gift

Lot Vekemans ist eine Meisterin des psychologischen Realismus. Die niederländische Dramatikerin besitzt die Gabe, seelische Vorgänge realistisch nachvollziehbar darzustellen. Sie setzt sich in außergewöhnlicher Weise mit Figurencharakteren auseinander und gibt ihnen ein tiefenpsychologisches Personenprofil, das auf den Bühnen kaum noch zu finden ist oder aus der Mode gekommen zu sein scheint. Die Lebenswelt der Figuren wird über die sehr ehrlichen Schilderungen und bedrückenden Erlebnisse der Protagonisten in den Köpfen der Zuhörer eröffnet.

Mit „Gift“ feiert eine Inszenierung Premiere, die es in sich hat. Es wird ein Thema verhandelt, über das man erst mal nicht nachdenken mag, weil es zu Unbehagen führt und die Seele tief berührt. Ein Kind stirbt bei einem Unfall, und das hat Folgen für die Eltern.

Der Vater und die Mutter sind traumatisiert. Sie versuchen auf unterschiedliche Weise, mit dem Erlebten umzugehen. Für sie wird nichts mehr sein, wie es einmal war. Was tun, wenn das eigene Kind bei einem Unfall plötzlich stirbt? Was passiert mit dem Leben der Eltern? Sind sie in ihrer Partnerschaft so verbunden, dass sie diese schwere Lebenskrise überstehen können, oder zerbricht auch diese Beziehung am Schmerz, weil einer der Partner die Trauer und die Gedanken an das Kind nicht loslassen kann und der andere gerne ein neues Leben anfangen würde?

Das ist der Ausgangspunkt der Geschichte. Scheinbar zufällig begegnen sich die Eltern auf dem Friedhof in einer Trauerhalle wieder. Angeblich ist Gift im Boden des Friedhofs gefunden worden, die Toten müssten umgebettet werden. So steht es in einem Brief, den der Mann bekommen hat. Nicht jedoch von der Friedhofsverwaltung, wie sich bald herausstellt. Die Protagonisten haben sich sehr lange nicht gesehen, die letzte Begegnung fand zu Silvester vor neun Jahren statt, als der Mann die Wohnung verlassen hat und nicht zurückgekommen ist. Die Frau hat ihn damals nicht aufgehalten, sie haben sich seither weder gesprochen noch geschrieben. Die Atmosphäre ist vergiftet, man spürt eine alte, tiefe Verbundenheit zweier Ex-Partner, die sich mal geliebt haben. Gleichzeit ist da die Entfremdung, unausgesprochene Probleme und die neuen Leben der Eltern. Sie schleichen umeinander und tasten sich vorsichtig vor.

Ihre gemeinsame Geschichte scheint gescheitert zu sein, aber noch lange nicht abgeschlossen, denn sie haben nicht nur ihre Liebe verloren, sondern auch ihren Sohn Jacob, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Von diesem Moment an war nichts mehr, wie es vorher war. Sie haben erst das Kind verloren, dann sich selbst und dann einander. Eine traurig-tragische Verkettung. Das innige Verhältnis ist durch das Erlebnis kaputt gegangen.

Er hatte sie verlassen und hoffte auf einen Neuanfang, den er auch gemeistert hat. Mittlerweile lebt er mit einer neuen Frau in Frankreich und sie erwarten ein Kind. Er findet Trost beim Singen in einem Chor und versucht, das Erlebnis durch das Schreiben eines Buches zu verarbeiten – er lebt.

Die Frau hat es in den vergangenen Jahren nicht so gut getroffen. Ihr fällt die Aufgabe der Trauer schwer. Sie kann den Schmerz, die Enttäuschung und die Wut nicht überwinden und hat Angst, das Kind für immer zu verlieren, wenn sie sich aus der Trauer löst. Sie wirkt verbittert, gebrochen und hat die Hoffnung auf ein besseres glückliches Leben aufgegeben: „Ich hasse Glück, glückliche Menschen“, äußert sie. Sie ist fast süchtig nach dem Schmerz und dem Leiden, welche die Erinnerungen an den Sohn lebendig halten. Sie hat alles, was sie mal geliebt hat und was das Leben lebenswert gemacht hat, verdrängt und ihr Lachen verloren.

Zunächst reden sie aneinander vorbei. Sie haben kein Verständnis für die Entwicklung des Gegenübers. Je länger sie miteinander reden, sich öffnen und dem anderen die Gefühle offenbaren, desto näher kommen sie sich wieder. Vielleicht wird irgendwann alles gut.

„Gift“ ist ein karges Stück, das sich ganz auf den Text konzentriert und mit wenig Ausstattung auskommt. Inszeniert hat den anrührenden Abend Markus Dietze. Kommen Sie und tauchen Sie in die traurige Welt des Paares ein, das von Raphaela Crossey und Markus Kirschbaum so wunderbar dargestellt wird. Alles ist vergiftet!