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Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Das Theater Koblenz hält in dieser noch blutjungen Spielzeit ein neues Format auf der Seitenbühne für Sie bereit, das Ihnen ermöglicht, einen kleinen Vorausblick auf die kommende Premiere zu erhalten. Neugierig wird Anna Drechsler ihre Nase in die Probenarbeit stecken, um Sie mit allen wichtigen Informationen zu versorgen, die die Vorfreude auf die jeweilige Premiere noch erhöhen. Dabei wird sie vielleicht auch die ein oder andere Anekdote bereithalten. Freuen Sie sich auf Neuigkeiten aus der Endprobenphase, die Ihnen gerade noch gefehlt haben …

Spielzeiteröffnung mit Shakespeares „Hamlet“
Jeder kennt „Hamlet“! Ob aus dem leicht verblichenen Deutschunterricht, irgendeinem geerbten Buch, dem abgebrochenen Germanistik-Studium oder aus der ernsthaften Beschäftigung mit William Shakespeare und seinem weltberühmten Werk. Kurzum: Gänzlich unbekannt sind der englische Schriftsteller und sein Schauspiel in fünf Akten wohl niemanden. Wenngleich der Respekt vor diesen schweren dramatischen Stoffen ungebrochen bleibt und die Interpretationsansätze auf literarischer, musikalischer und filmischer Ebene unzählbar sind, sind das Interesse und die Lust an William Shakespeare und seinen Familiendramen sowie einfühlsamen Liebesgeschichten ungebrochen und von den Theaterbühnen nicht wegzudenken. Das Jahr 2016 ist das Jahr des 400. Todestages Shakespeares und damit ein guter Anlass, den Großmeister der Dramenliteratur erneut zu würdigen.

Jeder kennt nicht nur „Hamlet“ vom Hörensagen, sondern jeder kennt auch den wohl berühmtesten Satz aus Hamlets Monolog, der zum geflügelten Wort geworden ist: „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, …“. Da verebbt das Wissen vieler auch schon wieder. Ähnlich verhält es sich wohl mit der Annahme, man meine zu wissen, wie man mit dem Stoff „Hamlet“ umzugehen habe. Die allgemeingültigen Einschätzungen sind häufig nicht ganz richtig und sorgen für Missverständnisse, die es aufzudecken gilt. Die meisten Menschen kennen nämlich nicht das Stück, sondern nur die Darreichungsform, in der sie es erlebt haben, und das ist bei Shakespeare interessant und wird bei „Hamlet“ noch viel spannender, weil das Stück – wie kaum ein anderes – in seiner Ikonographie und in dem, was an Zeichen von Shakespeare erfunden worden ist, die wesentliche Kulturgeschichte beeinflusst hat.

Der Regisseur Markus Dietze möchte in der Eröffnungsproduktion der Spielzeit, allzu festgelegte Sehgewohnheiten, die sich im Bezug auf Hamlet eingeschlichen haben, nicht nur aufbrechen und neu zur Diskussion stellen, sondern versieht sie auch mit Texten unterschiedlicher Literaten und Musiker sowie Komponisten, die sich dem Thema in ihrer Arbeit gewidmet haben. Das sind neben großen Namen auch unsere Hausautorin Deborah Kötting, die sich intensiv mit dem Stoff beschäftigt und eigene Texte beigesteuert hat. Hamlet und Ophelia sind die zwei Shakespeare-Figuren, über die die meisten anderen Dichterinnen und Dichter geschrieben haben: Gedichte, Erzählungen und Phantasien und zwar durch alle Jahrhunderte hinweg bis in unsere Tage. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass die Shakespearesche Sprache tatsächlich zeitlos war oder vielmehr bis heute ist. Die Zeitlosigkeit entsteht vor allem durch Übersetzungen, die nicht aus Shakespeares Zeit stammen und durch das Gehörte, das jeder Einzelne mit seinen eigenen Erfahrungswerten und seinem Leben abgleicht. So entsteht die Hilfskonstruktion einer vermeintlichen Zeitlosigkeit.

Als das Regieteam sich dem Stück angenähert hat, war schnell klar, dass man das Interesse an dem Text aufrechterhalten und auffrischen will. Das geht nur, wenn ein spezieller Zugang zu dem Werk erarbeitet wird. Dieser ist folgendermaßen entstanden und zu einem spannenden Konzept weiterentwickelt worden: Man nimmt alle Szenen des Stücks Hamlet und schneidet sie an den Stellen, an denen sie enden, auseinander. Dann wirft man die Szenen, bildhaft gesprochen, in die Luft, um die Reihenfolge zu dekonstruieren. Anschließend wurden die Szenen neu gruppiert. Dazu ist interessant zu wissen, dass jeder Monolog Hamlets an jeder Stelle des Stückes stehen könnte. Es gibt keine von Shakespeare gewollte oder aus dem Inhalt der Monologe ableitbare Reihenfolge, das ist in diesem Fall anders als bei vielen anderen bekannten Theaterstücken.

