„Die dunkle Nacht der Seele“ – Arek Głębocki

Steffen Fuchs, „Die dunkle Nacht der Seele“ ist ein sinfonisches Ballett, es gibt keine Handlung. Als Choreograf sind Sie aber in beiden Welten zu Hause, Sie machen auch Handlungsballette. Was liegt Ihnen näher?
(Wie aus der Pistole geschossen) Sinfonische  Ballette.

Warum?
Bei Mischformen, die ich dann eher als Literaturballett denn als Handlungsballett bezeichnen würde, kann ich ein bisschen freier assoziieren, weil ich mir auch selbst die Musik zusammensuche. Beim Handlungsballett aber hat irgendwann jemand ein Libretto geschrieben, und der Komponist hat sich was zu diesem Libretto ausgedacht. Und zumindest ich höre das dann auch ganz oft in der Musik auch raus. Dann ist es für mich schwer, eine eigene Lesart zu finden.

Ich habe den Eindruck, dass das Publikum Handlungsballette mehr mag.
Wahrscheinlich. Das hat zum Teil damit zu tun, dass die Leute das Gefühl haben, sie müssten alles verstehen, und das ist bei einem Handlungsballett schneller zu greifen. Tanz ist im Gegensatz zum Wort und zur Musik … rätselhafter, muss irgendwie nochmal anders entschlüsselt werden. In den Pausen spricht man mich manchmal an: „Herr Fuchs, ich habe das nicht verstanden!“ Ich möchte dann immer gerne wissen, was der Besucher für sich mitgenommen hat. Und dann stellt er mit großer Erleichterung fest, dass er eigentlich doch viel „verstanden“ hat.

„Die dunkle Nacht der Seele“ – Arek Głębocki

Häufig funktioniert Ballett auf einer eher emotionalen Ebene, und diese emotionale Ebene sperrt sich dem rationalen Verstehen. Dann sucht man sich inhaltliche Erklärungen gerne aus dem Titel oder aus dem Programmheft. Bei „Die dunkle Nacht der Seele“ denkt man sofort: Da geht es um Depression.
Ich kenne Kollegen, denen fällt Titelfindung leicht, ich tue mich da echt schwer. Am Anfang stand jedenfalls nicht der Titel, sondern die Frage, zu welchen Komponisten ich gerne ein Stück machen würde. Beim Titel „Die dunkle Nacht der Seele“ ging es mir dann eher um die Poesie der Zeile als um den Inhalt. Natürlich gibt es auch bei sinfonischen Balletten oft auf der Metaebene ein Beziehungsgeflecht zwischen den Tänzern auf der Bühne. Oder im Zusammenspiel mit dem, was aus dem Graben kommt. Arvo Pärts „Salve Regina“, das ich gerne als das Herzstück des Abends sehen würde, ist ein Musikstück, das sich mit einem Menschen beschäftigt, der keinen Zugang mehr zu sich selbst hat, geschweige denn zur Außenwelt. Und ich versuche, das nur über Bewegung auszudrücken, ohne großes Minenspiel. Ich sage meinen Tänzern gerne: Erzählt es mir mit dem Körper! Erzählt es mir nicht  mit  dem  Gesicht!

Indem Sie über den poetischen Gehalt der Zeile „Die dunkle Nacht der Seele“ sprechen, bringen Sie sinfonisches Ballett auf den Punkt: Man hat zwar Worte, es gibt aber eine Wahrheit, die hinter den Worten liegt.
Das ist der Moment, an dem sich Tanz und Wort tatsächlich treffen. Die Genauigkeit des Wortes und die Rätselhaftigkeit, die die Sprache des Tanzes hat. Man kann nicht behaupten, dass sich das mit Worten besser beschreiben ließe, oder dass es sich mit dem Tanz besser visualisieren ließe.

Eine ähnliche Funktion hat die Musik. Sie transportiert Inhalte oder Stimmungen, ist aber nicht eindeutig. Sie verwenden Kompositionen von Anton Webern, Arvo Pärt und Ferruccio Busoni. Was verbindet diese drei Komponisten?
Die beiden Kompositionen von Bussoni und Webern sind eigentlich Kompositionen von Bach. Einmal eine Fuge aus dem „Musikalischen Opfer“, die von Webern orchestriert wurde, und die eine barocke, eigentlich sogar mittelalterliche Idee aufnimmt: diejenige der gregorianischen Gesänge mit Echo, Frage und Antwort, Entfernung. Webern arbeitet das noch einmal deutlicher heraus: Bei Bach sind es sechs Instrumente, und bei Webern ist es das ganze Orchester. Und von Busoni spielen wir die „Partita Chaconne“, Bachs zweite Partita für Violine, allerdings für Klavier umgeschrieben. Im Grunde ist das also ein Abend zwischen Pärt und Bach. Ich mag an Pärt, dass ich bei ihm immer das Gefühl habe, da sei soviel Platz zwischen den Noten für eigene Ideen und Interpretationen. Diese Musik ist ein permanentes Zwiegespräch zwischen dem Komponisten beziehungsweise dem Musiker und etwas, das man nennen kann, wie man möchte: höheres Selbst, Gott, Allah, Universum … Mit Bach ist das ganz ähnlich, nur geht der das ganz anders an, mit ganz vielen Noten. Das Schöne an Bach ist auch das Gefährliche an Bach: Man hat das Gefühl, das swingt die ganze Zeit, das ist extrem tanzbar. Da muss man höllisch aufpassen, wo die Komposition einem Platz lässt. Aber das finde ich spannend: zwei sehr spirituelle Komponisten miteinander zu kombinieren, die beide Musikgeschichte geschrieben haben, die beide ihren eigenen Stil gefunden haben.

Das Spirituelle ist mir auch aufgefallen. Ist „Die dunkle Nacht der Seele“ denn ein religiöser Abend?
Eigentlich nicht. Ich habe mich extra nicht mit den Texten auseinandergesetzt. Bei „Miserere“ und „Salve Regina“ ist das ein bisschen leichter, das ist Latein, das verstehe ich nicht. Aber die Lieder von Pärt sind Deutsch und Englisch, da musste ich höllisch aufpassen, nicht die Texte zu doppeln. So etwas wird schnell ein bisschen cheesy, kitschig, komisch und gewollt. Deshalb lege ich großen Wert auf die Feststellung: Mit Glauben im institutionellen Sinn hat der Abend nichts zu tun!

„Die dunkle Nacht der Seele“ – Arek Głębocki

Wobei es auch jenseits dieser Institutionen einen Glauben gibt. Schon die Auseinandersetzung mit Kunst  ist ein quasireligiöser Akt …
Ich würde sagen: ein spiritueller Akt. Ich würde mich schon als spirituell Suchenden sehen, aber ich könnte nicht genau benennen, was das ist. Ob es etwas ist, wonach ich strebe, etwas, das außen liegt oder etwas, das in mir lebt. Ich glaube, Religion ist für mich zu christlich besetzt, und damit habe ich ein Problem.

… oder die Auseinandersetzung mit schlichter, reiner Schönheit.
Die Entscheidung, als neoklassischer Choreograf zu arbeiten, ist schon eine klare Entscheidung für Schönheit. Ich versuche aber auch immer, das zu brechen. Bei „Chaconne“ tanzen die Frauen mit Spitzenschuhen, bei „Miserere“ ohne – das ist dann auch eine ganz andere Bewegung. Reine Schönheit hat man relativ schnell satt.

Auf der Bühne haben wir den Tanz, also die Performance, wir haben die Bühnenarchitektur, und wir haben die Musik. Gerade in der Neoklassik gibt ja die Musik unglaublich viel vor. Was kommt für Sie als erstes? Musik oder Tanz? In „Die dunkle Nacht der Seele“ ist beides absolut gleichwertig. Die Musik gibt mir die Impulse, und danach zu sagen, der Tanz sei irgendwie wichtiger, wäre ziemlich gemein und hinterhältig. Und auch Bühnenraum und Kostüme beeinflussen die Choreografie. Bei wirklich gelungenen Abenden würde ich sagen: Das kommt alles zusammen und trifft sich fast auf Augenhöhe. Aber zwischen Musik und Tanz gibt es kein „Einer geht vor, und der andere folgt“. 

Interview: Falk Schreiber
Fotos und Video: Arek Głębocki