Diese Premiere wird etwas Besonderes: Mit „Ein Schaf fürs Leben“ inszeniert Alexander Ourth am 24. Oktober auf der Probebühne 2 erstmals ein reines Puppentheater. Zudem führt Luisa Grüning ihre Figuren zum ersten Mal in einem Kinderstück. Kaspar Weith erlebt zudem seine erste Premiere auf der Probebühne 2 des Theaters, nachdem er schon im Bundesarchiv in „Welcome to Paradise lost“ in Koblenz debütierte. Beim Probenbesuch sprechen wir mit ihm über die Welt des Puppentheaters – über Stärken und Schwächen.

Kaspar Friedrich Weith ind Ein Schaf fürs Leben

Mit einem Purzelbaum arbeitet er sich vorwärts, kommt vor dem Eingang einer improvisierten Scheune wieder auf die Beine. Kaspar Weith führt die Arme seiner Puppe weit auseinander: „Guten Abend“. Versteckt in einer Ecke saust nun der Kopf eines Schafs empor. Diese Begegnung stößt das Kinderstück „Ein Schaf fürs Leben“ an: Zwei Archetypen treffen überraschend aufeinander – das unschuldige Schaf und der hungrige Wolf. Damit ist das Personal der kleinen Fabel komplett.

Erdacht hat sie die Niederländerin Maritgen Matter. Für ihr 2003 erschienenes Kinderbuch wurde sie unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Nun hat Regisseur Alexander Ourth den Stoff für die Bühne angepasst. „Die Geschichte lässt sich mit Puppen so gut erzählen, weil sie Fantastisches möglich machen“, erzählt er. „Sie können Unterschiede humorvoll überspitzen, bringen Geschwindigkeit in die Handlung. Kleine Kniffe entfalten eine unheimliche Wirkung. Das ist für ein Kinderstück wie gemacht.“

Neu im Team ist seit Beginn dieser Spielzeit der Puppenspieler Kaspar Weith. Er kassiert in der Eingangsszene prompt eine Ohrfeige seiner Wolfsfigur, denn beim Anblick des Schafs läuft ihm das Wasser im Mund zusammen: „Schulter, Keule und Kotelett“, fantasiert er. Der Wolf selbst will die Sache aber anders angehen: „mit Stil“. Also muss sich Weith fügen. Die Beziehung zwischen Puppenspieler und Puppe ist eben nicht immer leicht – aber stets besonders. Das weiß der 1993 in Zwickau geborene Puppenspieler zu gut.

Puppe aus Ein Schafs fürs Leben

Kaspar Weith, können Sie sich an Ihre erste Puppe erinnern? Welche Rolle spielte sie auf Ihrem Weg zum Puppenspieler?
Ja, sie hieß Holzmann. Ich habe sie während meiner Zeit als Tischler selbst gebaut. Sicher hatte Holzmann einen Anteil daran, dass ich Puppenspieler wurde. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, in Berlin zu schauspielern, mit 16 habe ich dann in Zwickau eine Ausbildung zum Tischler gemacht. Beide Interessen sind zusammengeflossen.

Sie haben Zeitgenössisches Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch studiert. Was fasziniert Sie am Puppentheater?
Ich glaube an eine bestimmte Art des Animismus. Das heißt, dass die Natur und die Dinge, die uns umgeben, beseelt sind. Dieser Gedanke macht Zauberhaftes im Alltag möglich. Es geht im Puppenspiel darum, Fantasieräume wieder zu öffnen. Auf der Bühne ist das erreicht, wenn die Zuschauer vergessen, dass Puppen spielen. Puppentheater ist auch politisch. Es ist der Kampf mit dem Klischee gegen das Klischee. Wolf und Schaf sind Stereotype. Aber sie überkommen sich. Nicht nur auf Basis des Textes, sondern auch aus sich heraus. Figuren sind nie eindimensional.

