Sie gilt als die beste Dramatikerin ihrer Generation: die junge britische Autorin Lucy Kirkwood. Am 16. März hat ihr Stück „Moskitos“ am Theater Koblenz Premiere. Versuch einer Annäherung an eine Autorin, die sich jeder Kategorisierbarkeit entzieht.

Lucy Kirkwood – Moskitos

Ihr Gesicht hat etwas Altmodisches. Es wirkt wie aus der Zeit gefallen. Und manchmal trägt sie zartfarbige Rüschenblusen und züchtige Flechtfrisuren. Sie sähe aus wie eine viktorianische Gouvernante, hat ein Kritiker des „Independent“ vor einigen Jahren über sie geschrieben. Doch unter der mädchenhaften Schale verbirgt sich ein unergründlicher Kern. Von Kannibalismus und Vergewaltigung, Inzest und Mord handeln ihre ersten Stücke. „Ich sehe mich selbst eigentlich als fröhliche Person“, hat sie mal gesagt. „Aber ich denke, ich habe vielleicht einen ziemlich schwarzen Humor.“

Spurensuche: eine Kindheit in East London

Geboren ist sie 1984 in Leytonstone, East London, und aufgewachsen im nahen Wanstead. 36 Minuten sind es von dort mit der Central Line zum Oxford Circus. Der Vater ist städtischer Angestellter, die Mutter Gebärdendolmetscherin an einer Schule, die jüngere Schwester arbeitet heute als Stylistin. Eine normale Mittelklasse-Kindheit im Schatten einer Großstadt. Für das Studium zieht sie nach Edinburgh, schreibt sich dort ein für englische Literatur. Und macht bei einer Improvisationstheater-Truppe mit, die weit über Schottland hinaus berühmt ist. Doch zu den „Improverts“ zieht es viele, und im Laufe der Jahre werden auch einige von ihnen recht bekannt. Die meisten finden später zur Stand-up-Comedy, einige zur Schauspielerei. Lucy Kirkwood hingegen beginnt zu schreiben.

Gleich am Anfang hat sie das nötige Quentchen Glück: Bereits ihr erstes Stück fällt durch Zufall einem mächtigen Agenten in die Hände. Sie wird entdeckt. 2005 ist das, das Schauspiel heißt „Grady Hot Potato“ – und plötzlich gilt die gerade einmal 21-Jährige als heißeste Nachwuchs-Dramatikerin des Landes. Und erfüllt innerhalb kürzester Zeit alle Hoffnungen, die man in sie setzt. Nach dem Studium heuert sie als Drehbuchautorin für die vielgelobte TV-Serie „Skins“ an (die in Deutschland auf Sky zu sehen war). Deren Themen: Sex, Drugs und der ganz normale Alltag einer Gruppe halb erwachsener Teenager in Bristol. Sprache, Szene, Klamotten – alles sollte so real wie möglich sein. Kein Problem für Lucy, deren größtes Talent es womöglich ist, ganz genau hinhören zu können.

Wo sie ihre dem Leben abgelauschten Dialoge und Dialogfetzen findet? „In öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Musikhören, in den Ferien, beim Abendessen, beim Babysitten, im Schuhgeschäft, bei Hochzeiten, bei Verwandtenbesuchen, beim Spazierengehen“, antwortet sie. Und vor dem Bildschirm: „Ich habe vermutlich in meinem Leben sehr viel mehr ferngesehen als Theaterstücke angeguckt. Mir war gar nicht klar, dass das die beste Schule dafür war, um plastische Dialoge schreiben zu können.“

Parallel zu ihrem Job bei „Skins“ arbeitet sie weiter an ihren Theaterstücken, mit denen sie immer wieder die Grenze zur Surrealität – oder manchmal auch zum Horror – überschreitet. In „Guns or Butter“ (2007) macht sie kriegstraumatisierte Soldaten zum Thema, in „Psychotherapy“ (2008) beobachtet sie ein junges Paar im Haus eines Serienkillers, in dem 27 Frauen nach Folter und Qual den Tod fanden. In „it was empty when the heart went at first but it is alright now“ (2009) – das kürzlich in einer Fassung für Puppentheater auch in Koblenz zu sehen war – beschäftigt sie sich mit der sexuellen Ausbeutung eines jungen Mädchens, in „Tinderbox“ (2009), geschrieben mitten in der Lehman-Brothers-Finanzkrisenzeit, entwirft sie eine fulminante Vision einer kaputten Zukunft.

