In den Wirren der Revolution lässt die Gouverneursfrau ihr kleines Kind zurück. Magd Grusche zieht den Säugling auf, und als die leibliche Mutter zurückkehrt, muss Richter Azdak entscheiden, wer das Baby behalten darf. Azdak zeichnet mit Kreide einen Kreis auf den Boden: Die beiden Frauen sollen den Säugling packen, und wer ihn aus dem Kreis zerrt, der sei die Mutter … Soweit ist Bertolt Brechts 1948 uraufgeführtes Drama „Der kaukasische Kreidekreis“ bekannt. Aber was hat das Stück heute noch zu sagen? Regisseurin Esther Hattenbach, Dramaturg Sebastian Schulze Jolles und der Musikalische Leiter Johannes Bartmes diskutieren.

Ich habe Probleme mit dem „Kaukasischen Kreidekreis“, für mich ist das Stück unglaublich schwer zugänglich.
Esther Hattenbach: Ich finde Brecht im besten Sinne sehr aufregend. „Der kaukasische Kreidekreis“ ist eigentlich sehr heutig, mit seiner Grundthese von Flucht und Krieg, seiner Dialektik zwischen Ordnung und Chaos. Dass der Mensch, der Veränderungen eigentlich nicht will, eine Umstrukturierung und Neuordnung sofort Chaos nennen muss! Aber wie schafft man es dann, Gesellschaft neu zu denken, Veränderungen zuzulassen und zu entwerfen? Und da ist Brecht ein sehr moderner Denker.

An einer Stelle im Stück wird ein Theaterstück angekündigt: „ein Theaterstück, das mit unserer Frage zu tun hat“. Das Thema Flucht hat ja wirklich etwas mit uns zu tun. Ansonsten aber ist das Setting des Stücks, das Georgien während der sowjetischen Kollektivierung, vom Koblenz des Jahres 2019 sehr weit weg …
Hattenbach: Die Frage, auf die in der ersten Szene angespielt wird, ist ja die Frage nach Besitz und Eigentum. Die These von Brecht ist, dass Besitzansprüche eigentlich der Kern für kriegerische Auseinandersetzungen sind. Die Idee, die er durchspielt, ist der Versuch: Wie kann man Konflikte lösen, ohne sich kriegerisch auseinanderzusetzen? Und er versucht, den Begriff des Eigentums neu zu definieren, indem er sagt: Die Dinge sollen denen gehören, die gut für sie sind. Selbst das engste Band zwischen Menschen, nämlich die Bindung zwischen einer Mutter und ihrem Kind, bedingt keinen Anspruch auf Besitz eines Kindes.
Sebastian Schulze Jolles: Das ist antidarwinistisch gedacht. Nicht das Biologische ist entscheidend, sondern die Zuneigung zu etwas.

Die Neuordnung der Gesellschaft ist aber nicht von Dauer. Der Schluss des Stücks ist pessimistisch.
Hattenbach: Das ist wie eine Posse: Brecht behauptet ein Happy End, um in Wahrheit kein Happy End zu erzählen. Es ist immer alles andersrum, die Behauptung, die aufgestellt wird, ist nie das, was gemeint ist.
Schulze Jolles: Das Happy End wird unterspielt und unterminiert.

Welche Funktion hat die Musik von Paul Dessau in diesem dialektischen Denken?
Hattenbach: Dessau versucht das in der Musik, was Brecht in der Dramatik macht: ein neues Hören zu erfinden, durch das Brechen mit Hörgewohnheiten und dem Etablieren eines neuen Zugangs.
Schulze Jolles: Er nivelliert nichts. Und erschafft damit das Bild einer kompletten Welt.
Hattenbach: Jeder Ton ist gleich wichtig. Die systematische Auflösung von Hierarchie in den Tönen ist das, was Brecht in seinen Szenenanordnungen und Figurenanordnungen auch macht.
Johannes Bartmes: Für mich bildet die Musik das Seelenleben, die Psyche des Stückes ab. Die Melodien sind im Original teilweise sehr verziert und kompliziert, also haben wir sie ein bisschen bloßgelegt. Und da haben wir gemerkt, wie messerscharf Melodien und Miniaturen auf den momentanen Aggregatzustand des Stückes abgestimmt sind

iDie Orginalmusik von Paul Dessau ist nicht besonders eingängig. Hier aber ist die Musik durchaus eingängig arrangiert, die ist, naja, nicht unbedingt lieblich …
Bartmes: Also, als „lieblich“ habe ich die Musik jetzt noch nie …
Hattenbach: Dessau ist schon aggressiv, der will verstören! Und aggressiv ist das, was wir da machen, wirklich nicht.
Bartmes: Wieviel Sinn macht es im heutigen Theater, die Musik so zu gestalten, dass man keinen Zugang findet? Wenn man bei Dessau ein paar Sachen reduzieart, lassen sich tatsächlich Melodien entdecken, die einfach cool sind. Es ist schön, wenn man die Musik ein bisschen verstehen kann. Wenn die Musik den Stoff, der ja wirklich nicht ohne ist, nicht noch schwieriger macht. Das heißt ja nicht, dass man es den Leuten zu leicht macht.

In Ihrer Inszenierung wird das Publikum ins Stück integriert.
Hattenbach: Das hat auch was mit dieser Demokratisierung zu tun: dass die Zuschauer nicht unten im Dunkeln bleiben und keine Erlaubnis der Entäußerung haben außer dem Klatschen am Ende. Wir sind die Welt, und der Zuschauer ist Teil der Performance, der Dialogpartner des Spielers.

Viele Zuschauer hassen es, wenn sie angespielt werden.
Schulze Jolles: Ja. Das ist die Scheu vor sich selbst. Das Unbehagen, aus der Masse herausgehoben zu werden, wenn man angespielt wird.

Figurinen von Annemie Clevenbergh

Der Frankfurter Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Scholl vertritt die These, dass das, was auf der Bühne passiert, eigentlich ein Denkprozess sei …
Hattenbach: Ich habe meine Diplomarbeit zu diesem Thema geschrieben, dass Theater Denken sei, dass Szenen und Figuren zusammenhängen wie Gedanken und Assoziationen. Dem entspricht auch meine Ästhetik des permanenten Genrewechsels, dass kleine Dinge plötzlich groß werden und große Dinge klein, dass sich Sachen verschieben … Und Brecht will den Menschen herausführen aus dem Fühlen und aus dem emotionalen Überrollt- und Manipuliertwerden, er will den mündigen Zuschauer.
Schulze Jolles: Brecht hat auch etwas geschrieben über die „Zuschauerkunst“. Das hat einen pädagogischen, vielleicht auch ideologischen Ansatz. Wenn er selbst inszeniert hat, hat Brecht das aber alles über Bord geworfen. Inszeniert hat er völlig unideologisch und so eine riesengroße, glückliche Arbeit organisiert. Die allerdings immens politisch war. Die glückliche Arbeit ist im Kern politisch. Hingegen die Institute des Humors, zum Beispiel die des Kabaretts: Hier wird nur vordergründig Gesellschaft politisch attackiert. Diese Art der Kritik am Bestehenden bleibt durch bloße Nachahmung der Wirklichkeit zahnlos.

Interview: Falk Schreiber
Fotos: Anja Merfeld