Sie erwecken Puppen zum Leben. Wie würden Sie dabei Ihren Stil beschreiben?
Puppenspieler haben eine eigene Theatersprache. Jeder führt die Puppe anders, hat Ideen, Details auszugestalten. Ich bin lange auf der Suche mit einer Puppe. Mir fällt es leicht, meine Bewegungen mit der Figur zu verbinden. Mein Spiel würde ich als energetisch beschreiben. Deshalb muss ich darauf achten, konkret zu arbeiten und zum Beispiel Wechsel für das Publikum klarzumachen oder die Blickrichtung genau zu führen.

Puppe aus Ein Schaf fürs Leben

Weith kniet auf dem Boden, eingehüllt in ein weißes Tuch. Er breitet plötzlich die Arme aus und formt mit dieser kleinen Bewegung eine winterweiße Hügellandschaft. Schaf und Wolf gehen auf Schlittenfahrt. Eigentlich will der Wolf damit nur ein ruhiges Plätzchen für sein Festmahl finden. Die Klappmaulpuppen, die Josephine Hock gefertigt hat, werden flux gegen Miniaturen getauscht. „In dieser Szene entsteht ein Cinemascope-Effekt. Im Film würde man von einer Totale sprechen, im Puppentheater klappt so ein wahnsinniger Perspektivwechsel mit einem einfachen Mittel“, begeistert sich Regisseur Ourth. „Mit Schauspielern wäre das nur auf einer Riesenbühne machbar.“ Den Puppenspielern Luisa Grüning und Kaspar Weith verlangt das Fingerfertigkeit und schnelle Figurenwechsel ab. Weith weiß, worauf es dabei ankommt.

Luisa Grüning und Kaspar Friedrich Weith in Ein Schaf fürs Leben

Welche Puppen sind für Sie einfach zu spielen, welche schwerer?
Je direkter man am Material ist, umso leichter lässt sich eine Puppe spielen. Gut gehen Klappmaulpuppen. Ihre Mechanik ist einfach. In „Ein Schaf fürs Leben“ kommen noch Stäbe für die Wolfsarme hinzu, das macht die Sache schon komplizierter. Bei Handpuppen muss man über die reine Fingerabstraktion einen Körper darstellen, Marionetten und reine Stabpuppen kann man hingegen nur sehr indirekt animieren. Das ist die größte Herausforderung.

Wie eignen Sie sich eine Puppe an?
Das folgt einem klaren Schema. Ich studiere die Figur, schaue, was sie zum Beispiel an Mimik mitbringt. Wenn der Mund schief ist, versuche ich automatisch, mit schiefem Mund zu sprechen. Dann probiere ich Bewegungen aus – bis die Figur lebt. Die erste Begegnung funktioniert von außen, da denkt man nicht viel über die Rolle nach.

Haben Sie manchmal das Gefühl, Puppen sind die besseren Schauspieler?
Das kommt darauf an. Aber oft fällt es ihnen leichter, den Fokus auf sich zu ziehen. Wenn ich „Hallo“ sage, zwei Blicke werfe und mich am Arm kratze, ist das nicht halb so spannend wie bei einer Puppe. Dass sie zum Leben erwacht ist, hat etwas Mystisches. Das bindet den Zuschauerblick.

Puppen aus Ein Schaf fürs Leben

Ruhig hebt und senkt sich die Bauchdecke des Wolfs. Mit einem pfeifenden Schnarchen führt Weith seine Figur ins Reich der Träume. Sie gleitet durch den Raum, die Bewegungen wabernd, als würde der Wolf auf Pudding gehen. Musik setzt sein. Ein Stilmittel, auf das Ourth Wert legt. Auch Videoprojektionen und selbst geschriebene Songs sollen „großen Theaterzauber“ entfalten. Die Traumsequenz wird bei all dem schließlich zum Erweckungserlebnis. Und der Wolf steht vor einer schwierigen Entscheidung …

Text: Melanie Schröder
Fotos: Anja Merfeld