Die Überlegungen gingen dahin zu sehen, welche Szene zu einer jeweils anderen Szene jenseits der Shakespearschen Chronologie passt – oder dessen, was dafür gehalten wird. Daraus wurden neue Szenencluster gebildet und diese mit etwas flapsigen Überschriften versehen. Wie zum Beispiel: „Hamlet als Regisseur“, „Ophelia“, „So muss Shakespeare“, „Jeder kennt Hamlet“ oder „Männergespräche“. Diese neu gefundenen Szenencluster wurden zur besseren Zuordnung willkürlich mit Buchstaben versehen, geformt und mit Texten angereichert, die nicht von Shakespeare stammen, aber den Text in seiner Wirkung verstärken. Anschließend wurde die Reihenfolge der Cluster neu festgelegt und eine Abgrenzung jenseits der inhaltlichen Zuordnung der Abschnitte geschaffen. Dieses wird ebenfalls durch das Kostümbild und durch die Besetzung, was den Bauplan der Inszenierung vervollständigt, unterstrichen. So sind die Figuren nicht auf einen Darsteller festgelegt, sondern jeder Charakter wird je nach Cluster auf unterschiedliche Darsteller verteilt und nicht auf ein spezifisches Geschlecht festgelegt. Es gibt so zum Beispiel mehrere Hamlete, mehrere Ophelien und Gertruden.

Nach der beschriebenen Konzeption der Produktion drängt sich natürlich die Frage auf, warum diese Vorgehensweise überhaupt nötig ist. Die Antwort hängt eng mit der Figur Hamlet als Persönlichkeit zusammen, die sich nicht einfach mit den Worten „Die Figur ist so.“ beschreiben lässt. Hamlet ist eine Figur, die eine mannigfaltige Aufspaltung verschiedener Persönlichkeiten in sich birgt. Darüber hinaus ist „Hamlet“ ein Stück über Theater, wie Markus Dietze es beschreibt.

Zum einen hat Shakespeare behauptet, dass Hamlet die Idee habe, den zentralen Kniff seiner politischen Intrige, nämlich seinen Stiefvater des Mordes an seinem Vater zu überführen, mit einem Theaterstück erreichen möchte. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass dieser Plan wirklich funktionieren kann und der Stiefvater nach der Aufführung den Mord gesteht.

Zum anderen stellt sich die Frage, woher die Sitte stammt, dass sich die Mitarbeiter – ob vor oder hinter der Bühne – meistens schwarz kleiden. Auch das ist Shakespeare beziehungsweise Hamlet zu verdanken, weil Hamlet als Inbegriff des intellektuellen Melancholikers das emotionale Vorbild aller intellektuellen Melancholiker eines Theaters ist. In Hamlet steckt so viel Theater, dass es nötig ist, alles, was Theater kann, auch mal auf die Bühne zu holen und in den Theaterabend zu integrieren. Das führt dazu, dass in der bevorstehenden Inszenierung nicht nur gesprochen, sondern auch gesungen, getanzt und Maskenspiel dargeboten wird. Das Publikum soll sich nicht zu sehr mit einer Figur identifizieren und andocken, denn darum geht es in dem Stück nicht. Es soll sich stattdessen mit dem Stück insgesamt auseinandersetzen und seiner Phantasie freien Lauf lassen können. Das breite Figurenkarussell deckt Kostümbilder von der etwas übertrieben dargestellten Renaissance über 70er-Jahre-Dandys bis hin zu Kostümen der tiefen 90er-Jahre und Theaterkostümen ab. Der Bühnenraum hingegen ist verhalten schwarz und leer angelegt und verhält sich in seiner Funktion wie eine Art Maschine. Wände können gefahren werden und Wagen werden vor- oder zurückbewegt, dadurch können Räume flexibel gestaltet und Möbel und Requisiten nach Bedarf eingesetzt werden. Die Festlegung auf einen Ort soll auch im Bühnenbild nicht festgestellt werden.

Die Inszenierung ist also vielleicht viel mehr als „Hamlet“, eher eine Reise in die Phantasie. Ach so, gefochten wird auch – und zwar ziemlich gut! Das ist nämlich ein zentrales Element bei „Hamlet“. Der Rest bleibt bis zur Premiere am 17. September 2016, 19:30 Uhr, gespanntes Schweigen.