Cowboys sind brutal, konservativ und oberflächlich. Und sie tanzen nicht. Oder? Der Leipziger Choreograf Sebastian Weber zeigt einen politischen Tanzabend.

Cowboys – Foto: Tom Dachs
Foto: Tom Dachs

Sebastian Weber, ich habe neulich Steffen Fuchs interviewt, den Koblenzer Ballettdirektor. Und der erzählte, dass ihn Handlungsballette nicht so sehr interessieren, er würde lieber sinfonische Ballette choreografieren. Verstehen Sie ihn? „Cowboys“ arbeitet ja mit Handlung und konkreten Bildern.
Naja, „Cowboys“ erzählt keine Geschichte, die einen Anfang und ein Ende hat, die versucht, Rollen auszufüllen. Aber es stimmt schon: Alle Szenen haben für uns beim Tanzen eine starke innere Bedeutung, es gibt immer eine Idee, die mit der Bewegung verbunden ist. Aber wir haben gar nicht die Erwartung, dass im Publikum jeder diesen Gedanken entschlüsseln sollte. Das ist kein Bilderrätsel, bei dem man quasi erkennt: Ah, jetzt kommt Donald Trump auf die Bühne!

Ich habe aber eine Geschichte gesehen, mit Archetypen amerikanischer Figuren, eine Liebesgeschichte, eine politische Geschichte …
Das finde ich super. Wenn das Stück, das wir tanzen, sich erst im Zuschauer vervollständigt. Aber möglicherweise sieht derjenige, der neben Ihnen sitzt, ganz andere Sachen. Und das ist, was Tanz im Vergleich zu einer gesprochenen Geschichte auszeichnet.

Ist „Cowboys“ denn Ihre erste Arbeit, die Sie in Koblenz zeigen?
Ja. Die Zusammenarbeit mit Koblenz ist Teil eines Doppelpass-Projekts, eines speziellen Fördermodells der Bundeskulturstiftung. Ein zweites Stück produzieren wir im Dezember in Koblenz, „Folk Fiction“.

Ihre Ästhetik, der zeitgenössische Stepptanz, ist ja etwas ganz anderes als das, was in Koblenz ansonsten tänzerisch passiert. Kennen Sie die Stadt, kennen Sie das Publikum?
Nein, eigentlich nicht. Ich kenne Steffen Fuchs noch aus seiner Leipziger Zeit. Der ist ja einerseits ein totaler Ballettprofi und -kenner, der ganz klassisch gestalten kann. Aber er ist auch echt ein kreativer Kopf, der in Leipzig verrückte Sachen gemacht hat, weit entfernt von jeder Klassik! Innerhalb seiner Balletttradition versucht er jetzt eigentlich was ähnliches wie ich im Stepptanz: Er hat einen ganz traditionellen Kanon von Bewegungsideen, und er versucht, da seine zeitgenössischen Anliegen zu transportieren. Es wird interessant, wie wir uns da begegnen können.

Keine Angst, das Publikum vor den Kopf zu stoßen?
Überhaupt nicht. Erstens sind wir ganz anders als Steffen Fuchs mit seiner Koblenzer Compagnie, es ist klar, dass wir mit Ballett nichts zu tun haben, man kann das gar nicht vergleichen. Und dann ist es eben auch so, dass wir überzeugt sind: „Cowboys“ ist unser Stück! Alles, was wir da machen, wollen wir wirklich zeigen – jedem der kommt.

Wenn man deutlich machen möchte, was man am US-amerikanischen Lifestyle nicht mag, spricht man von Cowboys. Cowboys sind oberflächlich, brutal, konservativ, ungebildet, provinziell … Da ist man schnell beim Klischee.
Wir vergleichen Populisten mit Klischeecowboys aus dem Western: So wie die Cowboys gerieren sich die Populisten als einsame Helden, die für ihr „Volk“ kämpfen. Sie sind die Underdogs, die angeblich vom Establishment gedisst werden – oder vom Islam, von der Presse, von irgendeinem übermächtigen Feind, den sie total überzeichnen, um ihre Gefolgschaft um sich zu scharen. Das hat hohen Unterhaltungswert, und zwar auch für diejenigen, die gar nicht auf der Seite der Cowboys sein wollen. Wir als liberal Denkende befeuern diesen ganzen Mechanismus, indem wir uns über die Cowboys aufregen. Und dann stellt man fest, dass die Inszenierung, das ganze Showbusiness ein wesentlicher Teil der Populisten ist. Aber Showbusiness ist auch unser Milieu! Stepp ist der klassische Showbusiness-Tanz überhaupt!

Wenn man sich das Stück genau anschaut, stellt man fest: Das ist gar kein reiner Stepptanz. Vielleicht die ersten fünf bis zehn Minuten, aber dann bricht das auf, dann sieht man Tanzbewegungen, die Ensembleszenen sind, mal ein Pas de Deux, mal was Moderneres …
Das ist so ein bisschen die Frage: Was ist Stepptanz überhaupt? Stepptanz ist für mich alles, was ganz direkt mit Klang verbunden ist und was aus der Tradition des Jazz kommt. Für mich ist nicht nötig, dass man Stepptanzschuhe anhat, dass es immer klappert, immer laut ist. Wenn wir arbeiten, dann haben wir zunächst das Thema. Dann geht es los mit einer Recherchewoche, dann werden die Bilder entwickelt, die uns wichtig sind, und einige dieser Bilder führen dann irgendwann dazu, dass das klingt und relativ traditionell klappert. Bei anderen ist das einfach nicht die richtige Form, da ist man dann vielleicht barfuß, oder macht was mit Gesten, was Kleines …

Auf der Bühne steht eine Liveband.
Die Stepp-Tradition, aus der ich komme, ist ganz eng verbunden mit Live-Musik. Es ist auch Absicht, dass der Abend eine Mischung aus Konzert und Tanzperformance wird. Außerdem, wenn man an das Klischee des Cowboys denkt, an den Typen, der sich neben die Gesetze stellt, an das Zelebrieren des Helden – das kennt man auch aus der Rockmusik. Insofern passt es, dass wir diese Rampe haben, dass die Band wie bei einem Popkonzert angestrahlt wird. Man gibt da seine Individualität ab an einen einzelnen Guru. Egal, ob das jetzt ein Rockstar ist oder ein Trump.

Cowboys – Foto: Tom Dachs
Foto: Tom Dachs

Die Band bleibt aber nicht nur auf der Bühne, die Musiker treten auch zu den Tänzern.
Ich möchte solche Bilder nicht zu sehr entschlüsseln, weil ich die Sichtweisen nicht einschränken will. Mir persönlich gefällt eine Szene gut, wo sich alles ein bisschen entwickelt zu einer Art Museum universeller Lebensarten, die bedroht werden, wenn die Populisten sich durchsetzen. In vielen Ländern Osteuropas trifft das ja schon zu – da kann man nicht mehr schwul sein, da kann man bestimmte Lebensformen nicht zeigen, ohne Repressalien zu fürchten. Jedenfalls sind wir alle diese bedrohten Lebensformen, mit unserem Jazz, unserem Stepp, unserem Freigeistkram. Wir sind die natürlichen Lieblingsfeinde der Populisten.

In Koblenz hat man noch kein so großes Problem mit Populisten. Aber wir führen dieses Gespräch in Leipzig, in Sachsen, und wir haben Angst, wie stark die AfD bei der Landtagswahl im Herbst wird …
Ich komme eigentlich aus Freiburg im Breisgau, aus dem anderen Ende der Republik, und habe mir Sachsen erst später ausgesucht. Und natürlich besorgt mich, was hier passiert. Aber: die Company kommt aus 7 verschiedenen Ländern und in allen passiert ähnliches! Man dachte früher: Okay, ein paar Idioten gibt es immer, 4,8 Prozent für die NPD gehören halt zur Demokratie. Und wenn die jemals an die Macht kommen, dann wird man ja sehen, dass die keine Ideen haben, dass die nichts lösen. Nur stellt man jetzt fest: Die kommen in machtvolle Positionen, am prominentesten natürlich Trump, und der Zauber enttarnt sich eben nicht! Es gelingt ihnen, die Spaltung weiter aufrecht zu erhalten, sogar noch zu verschärfen, weiter so zu tun, als wären sie die Underdogs! Dadurch verändern sie die Gesellschaft, schaffen ein Klima von Gewalt und Kompromisslosigkeit. Und das geht Koblenz genauso was an wie Leipzig, oder Chemnitz oder Oslo …

Interview: Falk Schreiber