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„Wenn diagonal, dann richtig“, so reagiert der Choreograf Steffen Fuchs auf das Bewegungsangebot eines Tänzers auf der Probe zu „Carmen“. Diese Aussage verweist auf zweierlei: Zum einen auf die genaue Beobachtung, die zudem die Partizipation des Tänzers, der Tänzerin zulässt, zum anderen auf einen Perfektionismus, der sich nicht mit sich selbst begnügt, sondern die Zuschauerperspektive mitreflektiert.

In der Bewegungssprache des Choreografen und der Koblenzer Ballettcompagnie spiegelt sich die Intention, Klarheit, Präzision und Zielgerichtetheit einer tänzerischen Geste auszudrücken. Deutlich wird dies bei „Carmen“ im Spiel der Hände, die sich nach Berührung sehnen, aber doch eine Distanz spüren lassen, während die Füße häufig eine andere Richtung einzuschlagen scheinen: Es sieht so aus, als ob sie ins Leere laufen würden, aber in der nächsten Sekunde besinnen sich die Füße, gehen in eine Drehung, versuchen zielgerichtet Kontakt zu den anderen aufzunehmen, vergeblich. Es bleibt das Gefühl einer Fremdheit zwischen den Personen. Nur im Pas de Deux blitzt die Utopie einer gelingenden Gemeinschaft auf. Steffen Fuchs liebt solche Brüche in seinen Choreografien. Sie machen das Bewegungsrepertoire der tänzerischen Gebärden innerhalb einer linearen Erzählung widersprüchlicher, damit lebendiger, zumal sich diese Choreografie zu „Carmen“ „erdiger“ performt, will sagen: dem Boden näher bleibt als in den bisherigen Arbeiten von Steffen Fuchs.

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Befragt, ob sich denn „Carmen“ in die Reihe seiner Dutzend Handlungsballette einfüge, wird Steffen Fuchs nachdenklich. Er verbinde mit diesem Genre die „Atmosphäre“ von Handlungen, die von der Frage „Warum sind die Personen, wie sie sind?“ vorangetrieben werde. Ihn aber interessieren eher die Fragen: „Was sind die Personen? Warum sind sie, wie sie sind?“  Mit „Carmen“ seien die großen Themen „Liebe“ und „Freiheit“ vorgegeben. Muss Liebe in einer Welt scheitern, die sich selbst fremd geworden ist? Der Schluss legt es nahe: Wenn Don José, dem Arsen Azatyan als dem vom Lande kommenden Soldaten naive Züge gibt, im Affekt Carmen ersticht, während im Hintergrund die ganze Compagnie an einem langen Tisch feiert und nicht wahrnimmt, was da vor ihren Augen geschieht, verdeutlicht auch durch die räumliche Trennung: Der Tisch bedeutet den Raum, der durch die Konventionen in der Gesellschaft formiert wird. Die Fläche davor ist der Ort, an dem sich die Emotionen austanzen. Beide Ebenen kämpfen um die Bedeutungshoheit. Dabei zeigt sich eine Gesellschaftsformation, in der sich jede und jeder Einzelne nur noch um sich selbst dreht. Ein Befund, der auf Aktualität verweist?


Vor dem Schluss gibt es einen Anfang. Und der ist überraschend. Er beginnt nämlich nicht mit der Geschichte der Carmen, sondern mit einer anderen großen Figur aus der spanischen Weltliteratur: Don Quijote, der sich seine Liebe erfindet, Dulcinea, die ideale Frau, ein Männertraum. Aber unerreichbar. In ihren Pas de Deux zeigen Kaho Kishinami als Dulcinea und Rory Stead als Quijote Traum und Alptraum einer Minne, die es in der Realität nicht geben kann. Erst nachdem dieser Traum sich auflöst, beginnt die Geschichte der Carmen. Abgesehen davon, dass beide Figuren den großen Erzählungen der Menschheit angehören, sich also assoziative Bezüge ergeben, bleiben die Beziehungen zwischen den Texten abstrakt: Es geht um die absolute Liebe, einmal in Form eines Männertraums, zum anderen um die Verwechslung von Liebe und Besitz von einem Menschen, wie bei Don José, der Carmen nicht als eine eigene Persönlichkeit respektieren kann und ihr damit ihren Freiheitswillen absprechen muss. Und weil es so ist, hat auch die (spanische) Folklore keine Bedeutung mehr.

