Am 29. November feiert „Haufenweise Zeitgenossen“, eine Eigenproduktion der Enthusiasten, Premiere auf der Probebühne 4. Die Probenarbeit der Gruppe gibt Einblicke in die gemeinsame Herangehensweise und das Konzept des Theaterabends.

Haufenweise Zeitgenossen

Als ich die Enthusiasten auf der Probe besuche, spüre ich sofort: Sie sind ein eingeschworenes Team. „Es ist ein sehr gutes Gemeinschaftsgefühl“, sagt Spielerin Monika, mit 76 Jahren ältestes Mitglied des Spielclubs. „Es geht viel um Vertrauen und darum, so angenommen zu werden, wie man ist. Sowohl als Privatperson in der Gruppe als auch beim Spielen.“

Für die Eigenproduktion „Haufenweise Zeitgenossen“ der Enthusiasten am Theater Koblenz geht es jetzt in die heiße Phase – das heißt: Proben, proben, proben. Die Gruppe trifft sich während der Endproben an jedem Abend außer montags, zusätzlich noch an den Wochenenden. Viele der aktuell zwölf Enthusiasten im Alter zwischen 29 und 76 Jahren sind dabei voll berufstätig. Klingt stressig. Ist es auch. Aber die Laienschauspieler*innen bleiben motiviert und zeichnen sich durch eine dynamische und disziplinierte Arbeitsweise aus. Spielerin Gabi (49) genießt das Proben in der Gruppe: „Das gemeinsame kreative Arbeiten ist nicht nur ein guter Ausgleich, sondern auch sehr erfüllend. Als Laie unter solch professionellen Rahmenbedingungen Theater machen zu dürfen, ist ein großes Privileg und Geschenk.“

Haufenweise Zeitgenossen

Natürlich steht der Spaß an der Sache im Vordergrund, wird auf der Probe auch mal herumgealbert und zwischendurch der Faden verloren. Aber das passiert erstens auch Berufsschauspieler*innen und zweitens ist ja die künstlerische Leitung zur Stelle, um im richtigen Moment einzuhaken und Input zu geben, der wiederum schnell in die Tat umgesetzt wird. Regisseurin Anna Zimmer schwärmt im Gespräch von der Gruppe: „Die Enthusiasten sind wirklich sehr spielfreudige Charakterköpfe. Das bereichert mich auf vielen verschiedenen Ebenen. Zum Beispiel bringen sie eine Fantasie mit, die ich allein gar nicht haben kann. Im Kollektiv können wir so viel mehr entwickeln – sowohl spielerisch als auch in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen.“

Anreiz zur thematischen Auseinandersetzung gibt bei „Haufenweise Zeitgenossen“ die Weimarer Republik. Dabei befragen die Enthusiasten das System der Demokratie und werfen den Blick als heutige Zeitgenossen auf die Gesellschaft der Zwanzigerjahre – und in die Utopie einer demokratischen Zukunft. Angestoßen hat das Thema Theaterpädagogin Anna Zimmer: „Im Frühjahr des letzten Jahres bin ich auf eine Biografie über Kurt Tucholsky gestoßen. Die gab mir den Impuls dazu, dass wir uns mit dieser Zeit beschäftigen. Darüber hinaus suchen wir bei jeder Produktion spieltechnisch neue Herausforderungen. Dafür stehen diesmal der performative Ansatz und der Gesang, den wir in dieser Form noch nicht hatten.“ So werden die inhaltliche Ebene und Texte von Tucholsky passenderweise mit Liedern der sogenannten Goldenen Zwanziger kombiniert. Das Einstudieren der Gesangsnummern erfordert manche Extraprobe mit Danilo Tepša, dem Musikalischen Leiter der Produktion.

Haufenweise Zeitgenossen

Chorische Elemente charakterisieren „Haufenweise Zeitgenossen“ ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem Raum und das direkte Hinwenden zum Publikum. Den Ausgangspunkt für das Programm des Abends bilden Solo-Performances, welche die Ensemblemitglieder eigenverantwortlich erarbeiteten. Daraufhin entwickelten Enthusiasten und künstlerische Leitung gemeinsam einen performativen Abend, bei dem sich die Gruppe bewusst dafür entschied, Anteile an Improvisation in die Vorstellungen zu integrieren. „Gerade beim Improvisieren ist ganz klar, dass es kein Richtig und Falsch gibt. Hier wird man nicht bewertet“, erläutert Monika die Herangehensweise und das Miteinander auf den Proben. „Wenn ich mal denke, ich könne dieses oder jenes nicht, ermuntern mich Anna und das Team oder geben mir ganz bewusst auf mich zugeschnittene Tipps.“

Im Leitungsteam sind neben Anna Zimmer und Danilo Tepša noch Dramaturg Dorian Brunz, Produktionsassistentin Julia Göllner und schließlich Annette Haunschild, die Bühne und Kostüme gestaltet. Sie stößt im laufenden Probenprozess zur Gruppe: „Ich stehe von Beginn an im Austausch mit Anna. Ich recherchiere und überlege, was mich an der Fragestellung interessiert und wie ich das im Raum zeigen kann. Dabei geht es mir nicht darum, die Illusion einer bestimmten Zeit zu erwecken.“ Abstraktere Formen findet die Ausstatterin viel spannender. „Ein Stichwort war auch Tucholskys ‚instabiles Fundament‘, dementsprechend besteht das Bühnenbild aus übereinandergelagerten Platten, was sozusagen etwas Zerbrochenes hat.“ Wie das genau aussieht, erleben Sie ab 29. November auf der Probebühne 4!

Andra Deiß