Jana Gwosdek und David Prosenc – Auf dem Land

Ein Gespräch zwischen Caro Thum (Regie), Juliane Wulfgramm (Dramaturgie) und dem abwesenden Martin Crimp (Autor)

Vorrede: Ein Ehepaar, Richard und Corinne, ist mit den Kindern aufs Land gezogen. Sie leben dort so, wie Großstädter ein Leben auf dem Land leben. In einem ehemaligen Getreidespeicher, eingerichtet auf eine Weise, die sie für ländlich halten. Der Wohnort ist im Osten Englands. In Deutschland könnte dies gut in der Uckermark oder im Wendland, im Alten Land o.ä. sein. Sie sind geflüchtet vor den Problemen in der Stadt: Richard ist Arzt, doch seine Drogensucht hätte ihn fast die Approbation gekostet. Der Einstieg als Landarzt gelingt nur langsam. Eines Abends steht er in der Tür, eine bewusstlose junge Frau auf dem Arm. Nach und nach stellt sich heraus, dass sie, Rebecca, keine Unbekannte und alles andere als zufällig mit ihm zusammengetroffen ist. Die Vergangenheit holt diese drei Personen ein und droht die Gegenwart zu zersetzen. In fünf Dialogen in unterschiedlicher Konstellation versuchen sie sich zu durchschauen, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Ihre taktischen Manöver verlangen ihnen hohe Konzentration ab, denn keiner möchte zu viel von sich preisgeben.
Caro: Es geht in dem Stück auch um eine ewige Fremdheit zwischen Mann und Frau.
Crimp: Mich interessiert, wenn man die Herkunft von Personen nicht kennt. Ich glaube, das kommt in meinen Arbeiten immer wieder vor. Oft gibt es Treffen zwischen Fremden. So in diesem Stück, wenn Corinne mit Rebecca konfrontiert ist. Zwei Menschen aus vollkommen verschiedenen Welten, die den Hintergrund des Anderen völlig missverstehen.

Schere durchbohrt Hand – Auf dem Land

Schere – Stein – Papier

Juliane: Martin Crimp verbindet die fünf Szenen in „Auf dem Land“ mit je einem Element aus dem Spiel „Schere, Stein, Papier“, und zwar in der Szenenfolge: Schere, Stein, Papier, Schere, Stein. Das heißt, die jeweils folgende Szene gewinnt gegen die vorangegangene, bis am Schluss der Stein aus der 5. Szene die Schere aus der 1. Szene schlägt und der Kreis sich schließt. Am Ende gewinnt also der Stein und es gibt ihn wirklich: Corinne erzählt am Stückende, wie sie sich auf einen Steinsitz setzt, ein vielleicht von der Natur, vielleicht von vielen Menschenhänden glatt polierter Stein. Er ist eiskalt, sie hat Angst, dass ihr Fleisch daran kleben bleibt. Und dass er sich ihr Herz einverleibt.
Caro: In meiner Fantasie ist der Stein aus Marmor oder Granit: glatt, kalt, dunkel, glänzend.
Juliane: Es wird in den Szenen taktiert wie in „Schere Stein Papier“. Was wird der andere als nächstes tun: Wiederholung als Teil einer Strategie oder lauern, den Ball zurückspielen, nicht aus der Deckung gehen. 
Caro: Man lässt sich nicht in die Karten gucken. Alle vermeiden aufs schärfste, ein wahres Wort zu sagen. Sie belauern sich: Was ist der nächste Spielschritt des anderen? Überall wird eine Falle gewittert. Es gibt kein Zutrauen: Man führt kein Gespräch miteinander, sondern vermeidet ununterbrochen ein wirkliches Gespräch. Das Stück ist ein einziges Belauern.

