(Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

Wir legten einen Kreis aus Buchstaben auf den Tisch, verdunkelten den Raum, zündeten Kerzen und einige von diesen penetrant riechenden Räucherstäbchen an und stellten ein Glas in die Mitte des Tisches. Aufregend war das, der verbotene Blick in die Zukunft und in das Reich der Toten. Bedeutungsvoll sahen wir uns an, reichten uns die Hände und die Mutigste meiner Klassenkameradinnen übernahm die Rolle des Mediums. Wir atmeten tief ein und aus, schlossen die Augen, legten unsere Zeigefinger auf den Rand des Glases. Insgeheim hoffte ich, dass unser Vorhaben nicht funktioniert, was wäre passiert, wenn wir durch einen kleinen Fehler den Teufel gerufen hätten, der uns einen Dämon schickt. Kurz vor unserer ersten spiritistischen Sitzung hatte ich mich sicherheitshalber schon einmal mit den Merkmalen und Kennzeichen, an denen man den Teufel oder die dämonische Besessenheit angeblich erkennt, beschäftigt, um im Notfall rechtzeitig den Exorzisten informieren zu können. Ich hatte nämlich keinesfalls vor wie das Mädchen aus dem Film „Der Exorzist“ schreiend, schwitzend, mit Krämpfen und Schaum vor dem Mund unseren Gemeindepfarrer zu beleidigen. Besessene plaudern nämlich oft Bosheiten über andere aus, die sie eigentlich nicht wissen können. Ich war auf folgende Symptome vorbereitet:

Eine Abneigung gegen christliche Symbole. Besessene hassen alles Religiöse zum Beispiel Kreuze, Weihwasser und Bibeln. Die Nennung des Namens Jesu macht sie extrem aggressiv und sie können keine Psalmen hören. Als Beweis für eine Besessenheit reicht angeblich schon aus, in einem Raum, in dem ein Besessener sein soll, unbemerkt und still ein Gebet zu sprechen. Wenn der Besessene reagiert, dann ist der Teufel in ihn gefahren. Außerdem verfügt er über übernatürliche Fähigkeiten, wie Kraftleistungen, die über Alter und natürliche Beschaffenheit der besessenen Person hinausgehen, manche können sogar fliegen oder Gegenstände im Umfeld des Besessenen können schweben, wie Tische zum Beispiel, hatte ich in diesem Zusammenhang mal gelesen. Auch das Sprechen und Verstehen fremder, nicht gelernter Sprachen beherrschen Besessene, das wäre ja eigentlich eine positive Auswirkung, auf die ich allerdings gerne verzichtet hätte, wenn ich damit die Stimmungsschwankungen, alle möglichen Gefühlsausbrüche, wie gesteigerte Aggressivität, Furcht und Traurigkeit umgehen könnte.

Etwas aufgeregt, und auf alles gefasst, begonnen wir also unsere erste spiritistische Sitzung. Und? Es passierte gar nichts. Unser Gläserrücken endete in einem Lachkrampf, den ich der toxischen Wirkung der Duftstäbchen und unserem albernen Getue zuschreibe. Trotzdem versuchten wir es natürlich heimlich noch mit dem Auspendeln von bestimmten Fragen und mit dem Kartenlegen und dann war mein Interesse auch in Gänze versiegt. Ich weiß jetzt gar nicht mehr so genau, was die Spannung ausgemacht hat. Spiritistische Sitzungen waren ein Trend und die Warnungen in der Schule, beziehungsweise der Versuch der wissenschaftlichen Aufklärung, der angeblichen magischen Phänomene, durch die Lehrer, trieben uns eigentlich erst dazu dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und alles auszuprobieren. Muskelkontraktionen bringen das Pendel zum Schwingen, die Anspannung und die Konzentration der Beteiligten beim Gläserrücken lassen das Glas, mit gebündelter Energie der Gruppe, unbewusst über den Tisch gleiten. Ja, ja, klingt logisch, dachte ich damals, und bin mit meinen Freundinnen völlig aufgeklärt in unsere geheime, spiritistische Sitzung gegangen, wir wussten ja jetzt um die eigene körperliche Beeinflussung. Bei uns musste es also klappen. Die Verlockung die nächste Mathe-Note oder den kommenden Ehemann vorzeitig genannt zu bekommen und der Reiz des Verbotenen war einfach zu groß.
Wie gut wäre es gewesen, wenn diese okkulten Praktiken wirklich funktioniert hätten und der Blick in die Zukunft und der Kontakt zu den Verstorbenen möglich gewesen wären. So ein Blick auf das zukünftige Leben, auch wenn es nur die nächsten drei Jahre wären, um nicht unverschämt zu erscheinen, wäre doch großartig. Okkultismus, Zauberei und Hexerei sind Praktiken, die es eigentlich schon immer gibt. Der Wunsch sich über schwarze oder weiße Magie Wissen und Macht anzueignen ist keine Erfindung aus den Kinderzimmern der 1990er Jahre, auch im 17. Jahrhundert in Salem zum Beispiel haben Kinder heimlich experimentiert, um etwas über ihre Zukunft zu erfahren, da endete die Lust auf Magie allerdings in einer der bestialischsten Hexenjagden der Geschichte.

(Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

Hexe sein ist doch toll. Was gibt es denn dagegen einzuwenden? Also jetzt nicht unbedingt die aus dem Märchen, die buckelig, verbittert und mit einer Warze auf der Nase alleine im Wald lebt und mit den Tieren spricht. Die aus Kräutern, Krähenfüßen und Schwefel, mit Hilfe von geheimen Hexensprüchen widerliche Tränke braut und mit Glück vielleicht mal zu Rate gezogen wird, wenn es jemanden im Dorf schlecht geht. Die ansonsten die komische Alte im Wald ist, die bestimmt Kinder frisst und Unheil über die Menschheit bringt, wenn man sie erzürnt. Diese Art von Hexe wäre ich nur dann gerne, wenn ich in einem Hexenhaus aus Lebkuchen wohnte und einen sprechenden Raben besäße. Ich äße den ganzen Tag köstliche Lebkuchen, Süßigkeiten und alles was das duftende Haus so her gäbe und wenn ich zu dick würde, dann hexte ich mich einfach wieder dünn. Bei der Vorstellung wird meine Sprache gleich ganz märchenhaft schwülstig vor Glück.

Noch schöner stelle ich mir das Leben als moderne Hexe vor, die voll in die Gesellschaft integriert ist und einfach diese Hex-Fähigkeiten besitzt, ganz normal eben. Das hexen ist doch eine sehr sympathische Gabe, wer sagt, dass er das nicht können möchte lügt doch! Alles wäre möglich: der Haushalt erledigte sich von selber, man könnte mal kurz für einen Nachmittag in die Karibik an den Strand, das Konto wäre immer gefüllt, keine mühsamem Staus mehr auf der Straße, einfach mal eben auf den Besen geschwungen und schon ist der Arbeitsweg wie im Flug erledigt. Die Liste der Vorteile ist unendlich. Ich hexe mir die Welt, wie sie mir, und zwar nur mir, und keinem anderen, gefällt! Ich mache mir die Welt und alles was auf ihr existiert untertan und muss mich nie wieder über irgendetwas aufregen, weil alles genau so verläuft wie ich, und zwar nur ich, und kein anderer, mir das vorstelle! Während ich diese Fantasie schreibe, füllt sich mein Gehirn mit Glückshormonen und einem wohligen Gefühl von Macht, Habgier und Egoismus. Etwas ganz, ganz größenwahnsinniges erwacht gerade in mir. Dunkle Wolken ziehen auf, es donnert, Blitze zucken in den Wolken und ich schlecke eine Spinne von der Wand. Es zieht mich vom Stuhl, ich springe auf den Tisch und schreie so laut ich kann HEX HEX! Ein hysterisches allmächtiges Lachen entfährt mir. Und ich hebe die Arme gen Himmel. … Nichts passiert?… Nochmal: HEX HEX! … Wieder nichts? Mist, das ist mir jetzt ein bisschen unangenehm. Gut, dass ich mir nicht noch das Kleid vom Leib gerissen habe. Vergessen Sie es gleich wieder. Ich setze mich mal wieder und schreibe weiter. Ich kann auch ohne diese blöden Fähigkeiten glücklich sein. Wer braucht schon Hexen, pöh!
Diese Allmachtsfantasien und die Angst vor dem Kontrollverlust sowie die Geschichten, die sich über vielerlei Mythen etabliert haben könnten die Angstauslöser sein, die zu den bestialischen Hexenverfolgungen geführt haben. Unberechenbar wäre das, wenn hier jeder nach Lust und Laune in der Gegend herum hexen könnte, das Chaos würde ausbrechen und die schöne kontrollierte Ordnung in der Gesellschaft würde aus den Fugen geraten. Die Angst, dass es also doch eine übernatürliche Energie geben könnte oder eine magische Personifizierung in Form einer Hexe oder etwas anderem Bösen ist wahrscheinlich darin begründet, dass es unerklärlich ist, außer Kontrolle geraten könnte und Angst macht.

Der „Mythos Hexen“ lässt sich in ein paar Schlagworten zusammenfassen: rote Haare, Verfolgung im Mittelalter, viele Millionen unschuldig verbrannte Frauen, die katholische Kirche und andere kleinere Glaubensrichtungen, Inquisition, Exorzismus, Frauenhass, geheimes Kräuterwissen, Hebammen, selbstbewusste Frauen und das ominöse Übernatürliche und Magische.

Die unschuldigen Frauen, die der Hexerei bezichtigt wurden, wurden meist auf den Scheiterhaufen verbrannt, gehängt oder sonst in irgendeiner Form martialisch hingerichtet. „Eene meene Hexen-Wahnsinn, löse dich Gesellschaftsstarrsinn“, hätte Bibi Blocksberg in solch einem zerbrochenen sozialen Gefüge bestimmt gehext, wenn es sie geben würde.

(Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

In Salem, Massachusetts, da wo die eben erwähnten Kinder ihre magischen Fähigkeiten testeten, kam es ab Februar 1692 zu einer der brutalsten Hexenverfolgungen. Es brach eine Hexenjagd aus, in deren Verlauf unschuldige Menschen verurteilt und hingerichtet wurden. Der Pfarrer, der noch jungen Kolonie, Samuel Parris, hatte seine Gemeinde unbewusst auf die Hexenjagd vorbereitet, denn er sah, wie viele Geistliche der Zeit, seine Gemeinde einer Bedrohung durch Satan ausgesetzt. Die Jagd nach Satans irdischen Vertretern hatte eingesetzt und Parris verschärfte seinen Ton in den Predigten, das die Hysterie gegen die angeblichen Hexen schürte. Alles Unbekannte, alles Fremde wurde für die Bewohner von Salem zur Gefahr. Es gab keine Sicherheit mehr und nichts passierte grundlos. Wenn schlimme Dinge passierten, dann aus einem bestimmten Grund heraus. Dies galt zum Beispiel, wenn das Haustier starb oder das Kind krank wurde, das Haus abbrannte, die Ernte mager ausfiel oder sich plötzlich ungeklärte Schmerzen einstellten. All das stand mit einer übergeordneten Welt in Verbindung, die größer war als der Mensch, es konnte sich nur um Gott oder den Teufel handeln. In der Gewissheit der eigenen abgrundtiefen Sündhaftigkeit, mussten die Puritaner Salems Strenge gegen sich selbst walten lassen, so gab es die Glaubenswelt vor. Rettung gab es nur für die Reinen, die die Lehren der Bibel kompromisslos zur Richtschnur ihres Lebens machten. Ein fleißiges, einfaches und moralisch einwandfreies Leben war für die Bewohner der Gemeinde in Salem Pflicht. Religion war das Hauptthema in jeder Lebenslage, jedes noch so banale Ereignis wurde in einem religiösen Kontext verstanden. Er war für sie das einzige Konzept die Welt zu begreifen und die Bibel stellte ihre „Lebensanleitung“ dar. Die Kinder hatten es in dieser sehr engen Welt schwer. Der Umstand das fast alles verboten war erhöhte die Neugier und den Reiz Dinge heimlich auszuprobieren.

Die Mädchen trafen sich heimlich im Wald um zu tanzen, und um mit Hilfe der Sklavin Tituba einen Blick in die Zukunft zu werfen. Sie wurden bei ihren okkulten Praktiken zufällig von Pastor Parris beobachtet. Voller Angst um die eigenen Bestrafungen verfielen die Mädchen in Panik und Hysterie, das die Gemeindemitglieder und Geistlichen als Besessenheit deuteten. Unter dem Druck von Abigail Williams, der Nichte des Pastors, verstrickten sich die Mädchen in ein Lügenkonstrukt, das geschürt durch die Satansangst der Gemeinde und eine brodelnde Gerüchteküche, die von den Mädchen angeheizt wurde, immer weiter außer Kontrolle geriet. Schließlich wurden 162 Menschen angeklagt, 76 Menschen kamen vor Gericht, und 19 wurden hingerichtet.

Das Drama „Hexenjagd“ („The Crucible“) von Arthur Miller zählt zu den Klassikern der amerikanischen Literatur. Der Erfolg lässt sich auf die historische Genauigkeit zurückführen. Miller hat gründlich recherchiert und die überlieferten Protokolle und Transkriptionen der Gerichtsverhandlungen und Verhöre studiert. Die Figuren auf der Bühne und die Sprache sind weitestgehend authentisch. Die Brisanz des Stücks ergibt sich allerdings erst durch den Bezug auf die politische Lage der frühen 1950er Jahre in den USA. Damals war die Jagd auf Kommunisten in vollem Gange. Der konservative Senator Joseph McCarthy hatte am 9. Februar 1950 eine Rede gehalten, in der er behauptete, ihm seien die Namen von 57 Kommunisten im Außenministerium bekannt. Daraufhin begann eine regelrechte Hexenjagd. Kommunisten wurden überall vermutet, und wer sich nicht zu bestimmten Grundprinzipien bekannte, die als amerikanisch galten, geriet in den Verdacht zu den Kommunisten zu gehören. Verdächtige wurden vom „House Committee on Un-American Activities“ aufgespürt und unter Druck gesetzt weitere bekannte Kommunisten zu verraten. Miller schrieb eine Parabel von der aktuellen amerikanischen politischen Lage, übte Kritik an der Gesellschaft und wurde 1956 auch vor den Ausschuss zitiert. Als Künstler wollte er ein Werk schaffen, das die Zeit überdauert und allgemein menschliche Probleme aufgreift. Das Stück hat sich von dem historischen Zusammenhang befreit und beweist bis heute immer wieder seine Aktualität in den Bereichen Wissen, Macht, Individuum, Gesellschaft und Treue in Beziehungen und zu sich selbst.

Überzeugen Sie sich selbst und bilden Sie sich ihre eigene Meinung in der Inszenierung von Esther Hattenbach. Aktueller kann ein Thema nicht sein. Jeder Mythos trägt ja auch ein Stück Wirklichkeit in sich.

Anna Drechsler

(Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)