Der Regisseur Nis Søgaard adaptiert Anne Leppers „Mädchen in Not“ für die Puppenbühne

Koblenz – Mit ihrer Rolle als Frau hadert Baby in Anne Leppers Stück „Mädchen in Not”. Ihr Mann und ihr Freund engen ihre Freiheit ein – und sie wünscht sich eine Puppe als Mann. Dieses Konzept denkt der dänische Regisseur Nis Søgaard radikal weiter. In der Puppensparte des Theaters Koblenz hat seine Inszenierung am 7. Dezember Premiere. Was reizt den Puppenspielkünstler daran, die Geschlechterkämpfe der Mädchen Baby und Dolly mit Puppen und Objekten in Szene zu setzen? „Sie machen einen Zugang zu den Figuren möglich, der sehr offen und weniger auf die Personen bezogen ist. Da geht es mehr um die Leitgedanken des Dramas.“ Das reizt den Künstler an dem komplexen Text der 40-Jährigen Autorin. Mit dem Stück, das Geschlechterverhältnisse hinterfragt, hat Lepper 2017 den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen.

Mädchen in Not

Nis Søgaard reibt sich in der Probenarbeit mit der Spielerin Luisa Grüning an den Figuren, die er als reduziert und Klischeehaft beschreibt . Auf der Probebühne 4 hat er eine Arena aufgebaut. Lepper dekonstruiert in ihrem Text das Bild der Frau als Sexobjekt. Baby, die Protagonistin, will eigene Wege gehen: „nein Schluss ich mache nicht mehr mit ab jetzt lasse ich mich nicht mehr zurichten vom Willen anderer von deinem ich will nicht mehr so wie alle ab sofort bestimme ich selbst.“ Dass sie mit einer Puppe als Mann ihr neues Leben beginnen will, schockiert die Mutter: „keinen echten Mann! Was werden die Leute sagen!“ Wie zerrissen die junge Frau ist, zeigt Søgaard mit einem fragmentierten Frauenkörper. Babys Kopf ist eine Klappmaulpuppe. Er ist vom Rest des Körpers getrennt. Starr liegt ein Torso daneben. Sensibel führt die Spielerin den kahlen Mädchenkopf mit der Hand. Leichte Bewegungen hauchen der Puppe aus der Werkstatt von Puppenbauerin Barbara Weinhold Leben und starke Gefühle ein. Mal grinst sie zynisch. Dann wirkt der grobe Mund verzweifelt. Babys Freundin Dolly ist eine riesige, rosarote Puppe in Lebensgröße. Übergroße Brüste und dicke Glieder entstellen den trägen Leib. Babys Befreiung von weiblichen Klischees versteht die Freundin nicht. Griffig zeigt Weinhold mit ihrer Puppenbaukunst die tiefen Gräben zwischen den jungen Frauen.

Mädchen in Not

Obwohl Nis Søgaard straff an den Szenen arbeitet und bis ins Detail am Spiel feilt, klappt das bei dem besonnenen Dänen ganz ohne Druck. Konzentration auf die Sprache ist dem Wahl-Berliner wichtig. Er will, dass alle ganz tief in den Text hineinhorchen. Mit seiner ruhigen Stimme setzt er Impulse. „Im Puppenspiel kommt es auf feinste Nuancen an“, findet der begabte Pädagoge, der an der Busch-Schule junge Spielerinnen und Spieler unterrichtet. Er ist keiner, der mit festen Konzepten in die Proben kommt. Denn Nis Søgaard liebt es, zu experimentieren. Dass die Spieler die Kraft haben, eine Puppe zum Leben zu erwecken, um sie im nächsten Augenblick wieder beiseite zu legen, birgt für ihn großes Potenzial. Diesen aufregenden Prozess will er mit seinem Team erkunden.

In Zeiten, da im Zuge der #MeToo-Debatte die Rolle von Frauen in der Gesellschaft heftig diskutiert wird, ist Leppers Drama hoch aktuell. Dabei geht es der Autorin nicht um Gender-Thesen, sondern um die Menschen und ihren Kampf um ein selbst bestimmtes Leben. Der Regisseur hofft, mit dem komplexen Stoff das Publikum zum Nachdenken zu bewegen. Er findet es wichtig, dass Theater Diskussionen in Gang bringt. Am Theater Koblenz ist Søgaard kein Unbekannter. Im April 2017 hat der innovative Regisseur dort seine „Unterirdische Komödie” uraufgeführt – ein Stück über die 33 chilenischen Bergleute, die 2010 verschüttet wurden. Ihr Schicksal machte weltweit Schlagzeilen. Søgaard wollte den Stoff auf die Bühne bringen. Zunächst fand er aber kein Theater, das dieses wagen wollte. Dass sich Intendant Markus Dietze in Koblenz auf das Wagnis eingelassen hat, freut ihn.

Mädchen in Not

Nun hatte er die Idee, eine der starken Stimmen neuer deutscher Dramatik für das Puppentheater zu adaptieren. Das ist abermals ein Wagnis, denn Leppers Dramaturgie fordert Mut zum Experiment. Søgaard setzt ihr Stück mit einer Spielerin in Szene. Luisa Grünings Solo bildet aber viele Perspektiven ab. Denn Lepper hat den Text für fünf Spieler und Spielerinnen geschrieben. Dazu kommen die Männer Jack und Franz, die sich als Puppen tarnen. Strippen zieht der dämonische Puppenmacher Duran-Duran. Die düsteren Stimmen der Gesellschaft der Freunde des Verbrechens schließlich stehen für die Macht des Systems. Wie lässt sich dieses komplexe Drama auf eine Person konzentrieren? „Es ist eine Herausforderung, die Dialoge so zu straffen“, findet der Regisseur. Doch für ihn liegt der Fokus auf Babys Suche nach ihrer Selbstbestimmung. Musiker Philipp Pleßmann streut lediglich die eine oder andere Textpassage ein. Er hat bekannte Songs neu arrangiert, die zum kraftvollen Rhythmus von Leppers Sprache passen. Am Klavier begleitet er die Inszenierung. Manchmal springt er kurz bei Videoaufnahmen ein, hält die Kamera, wenn es die Situation ergibt. Mit Puppenspielkunst ist der Musiker bestens vertraut. Denn wie Nis Søgaard hat Philipp Pleßmann an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Puppenspielkunst studiert. Aus dieser Schule kommt auch die Spielerin Grüning. Dass in dem kleinen Team die Chemie stimmt, ist nicht zu übersehen. Søgaards Lust, neue Dramatik für das Puppenspiel zu entdecken, passt bestens zum Konzept des Theaters Koblenz. Denn das Leitungsteam der Sparte verfolgt das Ziel, das Publikum mit neuen Stoffen und Formaten vertraut zu machen.

Von Elisabeth Maier