Jeder liebt Mozarts „Die Zauberflöte“. Aber jeder liebt die Oper anders: Der eine als Märchenoper, die andere als Feier von Aufklärung und Humanismus, wieder jemand anders als Abenteuer in freimaurerischen Ritualen. In Koblenz ist das Erfolgsstück als unruhiger Schlaf Paminas zu sehen, dessen verstörende Bilder in unsere Gegenwart reichen. Ein Gespräch mit dem musikalischen Leiter Mino Marani, der Dramaturgin Marion Meyer und der Regisseurin Mascha Pörzgen.

Mino Marani, wir haben uns zum letzten Mal vor einem halben Jahr getroffen, um über Mozarts „Così fan tutte“ zu sprechen. Jetzt reden wir schon wieder über Mozart, diesmal über „Die Zauberflöte“.

Mino Marani: Anders als „Così fan tutte“ ist „Die Zauberflöte“ auf den ersten Blick das einfachere Stück. Und auf den zweiten Blick ist es komplizierter. „Die Zauberflöte“ irgendwie auf die Bühne zu bringen ist leichter, „Così fan tutte“ ist dagegen sehr schwierig. Aber „Die Zauberflöte“ richtig gut zu machen, das ist sehr schwer. Das haben wir auch heute gemerkt – die Probe ist ziemlich gut gelaufen, aber man sieht, dass diese Einfachheit sehr viel Arbeit verlangt. Das ist spannend: zwei Mozart-Opern, aber unglaublich unterschiedliche.

Wie sieht das bei der Regie aus, Mascha Pörzgen?

Mascha Pörzgen: Eigentlich ganz ähnlich. „Die Zauberflöte“ ist ein Stück, an dem das Theater häufig scheitert, und das hat seine Gründe. Diese Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater, und dann eben doch einem Werk, das eine große Kraft hat, eine große Botschaft – das ist ein wildes Zeug. Und da merkt man: Es ist schwer. Weil das so viele Ebenen hat. Aber gleichzeitig muss man darauf achten, dass man dem Stück nicht Gewalt antut, es nicht überfrachtet. Diese Balance zwischen Tiefe und Leichtigkeit zu finden, ist eine Herausforderung.

„Così fan tutte“ hat vor allem ein ganz klares Setting. Bei der „Zauberflöte“ frage ich mich die ganze Zeit: Was ist das für eine Welt, in der sich die Figuren bewegen? In der Koblenzer Inszenierung befinden wir uns gar nicht in der Zauberwelt, stattdessen legt das Eröffnungsbild nahe, dass wir einem Traum beiwohnen, einem Albtraum.

Pörzgen: Das ist unser Ansatz: die Geschichte als Albtraum von Pamina zu erzählen. Vom Genre her ist „Die Zauberflöte“ ein Zaubermärchen, das spielt nicht in einer realen Welt, sondern in einer merkwürdigen Zwischen-, Unter- oder Überwelt. Und von der Zwischenwelt ist der Weg zum Traum und zum Albtraum nicht weit.

Marion Meyer: Selbst wenn man behaupten könnte, dass die Handlung etwas mit Ägypten zu tun hat, dann trifft das nicht wirklich zu. Das ist alles stilisiert. Man kann diese Welt nicht greifen.

Pörzgen: Auf der anderen Seite sollte diese Welt eine Verbindung zu unserer Welt haben. Das vermittelt sich in unserer Bildsprache: Das ist ein Albtraum, der mit uns zu tun hat.

Kurz vor Schluss ziehen Tamino und Pamina Rettungswesten an und besteigen ein Schlauchboot. Das ist realistisch.

Pörzgen: Tamino muss eine Feuer- und eine Wasserprobe bestehen, und uns war wichtig, dass wir die sehr ernstnehmen, nicht als Spiel- und Zauberspaß. Wir sehen Bilder, die sind sehr real, Bilder, die wir leider alle kennen. Das ist auch wie im Albtraum: Wenn man anfängt, sich dem Tag zu nähern, dann werden die Träume auch immer konkreter und immer schlimmer.

Die Statistiken sind ein bisschen unklar, aber wahrscheinlich ist „Die Zauberflöte“ die bekannteste Oper der Welt. Weswegen funktioniert dieser Stoff, schichten-, generationen- und kontinentübergreifend?

Meyer: Wahrscheinlich weil er so vielschichtig ist. Man kann das raussuchen, was man gerne möchte. Ich kann das natürlich als Kinderstück sehen, es kommen ja auch genug Märchenfiguren vor. Oder ich kann tiefer gehen, ich kann mir überlegen, was diese Freimaurersymbolik bedeutet, es gibt ganz viele Zugriffe.

Pörzgen: Es gibt unglaublich viele Interpretationsmöglichkeiten. Alleine die Figur Sarastro: Ist der eine positive Figur? Schwierig bis unmöglich, das richtig zu entscheiden. Wenn man die Antworten komplett in der Luft lässt, dann wird es ganz schnell banal, zumal sich „Die Zauberflöte“ der Interpretation wieder entzieht. Das Stück erlaubt keine durchgängige Interpretation, weil es diese ganzen Brüche und Widersprüche gibt.

Marani: Das ist die beste Musik, die Mozart komponiert hat! „Die Zauberflöte“ hat er zwei Monate vor seinem Tod komponiert – und das hört man: Das ist nicht mehr der Mozart, der lernt, wie man komponiert, man hört, was er für einen Weg gemacht hat, seit er mit fünf Jahren zu komponieren begonnen hat. Und am Ende dieses Weges steht „Die Zauberflöte“, zusammen mit „Requiem“ und „La Clemenza di Tito“ – als Gipfel seines Schaffens. Das ist derart perfekt, auch für jemanden, der nicht weiß, warum diese Musik ist, wie sie ist. Auch der versteht: Das ist perfekt! Wie bei Architektur: Auch bei der erkennt man die richtigen Proportionen und Verbindungen, selbst wenn man kein Architekt ist.