Ihre Sprache: leichtfüßig, finster, humorvoll

Was ihre Schauspiele so besonders macht? Kritiker sagen: Die eigenwillige Mischung aus leichtfüßigen Dialogen und finsterem Humor. Kaum jemand kann das so gut wie sie. Wer ihre Vorbilder sind? Da ist sie tief im 20. Jahrhundert verwurzelt. Arthur Miller und Edward Albee. Die präzise Alltagssprache des einen – und die glasklare verbale Brutalität des anderen: Von beiden hat sie sich einiges abgeguckt. Und natürlich von Caryl Churchill, der Grande Dame der britischen Gegenwartsdramatik, deren furiose Stücke – auch – dafür gerühmt werden, wie sie zwischen realer Welt und einem irrealen Phantasieraum hin und her pendeln.

Inzwischen hat Lucy Kirkwood die Großstadt hinter sich gelassen: Heute lebt sie auf dem Land. Eine Häuschen in der Nähe der Kleinstadt Diss in Norfolk ist vor einigen Jahren ihre neue Heimat geworden. Weil sie die Einsamkeit mag. Aber auch, weil sie sich London nicht leisten konnte, wie sie ehrlich eingesteht. „Ich wohnte in einem sehr netten Appartment in der Brick Lane, aber wir waren immer zu dritt oder zu viert, es war alles recht studentisch. Ich hatte dort keinen Platz, um zu schreiben.“ Das jetzige Haus mit Garten sei billiger als ein Zimmerchen am Londoner Stadtrand. Und eine schnelle Bahnverbindung bringt sie trotzdem in 2 ½ Stunden in die City.

Lucy Kirkwood – Moskitos Backstage

„Moskitos“: zwei Schwestern, zwei Lebensentwürfe

Auch „Moskitos“ ist bereits auf dem Land entstanden, jenes Stück, das am 16. März am Theater Koblenz Premiere haben wird. 2017 wurde es am Londoner National Theatre uraufgeführt. Wie alles, was Lucy Kirkwood – für die Bühne – schreibt, ist es schwer einzuordnen. Geschweige denn, sinnstiftend nachzuerzählen. Was immerhin beschreibbar ist: Es handelt von zwei Schwestern, Alice und Jenny. Die eine ist Atomphysikerin, die andere jobbt in einem Call-Center. Die eine ist strebsam und schlau, die andere chaotisch und sprunghaft. Und über beiden schweben die großen Themen unserer Zeit: Es geht um Teilchenphysik und Fehlgeburt, Autismus und globale Vernetzung, um Atomkerne, fragile Geschwisterbeziehungen und Demenz.

Ihre Auffassung davon, was das Theater leisten kann – nämlich ganz anderes, und, ja, durchaus auch mehr als Film und Fernsehen – hat Lucy Kirkwood einmal so beschrieben: „Die Bühne ist ein metaphorischer Ort. Wenn ich eine Armee auf die Bühne stellen möchte, kann ich das tun. Aber ohne, dass ich eine reale 10.000-Mann-Armee dafür brauche. Ich kann einfach irgendetwas auf die Bühne stellen, von dem ich behaupte: Das hier ist eine Armee. Ich kann eine einzige Person auf die Bühne stellen und dann sagen: Schaut her, sie hier verkörpert 25 andere. Weil ich den Klang habe und das Licht, und weil ich mit Bewegung arbeiten kann. Mit alldem kann ich eine Armee erschaffen. Und das ist wirklich berauschend.“

Text: Margot Weber