In Simon Stephens’ „Terminal 5“ bewegt sich eine Frau durch das Gewimmel einer Großstadt, durch U-Bahn-Schächte und durch Flughafenhallen, bis sie sich am Ende aus den Menschenmassen herauskatapultiert, in einer sanften, unmerklichen Bewegung. In Dorian Brunz’ „Rohlinge“ kommt eine Frau aus dem Urlaub zurück und stellt fest, dass sie in ihrer Wohnung nicht mehr alleine ist. Markus Dietze (Regie) und Marie-Theres Schmidt (Co-Regie) inszenieren die beiden Texte im Atrium der Rhein-Mosel-Halle als Monologe für Magdalena Pircher: Szenische Audioinstallation und exzessive Soloperformance. Ein Gespräch mit dem Regieteam und Dramaturgin Julia Schinke.

Zwei Portraits: Autor Simon Stephens und Autor Dorian Brunz
Simon Stephens (Foto: Kevin Cummins) und Dorian Brunz (Foto: Kimi Palme)
die Autoren der beiden Monologe

Wir haben gerade eine Probe zu „Rohlinge“ gesehen. Eigentlich ist das das perfekte Corona-Stück: Es geht um eine Frau im Lockdown, die sich ein Gegenüber imaginiert. Und der Titel „Rohlinge“ meint Schlüssel-Rohlinge, also Schlösser, Locks.

Markus Dietze: Eigentlich sollte der Autor Dorian Brunz Corona nicht thematisieren. Unsere Idee war, dass er eine Reaktion auf „Terminal 5“ schreiben solle, ein Echo von heute aus. Aber er meinte, dass es ihm in der ersten Fassung nicht gelungen sei, Corona ganz rauszuhalten. Also: Die Beobachtung stimmt, aber das passiert auf eine schöne Art unaufdringlich. Ich würde also nicht sagen, dass wir es darauf angelegt hätten, aber ignorieren kann man Corona auch nicht.

Marie-Theres Schmidt: Die Figur befindet sich in einer sehr einsamen, beengten Wohnung. Das würde durchaus auch ohne Corona so sein, aber heute tritt dieses Phänomen natürlich verstärkt in der Gesellschaft auf. Und vielleicht kann sich der eine oder die andere aktuell auch besser mit dieser Figur identifizieren.

Julia Schinke: Vielleicht thematisiert das Stück Corona gar nicht unbedingt. Aber wir als Publikum sind so auf diese Situation gepolt, alleine in einer Wohnung zu sein, dass wir sofort denken, dass das was mit Corona zu tun haben muss.

„Terminal 5“ ist ein älteres Stück, da kann Corona gar nicht vorkommen. Aber auch da geht es um eine Figur, die sich in einer aerosolgesättigten Umgebung bewegt und sich dann plötzlich rausnimmt. Sie gerät in eine Schwebeposition und begibt sich so in eine Form von Quarantäne.

Dietze: Was für mich da mit unserer Zeit zu tun hat, ist das Gefühl: „Oh, das sind hier ja viele Leute! Ziemlich voll!“ Ich bemerke an mir dieses zutiefst asoziale Verhalten, dass ich, wenn mehr als zehn Leute in einem Raum sind, denke, dass das womöglich zu viele seien. Das ist ja völlig bekloppt, so eine Dauer-Misanthropie. Ich fand eher spannend, wie es Dorian Brunz gelungen ist, da ein Echo drauf zu schreiben, das ist so ein Intendanten-Satz, aber es funktioniert wirklich super.

Schmidt: Bei „Rohlinge“ gibt es keine Abkehr in die innere Emigration, sondern ein komplettes Abschotten. Das ist das perfekte Gegenstück zu „Terminal 5“.

In Rohlinge taucht eine Frau in der Wohnung der Protagonistin auf. Ist das eigentlich die Protagonistin aus „Terminal 5“?

Dietze: Wir haben jedenfalls Spaß daran, die beiden Stücke zueinander in Beziehung zu setzen. Ich stelle mir zu Beispiel vor, dass die beiden Frauen sich am Flughafen begegnen. Die Protagonistin aus „Rohlinge“ kommt aus dem Urlaub zurück, theoretisch könnte sie der Protagonistin aus „Terminal 5“ über den Weg laufen.

Schmidt: Die Figur aus „Terminal 5“ hat ein Kind. Und gleichzeitig gibt es die Szene, in der die Figur aus „Rohlinge“ den Eindringling durch die Stadt verfolgt und feststellt: Die hat auch ein Kind.

Bühnenbild-Foto: Szenische Audioinstallation und exzessive Soloperformance in der Rhein-Mosel-Halle
Ein besonderer Spielort: Das Atrium der Rhein-Mosel-Halle

Der Flughafen taucht als Motiv in beiden Stücken auf. Sie spielen im Atrium der Rhein-Mosel-Halle, das hat ja eine Flughafenatmosphäre. Das ist ein Nichtort, ein Durchgangsort.

Dietze: Der Abend ist ursprünglich so entstanden: Wir haben uns vorgenommen, dass Magdalena einen Monolog spielen sollte, und nach einer Weile haben wir „Terminal 5“ entdeckt. Bei Simon Stephens ist dieses Stück mit einem anderen Monolog gekoppelt, mit „Steilwand“, und wir mussten dann erstmal die Genehmigung einholen, das von „Steilwand“ zu trennen und mit einem anderen Text zu kombinieren – für „Steilwand“ hätten wir einen männlichen Schauspieler gebraucht, und das wollten wir nicht. Dann haben wir nach einem passenden Ort gesucht, wir hatten keine Lust, das einfach auf einer Probebühne zu inszenieren. Und in der Rhein-Mosel-Halle klappt das wirklich gut, dieses Flughafenmäßige.

