„Die Säulen der Erde“, „Der Medicus“, das Papst-Biopic „Borgia“: Pralle Stoffe, derbe Bilder. Das Mittelalter boomt. Allerdings vor allem in Romanen, Filmen und Serien und weniger auf der Bühne. In Koblenz hingegen lässt Regisseur Michiel Dijkema Louis Spohrs „Faust“-Oper tatsächlich in den finsteren Zeiten spielen, irgendwo im späten 15. Jahrhundert.

Alexandra Pitz
Porträt: Gerhard Willert

„Meine spontane Reaktion, als ich das hörte?“ Kostümbildnerin Alexandra Pitz muss bei der Erinnerung laut lachen. „Ich dachte: O Gott!“ 30 Jahre arbeitet sie nun schon am Theater, aber diese Epoche ging bisher elegant an ihr vorbei. Wohl auch, weil viele Regisseure heute bemüht sind, mittelalterliche Stoffe in die Gegenwart zu holen. Da ist Tannhäuser dann Popstar statt Minnesänger. Und Tristan kein königlicher Vasall, sondern einer von Dr. Isoldes Sanatoriums-Patienten. Der niederländische Regisseur Michiel Dijkema, ein ebenso gebildeter wie präziser Denker, wollte all so etwas nicht. „Stoffe werden ja nicht unbedingt aktueller, indem man sie aktualisiert“, sagt er. Und schiebt gleich ein weiteres Argument hinterher: „Außerdem hilft Entfernung zum Geschehen ja oftmals, unbefangener zu beobachten.“

Vor mehr als einem Jahr hat sich das „Faust“-Team zum ersten Mal getroffen, dabei eine erste Richtung festgelegt. Was danach der Job der Kostümbildnerin war? „An ihre Kisten zu gehen“, antwortet Alexandra Pitz. „An ihre sehr vielen, sehr großen Kisten.“ In denen sammelt sie alles, was sie vielleicht irgendwann einmal inspirieren könnte. Oft nimmt sie sich anfangs einfach eine davon vor und sieht sie systematisch durch: Finde ich etwas, das mich für genau diese Inszenierung anspricht?

Wie würde sie ihre Herangehensweise eigentlich ganz allgemein beschreiben? Sie überlegt ein wenig. Und antwortet dann: „Ich arbeite von außen nach innen. Ich fange ganz breit an und werde im Laufe der Zeit immer enger.“ Was in diesem Fall bedeutete: dass sie sich zunächst auch historisch fit machen musste. Gemälde, Kleidung, Sitten und Gebräuche des Mittelalters studiert. Schlussendlich verbringt die Wahl-Linzerin und Mutter eines erwachsenen Sohnes den kompletten Sommer des vergangenen Jahres mit historischen Sachbüchern und hinter schweren Bildbänden.

Faust – Theater Koblenz

„Und das hier ist letzten Endes daraus geworden“, sagt sie, als wir uns ein paar Wochen vor der Premiere zum Gespräch treffen. Mit schneller Hand räumt sie ihren kleinen Tisch frei und legt ihr Kostümbuch darauf, ein XXL-Kompendium aus harter Kartonage. DIN-A2, 24 Seiten, außen schwarz, innen eierschalenfarbig. Es ist übervoll mit Bildern, kleinen und großen, in Farbe und schwarzweiß – und nahezu jedes ist beschnitten, beklebt oder übermalt. Dazwischen, immer wieder: Ausschnitte aus den Pantone-Farbpaletten. Anders als ihre Kollegen und Kolleginnen zeichnet sie nämlich keine Figurinen. „Ich finde, so ein Buch vermittelt mehr Stimmung und Atmosphäre.“

Irgendwann in ihrer sommerlichen Suche blieb sie bei Lucas Cranach (um 1472-1553) hängen, dem Hofmaler und Luther-Freund aus Oberfranken. „Den ich hoch verehre“, sagt sie. „So ein genauer Beobachter! Und alles so fein ziseliert!“ Wenngleich uns heute, das gibt sie zu, sein Schönheitsideal sehr fremd vorkommt – vor allem, was die Frauen betrifft: hohe Stirn, kleiner Kopf, kleine Augen, herabfallende Schultern und hohe, kleine Brüste. „Aber mit ihm wurde das Dekolletee wichtig – und dieses Detail wollte ich gerne in den Kostümen haben. Vor ihm waren die Kleider geschlossen, der Ausschnitt durch viele Schichten Stoff verdeckt.“

Jede einzelne Figur der Koblenzer Inszenierung hat eine Signature-Farbe. Monochrom und als Komplettlook. Das liebe Gretchen, das bei Spohr Röschen heißt – wobei die Oper allerdings absolut nichts mit Goethe zu tun hat – trägt ein leuchtendes Blau. Pantone 291 C bis 309 C. Und Kunigunde, deren Nebenbuhlerin, ein knalliges Gelb. Pantone Yellow C. Mephisto: giftgrün. PMS 365 bis PMS 377. Denn in dieser Inszenierung wollte Regisseur Dijkema das Teufelsrot (Pantone Red 032 C) bemerkenswerterweise nicht für Luzifer, sondern für Faust.

Faust – Theater Koblenz

All das – künstlerische Freiheit? „Sowieso“, sagt Alexandra Pitz. „Denn im Mittelalter gab es strenge Kleiderordnungen und Farbvorschriften. Farben waren dem Adel vorbehalten. Selbstverständlich sind wir mit unserer Inszenierung historisch nicht korrekt. Wir haben aber auch nicht den Anspruch, es zu sein.“ Den Grund dafür erklärt der Regisseur: „Jede Wirklichkeit muss für die Bühne doch sowieso übersetzt werden. Absoluter historischer Realismus wäre eine Illusion. Die fernen und historischen Spielorte waren und sind immer ein Tor zur eigenen Fantasie.“ Ihm sei es wichtig, sich bei den Vorbereitungen historisch genau zu informieren – sowohl über die Zeit, in der das Stück spielt als auch über die Zeit seiner Entstehung –, um dann daraus eine komplett eigene Welt zu formen.

In der sich nun in Koblenz nicht nur giftgrüne Huren, sondern auch Harry-Potter-artige Dementoren tummeln werden. Pitz beschreibt ihre dunklen Mächte als „Zotteltiere“. Assoziationen an Goyas alptraumhafte „pinturas negras“ – seine schwarzen Bilder – werden wach. Deren verstörende Körperformen erreicht sie durch prall ausgestopfte schwarze Strumpfhosen, die lose an den Körpern herunterbaumeln und bei jeder Bewegung mitschwingen. Wulstartige Objekte wie die der Londoner Künstlerin Sarah Lucas, die neben Damian Hirst und Tracey Emin zur zentralen Gruppe des britischen Kunstphänomens YBA (Young British Art) zählt.

Als echtes Schmankerl für Mittelalter-Fans dürfte sich vermutlich das Outfit des bösen Ritters Gulf entpuppen: eine echte Rüstung, gesucht und gefunden im Internet. Was nicht einfach war, schließlich musste sie dem Sänger der Partie, Jongmin Lim, einem veritablen Hünen, körpergenau passen. Und zudem bedeutend leichter sein als die historischen Originale. Wer kann schon mit 70 Kilo Eisen am Leib noch Opernarien singen? Doch die Recherche hatte Erfolg: Das Team fand am Ende tatsächlich einen „nur“ knapp 30 Kilo schweren Harnisch.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld