Sinnlich, smart, sexy: Das sind Roxie und Velma, zwei Gattenmörderinnen, die sich im Gefängnis kennenlernen und in jede Menge Razzle Dazzle hineingeraten. Das Musical „Chicago“ ist eine hinreißend unmoralische Story aus der Feder von John Kander, Bob Fosse und Fred Ebb über die Sehnsucht nach Ruhm und Reichtum im Chicago der 20er Jahre. Am Samstag, 7. Dezember, feiert es im Theater Koblenz Premiere. Und auf den Proben geht es mindestens so energiegeladen zu wie im fiktiven Frauenknast.

Chicago Koblenz

LIZ
„Wissen Sie, manche Leute haben so ihre kleinen Gewohnheiten, die einen irgendwann auf die Palme bringen. Zum Beispiel Bernie. Bernie liebte Kaugummi. Aber nicht etwa zum Kauen. Nein – zum Knallen. Eines Tages kam ich nach Hause und war wirklich schlecht drauf. Was ich da brauchte, war einfach ein bisschen Verständnis. Aber Bernie lag auf der Couch, trank Bier und kaute – nein, er kaute nicht, er knallte. Da sagte ich zu ihm: ‚Bernie, wenn du noch einmal knallst …’ Und er tat es! Da nahm ich das Gewehr von der Wand und feuerte zwei Warnschüsse in seinen Kopf.“

Ein Mittwochabend im Ballettsaal: Heute Abend wird der „Cell Block Tango“ geprobt. In dieser Nummer erzählen die Knast-Insassinnen von ihren Taten. Sehr kurzweilig, sehr reuelos. Denn in diesem Bühnen-Chicago ist Mord eine Form der Unterhaltung. Fred Ebb und Bob Fosse – die beiden Texter – sowie der Komponist John Kander nannten ihre Schöpfung ein „Musical-Vaudeville“. Wollten demnach ein Stück Unterhaltungstheater schaffen in der Tradition der ersten Broadway-Shows der Zeit um 1900.

Die Schauspielerin Jana Gwosdek beginnt, Bernies Witwe spricht ihren kleinen Monolog.

„Bitte nicht so tiefsinnig“, sagt Regisseur Markus Dietze nach dem ersten Mal. „Jana, das muss noch aggressiver sein“, sagt er nach dem zweiten. Und wünscht es sich „bitte noch psychopathischer“ nach dem dritten. „Ja, okay“, motzt die Schauspielerin nun zurück, um sich in ihre Rolle einzufinden. „Und ihr da hinten“ – genervter Blick zu den Kolleginnen – „lacht nicht so blöd!“ Jetzt ist die richtige Stimmung da. Choreograph Steffen Fuchs achtet derweil auf die Tanzschritte. Ein bisschen Neoklassik, ein bisschen Jazz, ein bisschen Roaring Twenties. Winkt dann aber bald ab. „Nein, da ist etwas falsch. Alle nochmal zurück. Wobei ich es allerdings besser fände mit einer nur halb durchgeknallten Liz.“

Nicht einfach, zwischen all den Wünschen und Ansprüchen des Regieteams zur eigenen Interpretation der Rolle zu finden. Denn die Frage ist ja: Wie extrem ist die Figur? Ist das, was sie erzählt, noch Satire? Oder doch bereits Groteske? Soll der Zuschauer laut lachen oder sich lieber leise gruseln?

Chicago Koblenz

ANNIE
„Vor etwa zwei Jahren lernte ich Ezekiel Young aus Salt Lake City kennen. Er erzählte mir, er sei ledig. Und, naja, wir sind gleich aufeinander geflogen, und da beschlossen wir, zusammenzuleben. Er ging zur Arbeit, er kam nach Hause, ich mixte ihm einen Drink, wir aßen zu Abend. Es war der Himmel auf Erden – in zweieinhalb Zimmern. Und dann kam ich dahinter. ‚Ledig’ hatte er gesagt? Ledig am Arsch! Nicht, dass er nur einfach so verheiratet gewesen wäre. Oh nein, er hatte sechs Frauen! Einer von diesen Mormonen, wissen Sie. Als er an diesem Abend nach Hause kam, mixte ich ihm wie gewöhnlich seinen Drink. Aber es gibt eben Menschen, die vertragen einfach kein Arsen.“

Als „gute Show“ bezeichnet Regisseur Markus Dietze das Musical. Dass es als Nummernrevue daherkommt, ist für ihn Hypothek und Chance zugleich: „Hypothek, weil man sich hier nicht auf das Nacherzählen einer Handlung verlassen kann – eben weil es eine Handlung im herkömmlichen Sinn nicht gibt. Und Chance, weil es durch diese Form ein hohes Tempo, viel Witz und eine große Unterhaltsamkeit mit sich bringt.“

Die anständige Portion Zynismus nicht zu vergessen. Sie lasse das Musical erstaunlich aktuell wirken: „Mit seinem Blick auf Gerechtigkeit, das amerikanische Rechtssystem und den Journalismus ist es absolut am Puls der Zeit.“ Und dabei doch bereits 44 Jahre alt: Die Uraufführung fand 1975 im 46th Street Theatre in New York statt.

Unterdessen geht die Probe weiter, nun muss June ihre mörderische Geschichte erzählen. Wie sie in der Küche das Hühnchen fürs Abendessen zerlegt und plötzlich ihr Mann Wilbur hineinstürzt. Und sie rasend vor Eifersucht immer wieder anbrüllt: „Du fickst den Milchmann!“ Und dann – upsi – in ihr Messer rennt. Zehn Mal.

Die zarte, blonde Tänzerin Clara Jörgens spielt zunächst eine zarte, leise June. Eine Frau, die selber darüber erschrocken ist, was sie getan hat. Also bittet Regisseur Markus Dietze auch sie: „Kannst du psychopathischer sein?“ Das Resultat beim zweiten Durchgang: Ein leerer Blick aus toten Augen – und eine rechte Hand, die in schneidenden Bewegungen auf den rechten Oberschenkel einhackt. Gut so. Ausreichend durchgeknallt.

Nach drei bewegten Stunden unter dem gleißend hellen Licht des Ballettsaals ist das Ende der Probe gekommen. „Nicht frustriert sein, dass manches noch nicht geklappt hat“, sagt Markus Dietze zum Schluss. Schließlich war es erst das erste Mal, dass Choreograph und Regisseur gemeinsam an dieser Nummer gefeilt haben. „Wir sehen uns am Samstag morgen auf der Bühne“, verabschiedet er sich. Es wird die erste Probe im Großen Haus sein. Im echten Bühnenbild und auf der Drehbühne.

Chicago Koblenz

MONA
„Ich habe Alvin Lipschitz mehr geliebt, als man in Worten fassen kann. Er war ein echter Künstler… so sensibel! Maler! Aber er war voller Unruhe. Immer auf der Suche nach sich selbst. Jede Nacht war er unterwegs auf der Suche nach sich selbst. Und fand auf diese Weise Ruth, Gladys, Rosmarie und – Tommy. Ich glaube, man kann es so ausdrücken: Wir haben uns wegen künstlerischer Meinungsverschiedenheiten getrennt. Er sah sich selbst als Lebenskünstler, und ich sah ihn mehr als – Todesfall.“

Drei Tage später. Samstag vormittag, 10 Uhr, Großes Haus. Drei Bühnentechniker sind da, ebenso der Bühnenbildner sowie alle Tänzerinnen, alle Schauspielerinnen. In einer Ecke stehen drei sehr merkwürdig kostümierte Schaufensterpuppen – eine davon mit herunter gelassener Hose –, die später ihren großen Auftritt haben werden. Nun muss der „Cell Block Tango“ den Sprung vom Ballettsaal auf die Drehbühne schaffen. Was es dafür braucht? „Energie und Präsenz – von uns allen“, antwortet Daniel Spogis, der Dirigent der Produktion.

Das Regieteam hat sich entschlossen, für das Bühnenbild nicht mit Filmelementen oder Projektionen zu arbeiten, sondern mit Bildern, die auf Walzen durch große Kästen laufen. „Ähnlich den Cycloramen des 19. Jahrhunderts. Oder auch den heutigen Reklametafeln an Bushaltestellen“, erklärt Ausstatter Christian Binz. Das Ziel: den Revue-Vaudeville-Charakter des Musicals auch visuell aufzugreifen. Die Bilder, die zu sehen sein werden: Fotos, Gemälde, Wandmalereien oder Werbeanzeigen aus dem Amerika der 20er Jahre.

Irgendwann folgt der Auftritt des Milchmanns. Sprich: der Schaufensterpuppe mit der herunter gelassenen Hose. Junes Affäre. Wobei Clara Jörgens nun Pause hat. Denn: „Dieser Vormittag dient nicht der Choreographie. Das ist vorrangig eine technische Probe. Wir müssen jetzt schauen, ob all das, was wir uns gedacht haben, vom Timing her mit der Drehbühne stimmt“, so der Regisseur. Und so dreht sich die Scheibe immer wieder hin und her, und der Milchmann fährt immer wieder vor und wieder ab.

Die Schauspieler, Sänger und Tänzer sitzen derweil auf dem Boden an den Seiten. Einige lesen, andere schauen zu, ein paar flüstern leise. Viel Geduld zu haben – auch das ist keine unwichtige Eigenschaft für einen Bühnendarsteller. Knapp vier Stunden gehen zu Ende. Die Fahrten der Drehbühne passen nun. Die szenischen Elemente kommen dann auf den nächsten Proben hinzu. Schließlich sind es ja noch ein paar Tage bis zur Premiere.

Text: Margot Weber
Illustrationen: Christian Binz