Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ ist das perfekte Open-Air-Stück. Gerade an einem verwunschenen Märchenort wie der Feste Kaiser Franz

Theater Koblenz – Ein Sommernachtstraum – Collage

Mit etwas Pathos könnte man sagen: Die Feste Kaiser Franz in Lützel ist die versteckte Schönheit im Koblenzer Festungsring. Während die Festung Ehrenbreitstein rechtsrheinisch die gesamte Stadt überblickt (und spätestens durch den Bau der Seilbahn auch zur touristischen Top-Sehenswürdigkeit wurde) und das Fort Großfürst Konstantin unübersehbar über dem Hauptbahnhof thront, steckt die Feste Kaiser Franz im Dornröschenschlaf, als von außen nur schwer einsehbarer Gebäudekomplex zwischen Vorortbahnhof, Wohnbebauung und Autobahnzubringer, der nur zu Führungen und zu Sonderveranstaltungen wie dem jährlichen Adventsmarkt öffentlich zugänglich ist. Und im Sommer, wenn das Theater Koblenz hier Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ aufführt. Ortsbegehung: Frank Kellermann vom Förderverein Feste Kaiser Franz führt Dramaturgin Juliane Wulfgramm durch das unkrautüberwucherte Gelände.

Juliane Wulfgramm: Vielen ist dieser Teil der Großfestung gar nicht so richtig im Bewusstsein.

Frank Kellermann: Das hört man immer wieder. Im Sommer machen wir Führungen, und da sind oft Leute dabei, die sagen: Jetzt wohne ich schon so lange hier und bin noch nie hier gewesen! Andere erzählen, dass sie schon als Kinder hier rumgelaufen seien. Es ist immer wieder interessant, wenn man mitgeht, was doch für ein breites Spektrum da ist.

Wulfgramm: Früher war das eigentlich ein großer Abenteuerspielplatz, oder?

Kellermann: Genau so. Die sind hier vorne runtergerutscht, sind da hinten rein … Abenteuerlich, was die teilweise erzählen.

Theater Koblenz – Ein Sommernachtstraum – Collage

Abenteuerlich präsentiert sich die Anlage auch heute noch. Ein enger Weg führt steil zwischen Mauern hindurch, zwischen Gestrüpp öffnet sich ein dunkler Gang, der allerdings nach wenigen Metern verschüttet ist, eine provisorische Absperrung verhindert das Weitergehen: akute Einsturzgefahr! Auffallend ist, wie groß das Gelände ist, angesichts der Tatsache, dass man von außen kaum etwas erkennt. Insbesondere die Poterne (vor der der „Sommernachtstraum“ stattfinden wird) und der Kehlturm sind eindrucksvoll erhalten; im Kehlturm ist der Förderverein aktuell auch am aktivsten und versucht, die Garnisonsbäckerei mit ihrem riesigen Backofen wieder in Betrieb zu nehmen. Allein: Der Großteil des Geländes ist kaum zugänglich, ein Besuch heißt, dass man sich durchs Unterholz schlagen muss, dass man genau auf Kellermanns Anweisungen achten muss, wo der Weg sicher ist, und wo versteckte Abgründe oder bröckelnde Gemäuer drohen.

Kellermann: Wir haben hier unseren Adventsmarkt, und vor zwei Jahren hatten wir mal einen Poetry Slam. Aber ansonsten ist es auch schwierig mit Veranstaltungen. Mit Fluchtwegen zum Beispiel gibt es Probleme, die sich lösen lassen – man muss halt teilweise einen Verwaltungsweg gehen. Ich finde das in Ordnung, aber viele Leute scheuen das. Das ist schade, aber vielleicht auch gut. Sonst …

Wulfgramm: … wäre hier mehr los.

Theater Koblenz – Ein Sommernachtstraum – Collage

Zugelassen ist das Gelände für bis zu 200 Besucher. Beim „Sommernachtstraum“ gibt es 80 Plätze, plus rund 20 Produktionsbeteiligte – alles im Rahmen also. Dazu kommt, dass der märchenhafte, verträumte Charakter der Feste Kaiser Franz nicht beeinträchtigt wird: Der weltvergessene Komplex wird so zur perfekten Kulisse für ein Theaterstück, das weniger realistisches Drama ist als Traumspiel, voller märchenhafter, sexueller und surrealer Bezüge.

Kellermann: Ich finde, der „Sommernachtstraum“ passt ganz gut hier rein. Und so haben viele im Förderverein reagiert; die wollen unbedingt kommen. Die Resonanz war durch die Bank sehr positiv, gerade wegen des „Sommernachtstraums“.

Wulfgramm: Man weiß, dass die Original-Shakespeare-Bühnen mehr oder weniger nichts hatten. Es gab da zwar einen Abgang in den Keller und ein Fenster oberhalb der Bühne, aber im Prinzip haben die Schauspieler sich zur Shakespeare-Zeit einfach hingestellt und gespielt, alles, was da war, wurde bespielt, und mehr als da war, konnte auch nicht eingesetzt werden. Sehr basic, das alles – das passt natürlich an so einen Ort wie diesen. Und dann ist hier alles wildromantisch, Mauern, Gestrüpp … Der „Sommernachtstraum“ spielt ursprünglich in der Walpurgisnacht, in einer Nacht, in der Geister und Elfen ihr Unwesen treiben. Und das passt perfekt in so ein altes Mauerwerk.

Theater Koblenz – Ein Sommernachtstraum – Collage

Allerdings: Wenn immer mehr Menschen die Feste Kaiser Franz entdecken, dann vertreibt das womöglich über kurz oder lang die Geister und Elfen? Und überhaupt: Die Festung ist ein historischer Ort, auch ein historisch belasteter Ort, in dem die Nationalsozialisten ein Gefangenenlager betrieben und in dem sich in den Nachkriegsjahren ein bedrückendes Elendsquartier etablierte. Will man da ein Theaterstück spielen, voller Witz und Erotik?

Kellermann: Wir als Förderverein wollen den Leuten was rüberbringen. Wir machen unsere Führungen, klar, aber gleichzeitig würden wir auch gerne noch mehr machen. Und das ist ja auch im Sinne der Stadt: Die wollen ihre Festungsanlagen ja gerne nutzen. Was ich auch richtig finde. Das wird noch eine Weile dauern, aber ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg.

Wulfgramm: Uns als Theater interessiert der Aspekt des Abenteuerspielplatzes. Dass Koblenz Garnisonsstandort war und dass das eine militärische Einrichtung ist, steht inhaltlich für uns gar nicht so sehr im Vordergrund. Ich glaube auch, dass das im Bewusstsein der Koblenzer so ist. Das ist historischer Bestand in der Stadt.

Interview und Text: Falk Schreiber
Figurinen: Bernhard Hülfenhaus