In „Terminal 5“ hatte ich befürchtet, dass zum Schluss ein Unglück passiert. Und in „Rohlinge“ erwartet man einen Gewaltausbruch. Der kommt auch, aber er richtet sich nur gegen die Wohnung und wird am Ende auch wieder rückgängig gemacht. Trotzdem, es gibt Gewalt, die seltsame Doppelgängerin hat anscheinend übermenschliche Kräfte, und auch der Titel „Rohlinge“ hat eine doppelte Bedeutung, es geht um jemanden, der sich roh, der sich gewalttätig verhält.

Dietze: Bei „Terminal 5“ liegt eine Gewalttat in der Vergangenheit, die ist das dem Ganzen zu Grunde liegende Trauma. Und in „Rohlinge“ empfinde ich es sogar sehr gewaltsam, wie beschrieben wird, dass ein Zweitschlüssel angefertigt wird. Runternehmen, einspannen …

Schinke: … fräsen. Gerade wenn man bedenkt, dass die Figur sich selber auch als Rohling begreift, der umgeformt wird, zum Doppelgänger gemacht wird.

Schmidt: In beiden Stücken richtet sich die Aggression nur gegen die Figur selbst.

Wo passiert das denn in „Terminal 5“?

Schmidt: Durch den Fokus auf das Trauma. Auf das Vergangene. Die Figur vollzieht eine Destruktion, statt dass sie ein Wiedergutmachen versucht, statt dass sie Kontakt zu anderen sucht, um das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten.

Dietze: Was auch Zeichen von Gewalt und Schmerz ist: Alles, was in diesen Stücken passiert, auch wenn sie jeweils 45 Minuten dauern, ist nur ein Moment! In „Terminal 5“ erleben wir die Dreiviertelstunde als Depersonalisierungsepisode innerhalb der Traumabewältigung. Die Protagonistin haut von Mann und Kind ab, weil sie das Trauma nicht mehr aushält. Wir erleben den Moment am Terminal, in dem sie ihren Körper verlässt, und wahrscheinlich wäre auf der realen Ebene die nächste Szene, dass wir die Figur in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Instituts sehen.

Ist die Wohnung in „Rohlinge“ eigentlich ein Rückzugsort vor einer Bedrohung draußen? Zentral in der Wohnung ist ein Teppichboden, und der ist erstmal weich und angenehm.

Schmidt: Vielleicht war es das irgendwann einmal. Aber zum Zeitpunkt des Stückes ist es das nicht mehr, weil die Bedrohung schon beim Heimkommen auf sie wartet. Die Frau kann nicht einmal ihre Wohnungstür öffnen, sie kann nicht wissen: Ich bin hier zu Hause! Und ich glaube, wir kehren nie an diesen Punkt zurück, wo die Wohnung ein Rückzugsort sein könnte.

Dietze: Ein zentraler Satz in dem Stück ist: „Nie hätte ich gedacht, dass ich mich einmal so fürchten würde vor einem Leben, das ich doch mal so gut zu kennen glaubte, ein Leben, mit dem ich doch zufrieden war.“ Und da muss man, um an Ihre Einstiegsfrage zu denken, sagen: Das ist wahrscheinlich ein Corona-Feeling. Dass man sagt: „Eigentlich war ich ganz zufrieden mit meinem Leben, trotz blöder Chefin. Aber jetzt habe ich totale Angst davor.“ Bei „Rohlinge“ haben wir viel spekuliert über das Leben dieser Figur, bevor das Stück beginnt.

Schmidt: Hat sie Freunde? Wenn ja: wie viele? Hat sie einen Partner?

Dietze: Wie ist es um das Sexualleben bestellt? Wie ist das mit dem Kind, bei dem nicht klar ist, ob es Wunsch oder Phantasie ist? Was hat die eigentlich für einen Job? Das kann eigentlich nur eine Werbeagentur sein, weil in Agenturen und Anwaltskanzleien von Klienten gesprochen wird, aber bei einem Rechtsanwalt arbeitet sie nicht, weil man da nicht „Firma“ sagen würde.

Und? Wünscht sie sich zum Beispiel das Leben der Doppelgängerin, mit den zwei Freund*innen, die mal auf einen Wein vorbeikommen? Wünscht sie sich ein Kind, das sie beim Vater abgibt?

Dietze: Die beiden Episoden waren Sehnsuchtsmomente aus dem alten Leben. Und die haben jetzt überhaupt keine Chance mehr auf Realisierung.

Schmidt: Da steckt auch ganz viel Wunsch nach dem „Anderen“ drin. Sie wünscht sich ganz kleine, normale Dinge, die sie offensichtlich nicht hat. Und bei denen man auch gar nicht genau weiß, ob die sie wirklich glücklich machen würden, aber Hauptsache, es ist nicht so wie das eigene Leben.

Dietze: Hauptsache: nicht in der Agentur arbeiten, sondern im Museum! Die Doppelgängerin arbeitet im Museum, sie hat offensichtlich einen fachverwandten aber höherwertigeren Beruf.

Schinke: Kunst!

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Frau wirklich unglücklich ist.

Schmidt: Ich finde, das ist eine ganz banale, alltägliche Form von Resignation. Wenn man sie fragen würde, wie es ihr geht, würde sie wahrscheinlich sagen: „Na ja.“

Interview: Falk Schreiber