Pörzgen: Ich glaube, diese Musik macht einfach glücklich. Da steckt tatsächlich ein Zauber drin.

Tamino ist die Hauptfigur, aber ich finde Papageno viel spannender. Und er hat auch die spannendere Musik.

Marani: Papageno ist vor allem immer da. Ich weiß nicht genau, in wie vielen Nummern er singt, aber jedenfalls singt er sehr oft, auch in Duetten und im Ensemble. Und Tamino dagegen verhältnismäßig wenig. Er hat eine sehr schöne Arie, aber sonst …

Pörzgen: Papageno lebt im Hier und Jetzt, ist sehr grundständig in seinen Bedürfnissen. Und dem schenkt Mozart die schönste Musik, diesem letztlich unschuldigen Tier-Mensch-Wesen. Tamino zeigt dagegen zunächst wenig Profil, er ist der reine Tor, der auf seine Art unschuldig ist und von allen, die ihm begegnen, manipuliert wird. Uns hat Pamina am meisten interessiert, weil wir glauben, dass sie am schlimmsten geprüft wird und von Sarastro gebrochen werden soll. Es ist für Sarastro viel schwieriger, Pamina in den Griff zu bekommen als Tamino, der ein unbeschriebenes Blatt ist. Und der ohne Pamina auch nicht viel auf die Reihe bringen würde. Aber auch das ist natürlich eine Frage der Interpretation. „Die Zauberflöte“ ist ein Stück, das uns entlässt mit vielen Fragen. Und dafür ist das Theater ja auch da.

Sie haben vorhin die Ambivalenz der Figur Sarastro angesprochen. Ist die Königin der Nacht auch ambivalent?

Meyer: Ja. Die Figuren sind alle nicht zu greifen. Die Königin hat einen guten Grund, sauer zu sein: Sarastro hat ihre Tochter geraubt! Was ihr nicht das Recht gibt, Sarastro zu töten, klar. Aber wo das herkommt, das erzählt sich schon.

Pörzgen: „Die Zauberflöte“ ist kein psychologisches Stück. Und man kommt irgendwann an eine Grenze, wenn man anfängt, das rein psychologisch zu deuten. Die Königin der Nacht steht für eine anarchische Urkraft, und Sarastro steht scheinbar für ein Konzept von Vernunft und Weisheit. Aber eben auch für Gleichheit im Sinne von Angepasstheit – man muss sich unterordnen und einordnen. Viele sind der Meinung, dass das, was er sagt, positiv sei, aber er sagt natürlich auch: „Wer diese (also seine) Lehren nicht befolgt, der verdient nicht, ein Mensch zu sein!“ Das kann im Sinne von „keine Toleranz für Intoleranz“ gedeutet werden, ist aber auch eindeutig autoritär. Aus unserer heutigen Sicht sind da viele hohle Sprüche dabei. Und es bleibt offensichtlich kein Raum für das Anarchische, Emotionale, Andersartige.

Mit einer Figur tue ich mich wahnsinnig schwer: Monostatos.

Pörzgen: Bei uns ist er eine große Ratte. Das hat mit dem Albtraum zu tun, aber auch mit seiner Position als Sicherheitschef.

Meyer: Aber Monostatos ist auch eine arme Seele. Keiner liebt ihn.

Der hat eine Begierde, die nicht erfüllt wird.

Pörzgen: Er wird dadurch auch gefährlich. Oft wird Monostatos als die dunkle Seite von Sarastro interpretiert – auf jeden Fall ist er ein Teil von ihm, der ihm wichtig ist, aber der dann irgendwann zu mächtig wird. Und Sarastro ist ja auch nicht nur der Gute: Der Tod wird einkalkuliert, und der Auftrag zur Tötung auch. (zu Marani) Ich weiß, du siehst das anders.

Marani: Es geht hier mehr um die Gerechtigkeit. Nicht darum, um jeden Preis gut zu sein, sondern gerecht zu sein. Es gibt Regeln, es gibt Belohnungen, und es gibt Strafen.

Pörzgen: Aber diese Strafen sind doch relativ … mittelalterlich.

An einer Stelle erklärt Sarastro den Plan der Königin der Nacht. „Sie möchte den Tempel der Vernunft mit Aberglauben füllen.“ Das stellt Vernunft und Aufklärung dem Nicht-Rationalen gegenüber. Zu Mozarts Zeit mag das tatsächlich eine Alternative gewesen sein, aber im 20. Jahrhundert konnte man erleben, dass die Aufklärung auch in Faschismus und Stalinismus führen konnte.

Pörzgen: Ja: Die Interpretation hängt immer mit der Zeit zusammen, in der man lebt. Und mit der eigenen Biografie. Wir sind Menschen des 20. und des 21. Jahrhunderts, wir sehen diese Dinge anders. Die Zauberflöte spielt in einer Zeit des Umbruchs, das ist uns jetzt nahe, ebenso der Generationenkonflikt, der daraus resultiert.

Interview: Falk Schreiber
Fotos: Matthias Baus für das Theater Koblenz


Die Darsteller*innen dieser Produktion haben sich unter ärztlicher Aufsicht regelmäßigen, engmaschigen, medizinischen Tests auf eine Infektion mit Covid-19 unterzogen. So ist auch eine Unterschreitung des Mindestabstandes ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen möglich.