Tanz heißt in Koblenz in der Regel Ballett, in modernen Varianten zwar, aber immer noch Ballett. Mit „Haus mit 14 Räumen“ zeigt jetzt aber Gastchoreografin Regina van Berkel eine radikal zeitgenössische Tanzvision. Auf die sich nicht nur das Publikum einlassen muss, sondern auch die Tänzerinnen und Tänzer. Darunter Lisa Gottwik, die sich durch große Rollen in „Der Besuch der alten Dame“ und „Lulu“ während der vergangenen Jahre zu einer Stütze des Koblenzer Ensembles entwickelt hatte.

Lisa Gottwik
Foto: Arek Głębocki

Intendant Markus Dietze hat zum Spielzeitbeginn bei der „Kostprobe“ ironisch angemerkt, dass das Publikum Opern toll finden würde, Schauspiel auch, Ballett sei okay, aber Tanz, nein, Tanz gehe gar nicht. In der Regel gibt es Koblenz Ballett zu sehen, wenn auch modernes Ballett. Regina van Berkels „Haus mit 14 Räumen“ aber wird explizit als „Tanz“ angekündigt. Was heißt das für Ihre Arbeit als Tänzerin, Lisa Gottwik?
Lisa Gottwik: Ich finde das unglaublich spannend. Jeder Choreograf ist unterschiedlich in Bezug auf seine Arbeit, und ich glaube, mit jemandem wie Regina van Berkel hatte noch niemand von uns zu tun. Sie hat eine ganz eigene Arbeitsphilosophie – für mich ist das echt toll, weil sie frei an die Sache rangeht. Am Anfang wussten wir alle gar nicht so richtig, worum es in dem Stück geht, wie das aufgebaut ist, welche Szene sich an welche reiht …

War es schwer, sich umzustellen, als Tänzerin, die vom Ballett kommt?
Mir persönlich fällt das nicht schwer. Klar, man braucht auch eine gewisse Chemie zwischen sich und der Choreografin, das ist wie mit allen Menschen: Entweder, man kann einander leiden oder nicht. Und hier gefällt es mir wirklich sehr.

Sie hatten angesprochen, dass Sie zu Beginn nicht wussten, worum es in dem Stück gehen soll. Kann man mittlerweile etwas zum Inhalt sagen?
Die Choreografin will Raum an sich auf verschiedene Arten darstellen. Ein Haus hat Räume, aber was bedeutet ein Haus? Was ein Raum in einem Haus? Vielleicht Geborgenheit? Die Szenen, die wir darstellen, stellen unterschiedliche Gefühle dar: Was kann man innerhalb eines Raumes fühlen? Was spielt sich da ab? Streitereien, Freude?

Haus mit 14 Räumen – Impressionen

Ich hatte in der Probe den Eindruck einer forcierten Heterogenität: Ganz große Bewegungen stehen direkt neben minimalistischer Arbeit, Aggressivität neben Intimität, es gibt extrem unterschiedliche musikalische Stimmungen …
Das nehmen wir auch so wahr. Man ist zwar in der eigenen Rolle, aber man bekommt mehr und mehr mit, was sich alles parallel dazu abspielt. Wenn man eine bestimmte Choreografie hat, die man in einer Szene tanzt, und nach und nach führt alles zusammen, dann sieht man: Ah, die Kollegin macht was ganz anderes! Mit einer ganz anderen Dynamik!

Diese extreme Heterogenität ist normalerweise schwer auszuhalten. Aber: Irgendwie hat es die Choreografie geschafft, dass unterschiedliche Sachen gleichzeitig passieren, dem Zuschauer kommt es aber trotzdem harmonisch vor. Wie macht Regina van Berkel das?
Gute Frage. Ich glaube, das ist auch die Kunst des Choreografierens. Als Zuschauerin finde ich es extrem spannend, wenn viele unterschiedliche Sachen auf der Bühne passieren. Dann gehe ich auch gerne ein zweites Mal in das Stück, weil ich immer wieder was Neues entdecke. Warum es konkret bei dieser Arbeit so gut funktioniert … Weiß ich nicht. Es ist ja auch immer die Frage, wo auf der Bühne sich was abspielt.

Womit wir wieder beim Thema Raum wären.
Genau. Van Berkel schafft es immer, bestimmte Sachen in den Vordergrund zu bringen, damit der Zuschauer nicht total überfordert ist. Der guckt dann eher auf eine bestimmte Sache und kriegt vielleicht mit, dass woanders was anderes passiert, aber das ist bei ihm gerade nicht vordergründig.

Wahrscheinlich wird der Zuschauerfokus gelenkt, ohne dass der Zuschauer das in dem Moment merkt?
Ja. Die Beleuchtung zum Beispiel beeinflusst da auch ziemlich viel.

Haus mit 14 Räumen – Impressionen

Auch die Musik ist mal elektronisch, mal akustisch, mal sehr rhythmisch, mal praktisch ohne Rhythmus …
… mal modern, mal klassisch.

Wie hält man das als Tänzerin durch?
Ich mag das total. Man muss sich von Szene zu Szene komplett umstellen, aber gerade das macht es spannend. Weil das ganz unterschiedliche Atmosphären sind.

Sie kamen gerade aus der Elternzeit zurück ins Ensemble …
Stimmt. Das ist die erste Produktion seither, an der ich beteiligt bin.

Ein älterer Choreograf meinte mal, es sei schön, wenn Tänzerinnen Mütter werden – aber künstlerisch könne er dann nichts mehr mit ihnen anfangen. Die Mutterschaft würde den Körper so sehr beeinträchtigen, dass Ballett dann nicht mehr ginge.
Tatsächlich kommen Tänzerinnen oft nicht mehr zurück, nachdem sie Kinder bekamen. Aber das liegt, glaube ich, nicht daran, dass man das körperlich nicht schafft. Das merke ich jetzt an mir: Natürlich braucht das ein bisschen Zeit, aber das kommt alles schnell zurück. Ein bisschen ist das wie Fahrradfahren. Das verlernt der Körper nicht, wenn man das ein Leben lang gemacht hat.

Probe im Ballettsaal zu Haus mit 14 Räumen

Ausgebildet sind Sie in Stuttgart an der Cranko-Schule. Ich habe den Eindruck, mit dieser Ausbildung ist man nicht so sehr festgelegt, entweder „Ich mache nur Klassik“ oder „Ich mache nur zeitgenössischen Tanz“.
Das entwickelt sich oft erst hinterher, je nachdem, wo man engagiert ist. Nach der Ausbildung war ich an klassisch orientierten Häusern, zum Beispiel am Berliner Staatsballett, und da habe ich dann „Schwanensee“, „Giselle“ und so weiter gemacht. Im Nachhinein war das sehr gut für mich, aber diese freieren, moderneren Sachen kamen dann erst nach und nach.

Ich hatte bei „Haus mit 14 Räumen“ ein bisschen den Eindruck, dass das Stück den Gegensatz zwischen Klassik und Zeitgenössischem auflöst. Van Berkel arbeitet da mit durchaus klassischen Figuren, die mal für sich stehen, die auch mal mit einer radikalen Figur kontrastiert werden, aber es taucht da alles wieder auf. Auch das Ballett. Der Satz „Die Leute mögen Ballett, Tanz mögen sie nicht so“ ist da eigentlich …
Eigentlich müssten alle bedient sein.

Interview: Falk Schreiber
Fotos: Anja Merfeld