Bühnenbild von Auf dem Land

Herz aus Stein

Juliane: Rebecca und Corinne sprechen vom steinernen Sitz, auf den sie sich setzen und der ihr Herz frisst, es sich einverleibt, es einkapselt. Sie haben dann einen Stein statt ein Herz in der Brust.
Caro: Die Kälte frisst sich in sie hinein und vereist und versteinert sie.
Juliane: Corinne fragt am Schluss, „Was, wenn ich den Rest meines Lebens damit verbringen muss, Liebe vorzutäuschen?“ Dabei tut sie es längst, ebenso wie Richard. Und auch Rebecca hat Richard gegenüber Liebe vorgetäuscht, bzw. er hat den Deal – Sex gegen Drogen – als Liebe missverstanden.
Caro: Das von Corinne beschriebene Bild vom Stein könnte jedoch auch ein Traum oder eine Metapher sein – wir wissen nicht, ob sie tatsächlich den Ausflug unternommen hat und auf diesem kalten Stein saß. Vielleicht verwendet sie diese Metapher des versteinerten Herzens, weil sie eigentlich sagen will: Fürderhin werden wir ohne Liebe leben, denn ich verzeihe dir nicht. Sie löst sich aus den Verstrickungen emotionaler Art. Mit einem Steinherz muss sie sich nicht mehr fragen, ob sie für eine andere Person überhaupt etwas fühlen muss, dann kann sie endlich ohne Gefühle auskommen.

Highheel und Schmlammfuß

Wahrheit und Lüge

Crimp: Ich sehe in Rebecca die Wahrheitsträgerin, einer Wahrheit, die man ungern hat, der man aber nicht entkommen kann. Das ist ihre Funktion und das macht ihre Kraft aus. Sie ist diejenige, die die Illusion platzen lässt: die Illusion, in der Corinne lebt, dass alles gut ist, und dass sie dorthin kamen, um auf dem Land zu leben. Aber Rebecca zerstört auch die Illusion, in der Richard lebt, dass sie etwas für ihn empfindet; denn am Ende erklärt sie ihm doch irgendwie, dass sie das nicht wirklich tut oder nicht mehr tut. Sie kann sehr gut Menschen bestrafen.
Juliane: Wäre die Rebecca-Episode für Richard und Corinne die Chance gewesen, ihre Beziehung neu zu gestalten?
Caro: Ja, vielleicht. Aber dazu müsste man ja ehrlich sein. In jeder Szene gäbe es die Möglichkeit eines Auswegs. Jederzeit könnte eine Figur sagen: Es tut mir leid, das und das ist passiert und ich fühle mich so und so dabei. Sie offenbaren sich aber nicht. Sondern: Richard und Corinne entscheiden sich, ohne Gefühle weiterhin zusammen zu leben. Im ganzen Stück herrscht eine Gefühllosigkeit vor, die von den Figuren weggelächelt und weggelogen wird. Dieses Paar kommt mir so gefühlsamputiert vor. Verarmt. Vielleicht ist es einfacher, ohne Gefühle zu leben. Obwohl ich das nicht finde, ich mag Gefühle.

Vermeidung

Caro: Es geht in dem Stück um Vermeidung. Die Figuren vermeiden alles: die Wahrheit auszusprechen, sie vermeiden Zutrauen, sie vermeiden Konflikte, sie vermeiden ein Zusammenkommen, ein Reden von Herz zu Herz. Warum das so ist … ? Wenn sie sich einmal ihrer Situation stellen würden, wenn sie nur einmal eine klare Frage stellen und ehrlich antworten würden, fänden sie vielleicht einen Ausweg. Aber sie vermeiden es.

Magdalena Pircher, David Prosenc und Jana Gwosdek

Sex and Drugs, no Rock’n Roll

Crimp: Ich sehe Richard als einen städtischen praktischen Arzt, der anfängt, aus verschiedenen Gründen Heroin zu spritzen. Viele Ärzte und Zahnärzte sind süchtig, weil sie Zugang zu purem Stoff haben. Der Beruf eines praktischen Arztes, zumindest in England, ist sehr anstrengend. Man hat durchschnittlich alle vier Minuten einen neuen Patienten vor sich. Heroin ist sehr entspannend. Als wir das Stück in London machten, gab es einen Arzt, der mit den Schauspielern gesprochen hat. Sie hatten die Vorstellung, dass Junkies immer arm sind und auf der Straße liegen. Alle waren sehr erstaunt, als der Arzt sagte, dass Heroin, wenn es pures Heroin ist, nicht schädlich sei. Man kann es regelmäßig nehmen, aber natürlich schadet es in anderer Weise, weil man sich seltsam verdächtig benimmt, man versteckt etwas, man lügt, weil man nicht will, dass andere davon erfahren. Aber jenseits der Tatsache, dass es die Libido vermindert, gibt es zunächst keinen Grund, warum es einen zerstören sollte.
Juliane:  Rebecca ist durch Richard abhängig geworden von Medikamenten und dann auch Heroin. Die Beziehung zu ihm war für sie die Chance, an Drogen zu kommen. Sie hat dann einen Cut gemacht und ist aufs Land geflohen, wohin er ihr gefolgt ist. Vielleicht hat sie in der Nacht, als sie in seinem Auto bewusstlos wird und die Handlung beginnt, das erste Mal seit langem wieder was genommen.
Caro: Richard verspricht Corinne, dass alles besser wird. Vorm Umzug aufs Land und in der Geburtstagskarte, nach der Episode mit Rebecca. Ob sie ihm glaubt, ob das noch eine Rolle spielt, erfahren wir nicht. Wahrscheinlich betraf dies auch in erster Linie die Oberfläche, das Bild nach außen.

