Ein warmer Spätsommernachmittag. Aki Schmitt sitzt in einem Straßencafé in der Koblenzer Altstadt und trinkt Apfelschorle, immer wieder dringt das Glockenspiel der nahen Jesuitenkirche herüber. Das passende Ambiente, um den neuen Chordirektor des Koblenzer Theaters kennenzulernen, der sich gerade auf die Premiere von Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“ vorbereitet.

Chordirektor Aki Schmitt (Foto: Matthias Baus)

Aki Schmitt, „Die Csárdásfürstin“ ist kein typisches Werk, um den Chor glänzen zu lassen. Was ist denn aus Sicht des Chores spannend an diesem Stück?
Ich finde Operetten immer sehr spannend, weil man da ganz anders singen muss als bei dramatischen Werken – man muss mit einer ganz anderen Leichtigkeit an den Notentext heran. Oft merkt man, dass die Texte original in einer anderen Sprache verfasst waren, da ist dann die Textverteilung etwas unangenehm, aber da muss man Wege finden, das trotzdem elegant rüberzubringen, und das macht sehr viel Spaß.

Komödianten betonen immer wieder: „Nichts ist so schwer wie das Leichte!“
Richtig!

Das heißt: Operette stellt einen auch vor Probleme?
Die Gesangspartien sind allesamt äußerst anspruchsvoll, müssen aber trotzdem immer ganz leicht und schwungvoll, nach ausgelassener Champagnerlaune klingen, wobei auch immer die deutliche Nuance beißender Ironie mitschwingen muss. Wenn man all das erreicht, klingt es ganz gefällig, aber wenn auch nur ein kleiner Teil davon nicht gelingt, fällt es viel mehr auf als bei einer anderen Musik.

Kann man das als eine Form harter Arbeit bezeichnen? Härter als bei einem dramatischen Werk?
Die Arbeit ist bei anderen Opern nicht weniger hart, sie ist einfach anders. Es ist alles auf seine Art schwierig, aber es wird immer so sein, dass die Sachen, die einem am leichtesten erscheinen, am schwierigsten sind.

Das sagen Sie. Was sagt der restliche Chor?
Der hat mir zuzustimmen! (lacht, wird aber sofort wieder ernst) Meine Aufgabe besteht darin, alles so zu proben, dass es dem Chor doch irgendwie leicht erscheint. Ich habe keinen Spaß daran, dem Chor ständig zu zeigen, wie kompliziert das alles ist, ich probiere immer, auf eine möglichst unkomplizierte Art Barrikaden aufzulösen, um schneller an den Kern der Musik zu kommen.

Schmitt denkt inhaltlich. Aber bevor er in höhere Sphären abhebt, bricht er diesen inhaltlichen Fokus ironisch, das macht das Gespräch mit dem Mittdreißiger angenehm. Zumal inhaltliches Denken bei der „Csárdásfürstin“ dringend notwendig ist. Das Stück mag charmant als Liebes- und Verwechslungskomödie daherkommen, die Entstehungsgeschichte ist allerdings eine ernste: Uraufgeführt wurde die Operette 1915, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Die Csárdásfürstin“ ist eigentlich eine ganz klassische Operette aus der Silbernen Ära. Es geht um nicht-standesgemäße Liebe, es geht um falsche Identitäten, es geht um eine Bedeutung von Adelstiteln, die uns heute absurd vorkommt … Was reizt einen als Künstler an diesem Inhalt?
Operetten waren ja zur Zeit ihrer Entstehung sehr gesellschaftskritisch, die originalen Dialoge nehmen die damalige Gesellschaft sehr aufs Korn. Die nicht standesgemäße Liebe, das Ende der K.u.K.-Monarchie – das ist der vorgehaltene Spiegel, der aber auch hilft, schwierige Zeiten mit ein wenig Humor zu überstehen. Gerade deswegen ist es so interessant, auch wirklich die Entstehungszeit des Stücks darzustellen. Heute ist die Operette für uns das populäre Stück auf dem Spielplan, aber ich finde gerade die „Csárdásfürstin“ als Werk so reizvoll, weil es eben keine platte Liebeskomödie ist. Wenn es denn eine platte Liebeskomödie wäre, dann hätte ich auch keine Hemmungen, diese als solche auszukosten. Aber das ist hier eben nicht der Fall. Trotzdem sind Walzer- und Polkamelodien eine sehr willkommene Abwechslung als Kontrast zu Stücken wie „Doctor Atomic“ oder „Faust“.

„Die Csárdásfürstin“

Csárdá“ ist ungarisch und heißt soviel wie Wirtshaus, der Csárdás ist ein Volkstanz – wir haben hier ein Wirtshausstück, das in die heiligen Hallen der Hochkultur übertragen wird.
Ich vermute, dass die wenigsten Chorsänger über so etwas nachdenken. Ich vermute aber auch, dass das die wenigsten anderen Mitwirkenden machen würden, wenn nicht der Denkanstoß von Seiten der Regie kommt. Dazu gibt es dann eben das Konzeptionsgespräch zu Beginn, bei dem die Regisseurin ihr Konzept vorstellt, und die Chorsänger entwickeln dann ein Gefühl dafür, was sie gerade darstellen. Und dann ist es meine Aufgabe, das bei der musikalischen Einstudierung einfließen zu lassen.

Nur ein paar Schritte sind es bis zum Deutschen Eck. Und dort steht ein Reiterstandbild, das ursprünglich zur deutschen Reichsgründung errichtet wurde und später als Mahnmal für die deutsche Einheit diente. Auch in der „Csárdásfürstin“ wird eine staatliche Einheit beschworen, die der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die zeitgleich mit der Uraufführung in den Schützengräben des Weltkriegs unterging.

Muss man gerade in Koblenz dieses Stück als Stück über eine nicht gelingende Einheit sehen, mit der Premiere einen Monat nach dem 18. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung?
Generell denke ich, dass eine Operette der Stadt und dem Spielplan gut tut.

Warum?
Spielplangestaltung ist natürlich nicht mein Ressort, aber die Operette braucht man bei all der Ernsthaftigkeit, mit der man das Theater betreibt, die Unterhaltung zwischendurch. Wobei „Die Csárdásfürstin“ eben keine reine Unterhaltung ist, sondern auch für eine ganz bestimmte Zeit steht.

Schon klar, dass Spielplangestaltung nicht Ihr Ressort ist …
Leider nicht!

aber Sie sind Künstler an diesem Theater und werden entsprechend auch mit dem Spielplan identifiziert.
Ja. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich mich da gerne einmische. Ich muss als Chordirektor immer schauen, dass die Bedürfnisse des Chores wahrgenommen werden. Der Chor soll sich entwickeln, und da muss man dem Chor auch etwas geben, damit der sich entfalten kann.

Interview: Falk Schreiber
Figurinen: Uta Meenen