… mit dem königlichen Spiel: „Chess“ auf der Festung Ehrenbreitstein, ein Musical aus der Feder der Abba-Männer Benny und Björn. Kurz vor der Premiere am 18. August haben wir den Intendanten und Regisseur Markus Dietze gefragt, was ihn mit dem Stück verbindet. Und was anders ist, wenn man Freilichttheater macht.


Haben Sie „Chess“ eigentlich selber mal gesehen?
Ja, die Uraufführungsinszenierung, 1986 in London. Ich war 14, wir waren damals im Urlaub in Südengland, und da ich ein großer Musical-Fan war, wollte ich unbedingt ins West End. Ich erinnere mich daran, dass wir eines Abends alle zusammen in „Starlight Express“ waren. Aber für „Chess“ – und für „Les Misérables“ – hatte ich Tickets für Nachmittagsvorstellungen, und da durfte ich dann auch allein hin.

Und woran erinnern Sie sich noch?
Zum einen fand ich das Programmheft ganz großartig: DIN A4, Hochglanz, bunte Bilder! Für einen Trierer Schüler, der bis dahin nur deutsche Stadttheaterhefte kannte – Dünndruck, achtseitig und vielleicht noch drei Schwarzweiß-Fotos aus einem frühen Probenstadium –, war das ziemlich beeindruckend. Zum zweiten: an die unglaubliche Theatertechnik, die damals absolut State of the Art war. Und zum dritten an den enormen Aufwand, der da in Bühnen- und Kostümbild betrieben wurde.

Was macht die Qualität dieses Musicals aus?
Zuallererst natürlich der Abba-Sound. Es ist musikalisch wie kompositorisch einfach sehr gut gemacht – und es hat eine unheimliche Wucht und Kraft. Besser als alles, was Andrew Lloyd Webber, jenseits von „Jesus Christ Superstar“, jemals geschrieben hat.

Waren Sie als Teenager eigentlich Abba-Fan? Oder ist das eher Mädchenmusik?
Mädchenmusik? Das klingt so abschätzig. Ich würde eher sagen: Es ist Gruppenmusik. Also Musik, die Menschen gemeinsam und zusammen anhören können und wollen. Ich selber habe früher allerdings eher Genesis oder Dire Straits gehört. Aber heute muss ich sagen: Ich finde Abba tatsächlich großartiger – und zeitloser. Wenn ich so an die Knopfler-Brüder denke und ihr Zelebrieren ihrer Gitarrensoli: Die spielten das – zu einem großen Teil – vermutlich auch für sich selbst. Wohingegen Abba immer ausgestrahlt hat: Hey, auch wir machen gerne Musik – aber wir singen und spielen für euch. Wir freuen uns, dass ihr da seid, dass ihr uns zuhört.

Nachdem es zunächst recht erfolgreich war, ist „Chess“ trotzdem recht schnell erst einmal wieder von den Bühnen verschwunden.
Nun, es gab ja durchaus ein paar Theater in Deutschland, die es gespielt haben. Aber dass es nur so wenige waren, lag womöglich auch daran, dass sich das Thema – der Ost-West-Konflikt, der Kalte Krieg, Amerika gegen die Sowjetunion – nach 1989 erst einmal erledigt hatte. Als dann die „Mamma Mia“-Welle rollte, war es ja zudem einige Zeit gesperrt. Und außerdem galt es ja immer als ein bisschen schwierig aufzuführen.

Warum?
Weil es beginnt wie eine Operette, sich dann zum Rock-Musical wandelt, um als Oratorium zu enden. Und weil es bis heute keine finale Fassung gibt. Tim Rice, der Texter, lässt einem alle Möglichkeiten: Man darf machen, was man selbst als sinnvoll empfindet.

Textlich? Oder auch musikalisch?
Nein, musikalisch natürlich nicht. Man darf keine anderen Abba-Songs einbauen, falls Sie das meinen. Oder grundsätzliche entstellende Veränderungen vornehmen. Die Songs müssen bleiben, wie sie sind.

Und das Stück muss weiterhin von einem Zweikampf zweier Schachgroßmeister handeln?
Das muss es. Aber da wären wir bereits bei einer weiteren Herausforderung, die „Chess“ mit sich bringt.

Nämlich?
Schachfans würden mir da jetzt vermutlich energisch widersprechen, aber Schach ist ja, sagen wir mal, nur auf eine spezielle Art und Weise spannend. Freundlicher ausgedrückt: Es hat eine Dynamik, die für eine Bühnenhandlung nicht unbedingt hilfreich ist. Allerdings sehen wir hier erneut, wie gut das Stück gebaut ist: Eine derart unspektakuläre Binnenhandlung muss ja permanent nach außen vermittelt werden. Deshalb hat Tim Rice eine Figurengruppe namens Reporter erfunden. Sie verfolgen und begleiten das Geschehen, das dadurch seine Dynamik entwickelt.

Dass „Chess“ um den Machtkampf der beiden Supermächte Amerika und Russland kreist, ist ja interessanterweise seit kurzer Zeit wieder ein echtes Thema!
Das stimmt. Das Stück gerade heute zu spielen, hat eine durchaus pikante Note. Wir befinden uns im Augenblick weltpolitisch ja gerade sehr aktuell erneut in einer Situation, in der man den Präsidenten beider Länder durchaus wieder etwas Sinistres unterstellen könnte. Auch die Figur des russischen Agenten ist so putinesk, dass sie jetzt, 2018, wieder etwas ziemlich Interessantes hat.

Und warum spielen Sie das Stück als Freilicht-Aufführung oben auf der Festung und nicht unten im Theater?
Weil es gut dorthin passt. Auf der Festung muss ein Stück von Hell nach Dunkel gehen. Stücke, die das nicht tun, haben es dort schwer. „Chess“ beginnt in den Bergen, in Meran, im Sommer, und es endet in diesem gewaltigen, oratorienhaften Dauerchor des letzten Finales. Abgesehen davon hat es einige Momente, die derart laut und kitschig sind, dass sie ein bisschen Luft und Weite gut gebrauchen können.

Also ist es ein Segen, die Festung bespielen zu können?
Nun ja, die Festung ist immer Segen und Fluch zugleich. Toll ist, dass man dort den Sängern und Schauspielern Gesten erlauben kann, die man im Haus sofort einkassieren müsste.

Weil sie …
… viel zu viel wären. Viel zu dramatisch, viel zu bunt, viel zu überladen. Auf der kleinen Probebühne denkt man als Zuschauer oft unwillkürlich: Um Himmels Willen! Aber wenn man sie dann open air sieht – da passt es.

Man darf also richtig groß werden.
Ja. Aber man muss eben auch richtig groß werden. Eine intime Zwei-Personen-Szene oder zu viel gesprochener Dialog sind dort schwieriger.

Gibt es etwas, bei dem sich die Festung ausschließlich als Fluch erweist?
Ja. Da oben gibt’s Wetter. Dort zu proben, draußen, bei 35 Grad – das ist nicht schön. Und nicht schön ist auch, abends möglicherweise ein Unwetter aufziehen zu sehen. Wir müssen jedes Jahr aufs Neue damit rechnen, dass wir womöglich abbrechen müssen…

„Cats“ haben Sie vor drei Jahren ins Große Haus übernommen. Haben Sie das bei „Chess“ auch vor?
Erst einmal nicht. Also: Wer es sehen will, muss diesen August auf die Festung kommen!

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld