„Daheim“ ist es am Schönsten. Die Meinungen zum eigenen Heim oder dem Zuhause sind so vielfältig wie ihre Bewohner, die je nach Herkunftsland, Kultur, Prägung, beruflicher Situation und Alter sehr unterschiedliche Auffassungen zu ihrem Zuhause haben.

Der Begriff „Heimat“ war lange aus der Mode und galt als spießbürgerliches Klammern an alte Traditionen, zumindest aus der Sicht der Jugend. Das Bekenntnis zur eigenen Heimat, die „Heimatverbundenheit“ liegt heute wieder im Trend. Ebenso wie der Verkauf regionaler Produkte und die Modernisierung alter Traditionen. Heimat bleibt uns im Leben treu und formt unsere Identität. Heimat bleibt auch ein Teil unserer Identität, wenn wir sie bewusst verlassen und uns flügge in die große weite Welt stürzen, um zum Beispiel zu studieren. Wir erinnern uns in der Fremde an unsere Heimat, wenn wir den heimatlichen Dialekt hören, eine Landschaft sehen, die der Heimischen nahe kommt oder einen bestimmten Geruch wahrnehmen, der an das Elternhaus erinnert. Schlimm wird der Verlust der Heimat, wenn wir gezwungen werden sie und das Zuhause zu verlassen, weil es woanders bessere Arbeitsmöglichkeiten gibt oder die Flucht aus der Heimat nötig wird, weil ein Krieg ausgebrochen ist. Die unbegrenzten Möglichkeiten, die uns heute weltweit geboten werden, scheinen auch ein Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit in einem bekannten Umfeld „Daheim“, in der Heimat, in uns auszulösen. Doch wie definiert sich der Begriff „Daheim“ überhaupt. Liegt ein Heim immer in der Heimat und ist das „Daheim“ auch gleichbedeutend mit Zuhause?

Bühnenbild Daheim
Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz


Wer sich überall zuhause fühlt, ist nirgends daheim

Wir Menschen leben in Häusern, Wohnungen, Burgen, Zelten, unter Brücken, Parkanlagen und leerstehenden Räumen. Wir leben in einem Eigenheim mit Garten und Garage, oder zur Miete in einer Stadtwohnung, auf dem Land im Gutshaus, auf dem Bauernhof, im Hochhaus oder ganz modern weltweit als digitaler Nomade in Hostels, ganz ohne festen Wohnsitz.

Die Wohnbereiche haben unterschiedlichste Quadratmeterzahlen und haben Wände und ein Dach. Der von uns ausgewählte Ort ist unser „Daheim“, unser Zuhause, in dem wir uns geborgen und sicher fühlen, der Raum für Träume lässt und an dem wir uns gehen lassen können. Das Heim schützt vor Wettereinflüssen, Feinden und fremden Blicken. Es ermöglicht uns unsere Nachkommen geschützt aufzuziehen. Ein Rückzugsort, der für uns selbstverständlich und überlebensnotwendig ist.

Katharina Hille – Daheim
Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz

Ein Haus ist noch kein Zuhause

Die Bedürfnisse an das eigene Zuhause passen sich an das jeweilige Lebensumfeld und die finanziellen Möglichkeiten an.

Studenten wohnen zum Beispiel auf kleinstem Raum gemeinsam mit anderen Studenten unterschiedlicher Herkunft im Wohnheim zusammen. Sie teilen sich das Badezimmer, die Gemeinschaftsküche mit zwei Herdplatten und das angeschlagene Geschirr. Im Gemeinschaftsraum stehen zu wenig Stühle für zu viele Leute. Die Privatsphäre ist stark eingeschränkt. Der Zustand wird auf die Dauer nervig, schließlich zieht sich jeder in sein eigenes Zimmer zurück und verschwindet im Internet.

Eine weitere Option ist das Wohnen in einer Wohngemeinschaft, meistens in einer größeren Stadt. Die Stadt bietet eine große kulturelle Vielfalt und eine intakte Infrastruktur. Es zieht viele Menschen in die Großstadt, doch der Lebensraum ist knapp und so verzichtet man aus Kostengründen vielleicht auf die eigene Wohnung und teilt sich den Raum mit anderen in einer WG. Denn alleine wohnen, das kann sich ja keiner mehr leisten. Auch wenn da die größtmögliche Freiheit zur Verfügung stehen würde. Es lässt sich hervorragend bis mittags schlafen. Aufräumen muss man nur, wenn die Lust aufkommt oder das Geschirr zur Neige geht. So ist die Idealvorstellung der Menschen, die nicht alleine leben. Doch auch Single-Haushalte unterliegen Regeln. Wenn zum Beispiel unerwartet Besuch vor der Tür steht, würde das Chaos öffentlich und persönlich unangenehm, denn wer chaotisch lebt ist bestimmt auch ungepflegt, hat keinen Respekt vor Gästen und keine Disziplin. Einsam kann es in einer Wohnung alleine auch schnell werden. Die kleinste menschliche Einheit sind zwei, heißt es wahrscheinlich nicht umsonst. Also vielleicht doch lieber die Gemeinschaft suchen.

Ein Wohnprojekt ist da eine Alternative. Jede Partei lebt in seiner eigenen Wohnung, es gibt Gemeinschaftsräume, es wird gemeinsam nachhaltig und ökologisch gekocht und ein Teil der Sachen gehören der Gemeinschaft. Mehrere Generationen leben zusammen in einem Haus und man hilft sich gegenseitig, allerdings wird auch alles gemeinsam in der Gruppe entschieden und stundenlang diskutiert. Ach nö! Die Entscheidung ist nicht leicht bei den vielfältigen Möglichkeiten, die sich hier gar nicht alle aufzählen lassen.

Pia Heldmann, Katharina Hille, Lara Koch, Paula Schmoll, Norina Voogt – Daheim
Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz

Zuhause ist, wo das Herz eine Heimat findet

Jemand, der nach der Schule in seinem Heimatort studiert, in seinem Elternhaus wohnen bleibt und dort auch seine eigene Familie aufbaut definiert sein Heim, oder das Zuhause, sicher in enger Anbindung an den Begriff „Heimat“. Für ihn ist das „traute Heim“ ein Ort an dem mehrere Generationen vereint leben, in dem sich im Dachboden Kisten mit Erinnerungen stapeln, und dass ein hohes Maß an Sicherheit bietet, weil man sich gut auskennt.

Menschen, die in ihrem Leben schon häufig umgezogen sind, sehen ihr Heim nicht unbedingt an die Heimat angebunden, das hängt von der jeweils eigenen Definition ab. Da kann das „Daheim“ schon die eigenen vier Wände bedeuten, das vertraute Möbel und Gegenstände beinhaltet. Ein Ort an dem man zur Ruhe kommen kann und an dem man unbeobachtet ist, denn „Daheim“ ist jeder ein König. Aber selbstverständlich ist das nicht. Genügend Menschen müssen ihr „Daheim“ verlassen, weil Krieg herrscht oder das Geld für die Miete nicht mehr ausreicht. Plötzlich sind sie im eigenen „Heim“ nicht mehr willkommen und müssen fliehen oder ohne Obdach auf der Straße leben. Kann die Straße ein Zuhause sein? Oder ist sie ein Zuhause aber kein „Daheim“?

Bühnenbild Daheim
Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz

Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird

Das Zimmer ist der Spiegel zur Seele, heißt es. Da muss doch hinter dem „Daheim“ noch mehr stecken als die lokale Verortung, die Immobilie oder das Wohnmodell. Etwas intimes steckt in jedem Zuhause. Geheimnisse verbergen sich in Schubladen, der Eigengeruch jedes einzelnen Menschen steckt im Raum. Der Einrichtungsstil und die persönliche Dekorationsleidenschaft verrät viel über den Bewohner und seinen Charakter. Man braucht für das persönliche, heimelige Gefühl zum Beispiel Vorhänge, ein großes Zimmer, eine große Küche, einen Balkon, eine Badewanne, keine Fließtapete, Dekorationen, einen Garten, WLAN, eine Musikanlage, Sofakissen, Blumen, Bücher, Feuermelder, eine Wellness-Dusche, eine Kaffeemaschine, den bestimmten eigenen Geruch und einen Hund vielleicht. Die Liste lässt sich unendlich fortsetzten. Andere brauchen ganz minimalistisch nur das aller Nötigste. Ein neues Zuhause kann auch nach einem Umzug schnell fertig sein, wenn das Lieblingskissen ausgepackt ist und die Postkarte mit Erinnerungen an die Wand gepinnt ist und gute Freunde in der Nähe wohnen. Jeder wie er mag, heißt es in den eigenen vier Wänden, „daheim“.

Lara Koch, Paula Schmoll – Daheim
Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz

Der Kuckuck setzt sich in das gemachte Nest

Der Drang nach einer Heimat und einem geschützten Ort liegt in allen Lebewesen. Wie steht es um den Begriff „Heimat“ aus zoologischer Sicht? Tiere leben, je nach Gattung, in einem Bau, im Kobel, im Nest, in unterirdischen Höhlen oder sie wandern an verschiedene Orte und suchen sich eine sichere Schlafstätte. Kennen Tiere ein „daheim“ und wie gehen sie mit Heimat um?

Der Jugendclub, der sich seit dieser Spielzeit „Junge Enthusiasten“ nennt, hat das Thema „Daheim“ auf vielfältige Weise untersucht, aus den beschriebenen Impulsen eigene Texte geschrieben und in der Regie von Anna Zimmer, ein Stück entwickelt. Die Eigenproduktion haben in diesem Jahr fünf junge Frauen ausgearbeitet, vier Studentinnen und eine Schülerin, die mit viel positiver Frauenpower ihre Sicht auf „Daheim“ schildern.

Anna Drechsler