Schere – Auf dem Land

Beziehung zum Land

Crimp: Die Liebe zum Land hat mit den bourgeoisen Wünschen von Leuten zu tun. Auf dem Land zu leben, heißt einfach, dass man mehr Land kaufen kann und in einem viel größeren Haus wohnen kann usw. Es ist interessant, dass die Vorstellung vom Land in jeder Kultur unterschiedlich ist. In England bedeutet Land natürlich die grünen Hügel, das Gras, die Wolken.
Caro: Die Figuren haben eine seltsame Beziehung zur Natur: betrachtend, fremdelnd, nicht in die Natur hineingehörend. Sie nennen es zuhause, aber sie sind nicht wirklich zuhause. Das Land ist ein Brennglas: Man ist allein, rundum ist nichts. Sie sind der Natur, dem Land ausgesetzt, sie sind wie Flüchtlinge, nicht angekommen.

Bedeutung von Geschichte

Crimp: Wo immer du hingehst, du nimmst deine Probleme mit. Denn du kannst deinen eigenen Kopf nicht verlassen und dein Netz von Beziehungen auch nicht. Obwohl mein Stück kein moralisierendes Stück ist, enthält es dieses moralische Element. Wichtig für mich war, die Parallele zwischen dem Abstraktum Geschichte, repräsentiert durch Fundstücke im Land, und der Geschichte der Personen und der medizinischen Bedeutung des Wortes Geschichte. […] So gab es für mich drei Bedeutungen von Geschichte in dem Stück: Die Geschichte, die man studiert, indem man Bücher liest, die persönliche Geschichte und die Krankengeschichte.

Fußabdruck – Auf dem Land

Wie geht es weiter

Juliane: Die ersten vier Szenen spielen innerhalb einer Nacht, innerhalb derer Corinne weggeht. Dann gibt es einen Zeitsprung von zwei Monaten und wir sehen wieder Richard und Corinne in ihrem Haus. Alles scheint wie immer zu sein. „Normal“.
Caro: Wir haben auf den Proben darüber gesprochen, was in der Zwischenzeit geschehen sein könnte. Wieso ist Corinne zurück? Hat es eine Aussprache gegeben? So von wegen nächtelang am Küchentisch sitzen, Wein trinken und heulen. Ehrlich gesagt: Keiner von uns hat daran geglaubt. Die machen einfach da weiter, wo sie vor Rebeccas Auftauchen waren. Mit dem einzigen Unterschied, dass nun ihre Herzen endgültig versteinert sind, dass sie noch perfekter Liebe vortäuschen. Der Kreis schließt sich, Stein schlägt Schere. Alles ist wie am Anfang, nur noch schlimmer.
Juliane: Wie geht es mit den Figuren weiter?
Caro: Ich glaube, es geht immer so weiter. Das ist aber meine Sicht, das kann im Prinzip jede*r der Beteiligten der Produktion und des Publikums anders sehen. Und es gibt kein Verzeihen. Die Versprechen werden nicht eingelöst. Ich dachte auch schon mal, Richard hätte Rebecca nach dem 4. Bild getötet. Aber das muss nicht stimmen. Es ist total legitim, dass die Darsteller*innen jede*r für ihre Figur ein anderes Ende annehmen.

Caro Thum und Juliane Wulfgramm führten das Gespräch am 27.01.2021. Die Passagen Martin Crimps entstammen dem Programmheft der Uraufführung von „Auf dem Land“ in Zürich 2001.  Das Interview mit Martin Crimp und dem Regisseur Luc Bondy führten Stefanie Carp und Stephan Wetzel, die freundlicherweise die Genehmigung zur Verwendung der Zitate erteilten.

Fotos: Arek Głębocki