Pantalone: Schluss jetzt, Herr, verausgaben Sie sich nicht. Was wollen Sie? Wer sind Sie? Wer schickt Sie?
Truffaldino: Sachte, sachte; brav bleiben! Drei Fragen auf einmal ist zuviel für einfachen Mann.
Pantalone (leise zum Dottore): Schätze, es handelt sich um einen Simpel.
Dottore (leise zu Pantalone): Ich würde eher etwas Burlesques an ihm diagnostizieren.

Christof Maria Kaiser, Sie spielen Truffaldino, die Titelfigur in Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“. Was ist dieser Diener eigentlich für ein Typ?
Der ist irgendwo in einem ganz frühen Stadium stehengeblieben. Der kommt aus Bergamo, in Italien, also aus dem hohen Norden, und da nahm man früher eben an, dass da die Dorftrottel herkommen. Er ist zwar überhaupt nicht doof, aber einfach ein großes Kind geblieben.

Der Diener zweier Herren mit Christof Maria Kaiser

Ich finde auch nicht, dass er ein Dorftrottel ist – der ist bauernschlau.
Ja, aber er benutzt das nicht vorrangig. Der hangelt sich halt vom einen Schritt zum anderen. Und klappt eine Sache nicht, dann ist das überhaupt kein Problem. Er windet sich dann da raus und geht einfach ins Neue rein. Und so geht das von Szene zu Szene, dann baut er wieder Scheiße, und dann kommt die nächste Chance, was wieder gut zu machen, wieder was zu verdrehen …

Ich habe da ein bisschen einen Schauspieler vor Augen, der seinen Text nicht so richtig kennt, aber trotzdem auf die Bühne geht und sagt: Ich improvisiere mich einfach durch.
Ja, das kommt schon hin.

Und irgendwie schafft er es auch.
Absolut. Aber das macht er nicht bewusst. Das passiert ihm einfach: Irgendwer überrascht ihn mit Geld, das nicht ihm gehört, er denkt „Dann passt es vielleicht hier“ und vergisst schon wieder, dass es irgendwo anders nicht passen könnte. Und das überrascht ihn dann wieder in der nächsten Szene. Der Truffaldino ist vor allem ein ganz Gutmütiger, der hat nie irgendwas Böses im Hinterkopf.

Florindo: Als was arbeiten Sie?
Truffaldino: Als Diener. (…)
Florindo: Sie sind ohne Herr?
Truffaldino: Da stehe ich; Sie sehen selber, herrenlos. (Für sich) Ist ja nicht da mein Herr, also sag ich keine Lüge nich!

Aber er nutzt seine beiden Herren auch aus.
Aber nicht mit Vorsatz. Er steht alleine da und wartet auf seinen eigentlichen Herrn, und plötzlich kommt da ein anderer und hat ein Problem mit einem Koffer. Da kommt dann wieder dieses Ungefilterte, Truffaldino denkt nicht: „Ich darf nicht, ich hab’ doch eigentlich einen Dienstherr.“ Der denkt: „Gerade ist der andere nicht da, also könnte ich jetzt doch dem hier dienen.“

Der Diener zweier Herren

Er ist aber auch gut im Verhandeln. Er sagt sofort: Bisher habe ich Hundert als Lohn bekommen, leg’ nochmal was drauf.
Wo er einen guten Vorteil sieht, schlägt er auf jeden Fall zu, aber eben ohne die Folgen zu bedenken.

Theaterhistorisch gilt „Der Diener zweier Herren“ als Höhepunkt der Commedia dell’arte, was ja eigentlich eine Theaterform ist, die man – bis auf „Der Diener zweier Herren“ – in Deutschland heute nur noch selten sieht. Was interessiert das Koblenz des Jahres 2018 an diesem Stoff?
Würden die Figuren nur einmal richtig hinhören und Truffaldino ernst nehmen, dann wäre das Problem nach der zweiten Szene schon geregelt. Aber dadurch, dass alle mit ihren eigenen Themen beschäftigt sind, kann er sich so durchscharwenzeln. Da ist also jemand, der nicht mitgenommen wird. Das kann man vielleicht übertragen auf heute – man muss alle mit ins Boot nehmen, man muss zuhören, ansonsten bleiben Menschen auf der Strecke. Ich glaube, der Unterhaltungswert dieser großen Komödie steht im Vordergrund.

Aber Truffaldino bleibt nicht auf der Strecke. Er zieht einen Vorteil aus der Tatsache, dass er nicht ernstgenommen wird.
Ja, keiner merkt was, da kann er auch seine Chancen nutzen. Was aber sehr harmlos ist. Er will unbedingt was essen, er will Geld verdienen, und am Ende will er auch noch ein bißchen Liebe.

Was er auch ganz geschickt einfädelt. Der ist ein Charmeur.
Wie ein kleiner Junge, der die Leute für sich gewinnen kann.

Brighella: Er ist aus Bergamo. Ich glaube nicht, dass er ein guter Schauspieler ist.
Smeraldina: Hat aber starke Einfälle. (Für sich) Ist mir gar nicht zuwider, der kleine Dunkle.

Sie meinten, dass die ganzen Figuren nur an ihre eigenen Probleme denken. Das stimmt auch, aber: Wirklich unsympathisch sind sie trotzdem nicht. „Der Diener zweier Herren“ ist ein Stück, in dem man allen Figuren nur Gutes wünscht.
Stimmt schon. Als Unsympathen würde ich die auch nicht bezeichnen. Da wird auch das Publikum seine Freude dran haben.Ich könnte Truffaldino betreffend vieles sehr weinerlich, jammernd lesen: „Wie schaffe ich das?“, „Ich kann doch nicht …“ Und das nimmt mir der Regisseur permanent weg. Der Weg, den ich hier gefunden habe, ist: Alles, was ich über mich sage, versuche ich, mit einem „Der“ davorzusetzen anstatt eines „Ich“. Ich betrachte mich von außen,wertfrei, und dadurch kriegt das diese kindliche Naivität, dieses Unbewertete.

Schauspieler reißen sich ja eigentlich um Rollen wie die des Truffaldino. Das ist Schauspielerstoff, da darf man zeigen, was man kann, das reißt auch das Publikum mit …
Ich war nie einer, der sagt, er müsse jetzt unbedingt dies oder jenes machen. „Der Diener zweier Herren“ ist für mich schauspielerisch eine starke Herausforderung, weil jeder Satz eine ganz bestimmte Haltung haben soll, laut unserem Regisseur Kai Festersen. Der guckt sich jede Figur an und versucht erstmal, den Typen zu finden – wie atmet der, wie geht der, wie spricht der? Ich schaue gerade zig Videos von Kleinkindern, wie die argumentieren, wie die denken. Kai Festersen ist es ganz wichtig, dass dieses Denken zu sehen ist. In Truffaldinos Fall ist dieses Denken langsam, das will er sehen, das soll ich rüberbringen. Und das ist die große Herausforderung. Das ist eine ganz bestimmte Sprache, ein ganz bestimmter Ton, jeder Schauspieler erarbeitet seinen eigenen Duktus, eine bestimmte Melodie, die unsere verwendete Übersetzung großartig unterstützt. Und diesen Duktus irgendwann zu haben, das ist eigentlich der anstrengende Weg. Wenn man den mal hat, dann kann man damit spielen.

Truffaldino: Oh, armer Truffaldino. Eh ich’n Diener mache, in drei Teufels Namen, würd ich lieber – aber was? Du lieber Himmel, ich kann doch überhaupt nix!

Interview: Falk Schreiber
Zitate aus: Carlo Goldoni: Der Diener zweier Herren. Deutsch von Marc Günther, Mitarbeit: Paola Bernardi. Rechte bei den Übersetzern
Figurinen & Bühnenbildmodell: 
Beate Zoff