Die Dramatik lebt: Das Theater Koblenz zeigt drei Uraufführungen junger Dramatik. Bei deren Auswahl das Ensemble mitentscheiden durfte.

Viele Theater betreiben Autorenförderung: Sie vergeben Stückaufträge, schaffen Stellen für Hausautoren, legen Stipendienprogramme auf. Das Theater Koblenz geht einen anderen Weg und setzt direkt an der Ausbildung an: Studierende des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin bekamen die Aufgabe, kurze Dramen zu verfassen, ohne thematische Einschränkung, aber mit der Auflage, dass nur wenige Darsteller eingesetzt werden und dass die Aufführungsdauer 45 Minuten nicht übersteigen sollte. Aus den eingesandten Stücken wurden drei ausgewählt: Die Familientragödie „Dumbo oder: Vielleicht einer der letzten schönen Tage des Jahres“ von Dorian Brunz, der Politthriller „Judit und Hannah“ von Peter Neugschwentner und Fabienne Dürs Krankenhausdrama „Leben im Vakuum“. Und damit nicht immer nur dieselben entscheiden, was gespielt wird, waren in der Jury neben Intendant und Chefdramaturgin auch drei Ensemblemitglieder vertreten: Raphaela Crossey, Jona Mues und Reinhard Riecke.

„Drei neue Stücke“ – Raphaela Crossey Collage

Dass das Ensemble bei der Stückauswahl mitspricht, ist verhältnismäßig ungewöhnlich. Hatten Sie eine eigene Herangehensweise, eigene Interessen?
Raphaela Crossey: Mir ging es so, dass ich sehr auf Sprache geachtet habe. Deswegen fand ich „Judit und Hannah“ von Peter Neugschwentner spannend, weil ich die „kaputte“ Sprache der Hannah erstmal schwierig empfand, bis sie mich reingezogen hat. Und ab diesem Punkt entwickelte das Stück eine sehr eigentümliche Kraft.
Reinhard Riecke: Ich fand es überhaupt erstmal interessant, eine Auswahl treffen zu dürfen. Man schätzt die Arbeit von Regisseuren, Dramaturgen und Intendanten viel stärker wert, wenn man weiß, was das für eine Verantwortung bedeutet, sich für ein Stück zu entscheiden, nicht zuletzt weil das ja auch ein Zeit- und Arbeitsaufwand ist. Mit den drei Stücken waren wir uns so ziemlich alle einig. Für mich persönlich ging es natürlich auch darum: Was interessiert mich da als Schauspieler? Was kann ich schauspielerisch mit diesen Stücken anfangen?
Jona Mues: Was da aus einer Klasse hervorgeht, das war eine Überraschung: Ich hatte erwartet, dass das alles in eine Richtung geht, aber stattdessen haben die Autoren ganz eigene Stilformen entwickelt.

Bei allen drei Stücken hatte ich schon beim Lesen das Gefühl, zu wissen, wie das auf der Bühne aussieht. Niemand sagte: Hier habt ihr eine Textfläche, macht was draus! Die Inszenierungspraxis wirkte immer schon mitgedacht.
Crossey: Mir war das wichtig. Bitte nicht missverstehen: Ich finde, Elfriede Jelinek schreibt super, aber irgendwann habe ich von Textflächen einfach die Schnauze voll. Textflächen sind nicht immer gleich ein Qualitätsmerkmal.
Riecke: Ich habe das auch gedacht, muss aber zugeben, dass ich mich da getäuscht habe. „Leben im Vakuum“ gestaltet sich zum Beispiel bei den Proben wesentlich schwerer als ich beim ersten Lesen vermutet habe. Es macht Spaß, da dran zu arbeiten, aber das Ding hat Ecken und Kanten, die sich beim Lesen gar nicht aufgetan haben.

„Drei neue Stücke“ – Jona Mues Collage

Eigentlich hat nur „Judit und Hannah“ eine besondere Sprache. Die anderen beiden ausgewählten Stücke arbeiten weniger literarisch, eher alltagssprachlich.
Riecke: „Leben im Vakuum“ gaukelt eine Art Alltagssprache vor. Das meine ich gar nicht böse, aber wenn man genauer damit arbeitet, dann stellt man fest: Verdammte Hacke, das ist ja doch in gewisser Form eine Kunstsprache, eine Mischung aus Alltags- und Kunstsprache. Was einem das Textlernen nicht unbedingt einfach macht.
Mues: Es gibt eine Stelle in „Dumbo“, da steht im Text „Ich werde um Pantoffeln beten müssen“. Soll man das dann so sagen? Wir haben erst total lange überlegt, was das heißen soll, dann haben wir nachgefragt – es war ein Tippfehler, der Autor meint „bitten“. Sowas passiert auch, dass man da was reininterpretiert, wo der Autor sagt, nee, sorry, Fehler. Ich finde es spannend, mit den Autoren so direkt in Kontakt zu stehen.
Riecke: Man merkt halt, dass die Autoren noch jung sind. Und dass ihnen die theatrale Praxis manchmal ein bisschen fehlt. Was ja überhaupt nicht schlimm ist. Aber da ist es günstig, dass wir den direkten Kontakt haben, dass wir sagen können: „Pass mal auf, an der Stelle hapert’s“. Und wenn die dann sagen, dass wir was rausnehmen können, dann ist es natürlich super.

Reinhard Riecke, Sie hatten ja angedeutet, dass bei Ihnen der Gedanke da war: Was würde ich gerne spielen? Ging das ihnen allen so?
Crossey: Das ist nicht zentral. Bei „Dumbo“ war es für mich so, dass unabhängig von den Figuren das Thema spannend war. Wie gehen Eltern mit dem Gefühl um: Oh Gott, ich habe ein böses Kind! Ich kann mein Kind eigentlich überhaupt nicht lieben!
Mues: Ich bin gar nicht so sehr danach gegangen, was ich unbedingt spielen möchte, sondern was überhaupt spielbar ist in 45 Minuten, also, rein technisch.
Riecke: Und es hieß ja auch nicht automatisch, dass wir da auch mitspielen, nur, weil wir in der Auswahlkommission saßen.

„Drei neue Stücke“ – Reinhard Riecke Collage

Judit und Hannah“ ist das einzige der drei Stücke, das tatsächlich politisch lesbar ist. Die anderen beiden Stücke sind eher psychologische Geschichten. Wurden grundsätzlich weniger politische Geschichten eingereicht?
Riecke: Ich kann das nicht beurteilen. Insgesamt glaube ich aber, dass das Theater wieder politischer wird. Hoffe ich jedenfalls, weil die Situation insgesamt weiter auseinander triftet. Und da habe ich das Bedürfnis, Haltung zu beziehen.
Crossey: Ich finde auch, dass Theater politischer werden wird und muss. Ich glaube aber, das Problem ist, und da kommen wir wieder zu Textflächen: Das, was damit oft gemacht wird, ist viel Agitprop und weniger echte politische Sprengkraft. Ich finde es schwer, Stücke zu finden, die weniger Textfläche als dialogisch sind, die man aber trotzdem politisch nutzen kann.
Riecke: Vielleicht müssen die erst noch geschrieben werden.

Interview: Falk Schreiber
Figurinen: Marlis Knoblauch
Porträts: Matthias Baus