen Einfluss auf die seelische Gesundheit der Hinterbliebenen.

Das Schauspiel beginnt mit der Beerdigung des kleinen Sohnes. „Wir sehen eine Frau, die immer wieder an einem Sarg zusammenbricht“, so Wulfgramm. „Und da wir auch Spielzeug sehen, ahnen wir, dass es sich bei dem Toten um ein Kind handelt. Dass das Kind dieser Frau gestorben ist. Denn auch den Tod des Kindes, mit dem der Film beginnt, zeigen wir nicht.“

Dass die Frau sich daran schuldig fühlt, erfahren wir erst nach und nach. Ebenso wie die Tatsache, dass sie offensichtlich einen guten Grund dafür hat. Ist die Frau psychisch krank? Ist sie schizophren? „Das finden wir zu einfach“, sagt die Chefdramaturgin. Und stellt eine Gegenfrage: „Ist es nicht eigentlich viel beängstigender, keine Antwort auf diese Fragen zu bekommen?“ Aushalten zu müssen, dass etwas als unerklärlich stehenbleibt.

 

Tod, der
Medea: „Ach, ach! / Oh, schlüge durchs Haupt mir vom Himmel der Blitz! / Was brächte mir noch mein Leben Gewinn? / Oh, gäbe der Tod mir Erlösung, weh! / Von diesem verleideten Dasein!“ (Euripides, „Medea“, 431 v. Chr.)

Sie: „Ich vermisse ihn so sehr.“
Er: „Ich weiß.“
Sie: „Ich will auch sterben.“

Der Tod ist in der Koblenzer Fassung die Klammer des Abends: „Antichrist“ beginnt mit der Beerdigung des Sohnes und endet mit dem langsamen Sterben der Frau. Sie wird von ihrem Mann, dem Psychotherapeuten, erwürgt. „Am Ende wird klar, dass es unmöglich ist, dass beide aus dieser Situation lebend herauskommen“, sagt Juliane Wulfgramm. „Wenn nicht er sie töten würde, würde sie ihn töten.“

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld