Erstmals lesen Sie in unserem Blog einen Beitrag des in der Ukraine geborenen Schriftstellers und Journalisten Dmitrij Kapitelman. Nach seinem Debütroman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ war er 2021 mit seinem zweiten Roman „Eine Formalie in Kiew“ zu Gast bei den Koblenzer Literaturtagen „ganzOhr“ und begeisterte das Koblenzer Publikum mit Lesung und Talk nachhaltig. Seine Sicht auf die Probenarbeit zum „Kirschgarten“ unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse spürt Parallelen von Tschechow bis zur Gegenwart auf. 

1904. Anton Tschechows „Kirschgarten“ wird uraufgeführt. Und der russische Adel darin vorgeführt. Seit kurzem ohne Leibeigene, wirkt er noch viel überflüssiger. Und gleichzeitig überhaupt nicht mehr flüssig. Verkörpert durch Ljubov Ranjevskaja, die nach fünf Jahren Paris in ihren geliebten russischen Kirschgarten zurückkehrt. Der einstige Reichtum ist verprasst, das Landgut verblüht, verschuldet und fast verloren. Viel erdrückender aber die Schulden des Herzens. Der Mann hat sich totgesoffen, ihr siebenjähriger Sohn ist im Fluss ersoffen – die Tragödien stehen Schlange wie Krediteintreiber:innen. Für ihre lebendigen Töchter Anja und Warja ist Ljubov hingegen blind, küsst deren Wangen sozusagen aus dem toten Winkel. Ranjevskajas Bruder, Leonid Andreitsch, sabbert auch nur das eigene Schicksal voll und hält leere Reden auf den Gerechtigkeitssinn seiner Schränke. Der Buchhalter Jepichodov? Ein „wandelndes Unglück“. Nicht mal einen Schluck Wasser kann er nehmen, ohne Untergänge anzurichten. Man möchte ihn umarmen und beweinen, wie es ein russisches Sprichwort besagt. Immerhin, der Kaufmann Lopachin hat etwas aus sich gemacht. Sein Großvater und Vater dienten noch als Ranjevskajas Leibeigene. Doch er ist zu Reichtum gekommen und hegt sogar Geschäftsideen, was mit dem Landgut ökonomisch anzufangen wäre. Na ja, Ideen ist vielleicht etwas hoch gegriffen, Worthülsenfrüchte eher. Wobei auch Lopachin im Wichtigsten, der Liebe, elendig versagt. Alle versagen im Kirschgarten, komisch, traurig, schön, hässlich sensibel, stumpf, russisch, universell, historisch, zeitlos. Eine Komödie, bei der man lächelnd die Zähne zeigt.

Seit 1904 sind natürlich noch ganz andere Gärten und Gesellschaften vergangen. Sogar in Koblenz, wo Moni mittags in der Theaterkantine Knoblauch schält hinter der Theke. Mit konzentriertem und doch abwesenden Gesicht tut sie das, an einem wunderbaren Maitag 2022. Ansgar, der Bühnentechniker, stampft zufrieden zu ihr herein, ruft lang und freundlich „Taaaag“ dabei ausgiebig nickend, wie zum eigenen Taaagesrhytmus. Bestellt einen Kaffee bei Moni, nippt, hört die Küchenchefin über die Unliebsamkeit von Lebensmittelmotten reden und geht wieder zu den Proben des Kirschgartens. In der Mitte des Saals spricht Intendant Markus Dietze Sätze, die nur im Rahmen von Repetitionen Sinn ergeben. Und hier dennoch wegen ihrer schillernden Skurrilität kurz dem Kontext entrissen werden sollen: „Lukas, bisher haben wir ganz gut vermieden, zu zeigen, dass in den Müllsäcken nichts Sinnvolles drin ist…“  „Diesen Teil spielt ihr bitte zu 50 Prozent charmant und zu 50 Prozent ekelhaft…“ „Du musst das Unverständnis für die Gender-Theorie verkörpern, Jona, da, gleich neben der Pizzaschachtel“. 


In den Skripten der Schauspieler:innen sind etliche Passagen blau. Diese Teile hat nicht Tschechow geschrieben, sondern Elisabeth Pape, eine junge und lebendige Schreibende aus Berlin. Pape lässt die an sich selbst leidenden Figuren frei, zumindest ein wenig aus der Haut. Lässt sie ihre Hände anstarren und fragen, was sie überhaupt real macht. Lässt den alten Lakaien darüber ausrasten, dass man ihn nach all der Treue einfach vergessen und zurücklassen wird, seine Knochen zu Kleiderhaken weiterverwertend. Lässt den Gutsbesitzer Pischtschick mal richtig geil mit seinem Geld prahlen, Sonnenfinsternisse ein- und Sitten aussetzen. Eine Stimme fragen, wer Schuld trägt, wenn keine Kirschen mehr kommen: die Menschen oder der Baum? Ganze Szenen werden im Rückspul-Prinzip nachgespielt, nur, dass die Figuren plötzlich Worte finden, die sie vorher nicht verloren. „Das Papesche-Prinzip ist, zu fragen, was an diesen Figuren wirklich interessant ist. Und ihr Wesen dann auch freispielen zu lassen. Was wäre wenn? Wie Playmobil-Figuren, die lebendig werden und plötzlich ganz andere Dinge können“, erläutert Dietze. 

Etwas erstaunt über so viel Entwicklungsfreiheit, hört das Ensemble Dietze bei dieser Erklärung zu. Man probt gerade den neuen, papeschen dritten Akt, der ein wenig verrückt ist. Und gut dargestellte Verrücktheit ist harte, dramaturgische Arbeit, so viel wird deutlich. Viele Probedurchgänge dauert es, bis die Verrücktheit ihre ordentlichen Bahnen durchgeht. Und bereits an diesem Punkt bereitet die Inszenierung schon großen Spaß. Zwischenzeitlich steht dieser Gast vor dem Eingang, Luft schnappend und hört von drin den Sprechchor des Ensembles: “BIS WIR GELD IN UNSEREM BETT FINDEN ODER WO.” Ein mittelalter Mann mit Vokuhila hört ihn ebenfalls, bleibt auf der Straße stehen und nickt diesen Satz ab. “Die Beiträge von Elisabeth sind unsere Versicherung, dass es kein ödes folkloristisches Aufgebrühe wird, wo alle langweilig zwischen Birken rumheulen”, sagt Dramaturgin Juliane Wulfgramm vorfreudig.

Auch mit den Neuerungen ist der alte Garten jedoch nicht zu retten. Die alte Garde ebenso wenig. Sodass die einst aus Russland nach Paris wegerannten feinen Leute, dann wieder aus Paris nach Russland zurückgerannt, erneut nach Paris wegrennen. Dabei drängt sich eine politische Parallele zur Gegenwart auf. In der die russischen Adligen, inzwischen Oligarchen genannt, Hoffnungen zugetragen bekommen. Stürzen sie vielleicht Putin? Wenn er doch alles Business abfucked. Dieser Diktator und Kriegstreiber, der das riesigste Land der Erde behandelt, als schulde es ihm Leibeigenschaft auf Lebenszeit. Verschaffen sie Russland etwas Befreiung, etwas Zukunft, wenn auch nur durch Wirtschaftssanktionen zur Moral gedörrt? Bisher hat es nicht den Anschein. Die Privilegierten scheinen wieder in Selbstmitleid festzustecken und auf das rettende Billet nach Paris, London oder Dubai zu setzen, fast ganz so wie in Tschechows unnachahmlichem Klassiker. 

Text: Dmitrij Kapitelman
Fotos: Matthias Baus