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„Carmen“ ist eine Erfindung eines französischen Literaten, Prosper Mérimée, der in seiner Novelle einen Ich-Erzähler auftreten lässt, dem Don José die Geschichte seiner gescheiterten Liebe zu Carmen erzählt. Sie selbst kommt nicht zu Wort. Wie in „Don Quijote“ existiert das Bild einer Frau, die sich nicht der Dressur eines Mannes unterwerfen will, ihr Verhalten wird ausschließlich aus dem Blickwinkel des Don José gesehen: Eine Gerechtigkeit gibt es für sie nicht. Die Librettisten, die für Bizets Oper den Text verfassten, versuchen der Carmen Raum zu geben, ohne sie aus dem männlichen Blickwinkel zu entlassen. Steffen Fuchs und seine Tanzdramaturgin Julia Schinke versuchen nun, Carmen und Don José „auf gleicher Augenhöhe“ agieren zu lassen: Zwei starke Persönlichkeiten prallen aufeinander, wobei Don José als Soldat nicht akzeptieren kann, dass sie nicht seinen Befehlen folgen will. Schon in der Besetzung wird dieser Kontrast greifbar: Léa Périchon, zierlich und klein – also unterschwellig im männlichen Sinne: fraulich –, ist ein Energiebündel, nicht kess auftrumpfend, sondern eher verhalten ihr Recht auf Persönlichkeit einfordernd und verwundert, dass Don José sie nicht in ihrem So-Sein akzeptieren kann. Ihre tänzerischen Bewegungen sind nicht provozierend, sondern eher nach Innen gelegt: Bei allem, was sie tut, bleibt stets eine Nachdenklichkeit, auch ein Staunen über das, was ihr geschieht.

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Wenn schon die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Sujet und mit dem Thema Liebe und ihren Perversionen gegenüber den eingeschliffenen Sehgewohnheiten Überraschungen in Fülle aufweist, so dass ein anregender und spannender Ballettabend zu erwarten ist, so überrascht auch die Musikauswahl. Wohl stehen Werke von Georges Bizet auf der Musikliste, aber keine Nummern aus der Oper „Carmen“, sondern eher kleine unbekannte Stücke aus seinem Werk, die eine hohe Emotionalität auszeichnen. Überraschend auch, dass die verschiedenen Sätze der „Carmen-Suite“ nicht in originaler Form zu hören sind, sondern eine Bearbeitung aus dem Jahre 1968 des hierzulande noch nicht so bekannten russischen Komponisten Rodion Shchedrin, die härter ist als die ursprüngliche Komposition. Für einen besonderen Akzent, was auch den emotionalen Gehalt betrifft, sorgen die okzitanischen A-Capella-Gesänge der Marseiller Gruppe Lo Cor de la Plana, Gesänge, die in ihrer Sehnsucht einen tief ergreifen.

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Kurz: Die tiefe Auseinandersetzung von Steffen Fuchs und seinem Ensemble, die diesen populären Stoff dramaturgisch wie musikalisch, aber auch in der Bewegungssprache neu prägt, zeigt spannende Wege auf und ist ein tolles Gesprächsangebot an das Publikum: Wie halte ich es mit der Liebe?

Diese Notate sind entstanden aus den Eindrücken des Verfassers von einer Probe am 13.10.2021 und einem anschließenden Gespräch mit dem Choreografen Steffen Fuchs und der Tanzdramaturgin Julia Schinke. Nicht alle Gesprächsinhalte sind als wörtliche Zitate gesetzt.

Text: Manfred Jahnke
Fotos: Arek Głębocki