Giuseppe Verdis „Nabucco“ findet statt. Was so normal klingt, ist alles andere als das. Denn das Corona-Virus hat die Theater ordentlich durcheinander gewirbelt. Auch in Koblenz. Trotzdem ist auf der Festung Ehrenbreitstein vom 11. bis zum 19. Juli eine große Oper live zu sehen und zu hören – mit Solisten und Statisten, Chor und Orchester. Wie so ein Abend in diesen Monaten überhaupt Realität werden konnte, hat uns Intendant Markus Dietze erzählt. Ein Interview.

Nabucco Schlussbild

Hätte es die Pandemie nicht gegeben, hätten wir in diesem Juli auf der Festung Ehrenbreitstein …
… einen ganz normalen „Nabucco“ erlebt: ein halbes Dutzend Open-Air-Vorstellungen, normal bestuhlt und im retirierten Festungsgraben, mit allabendlich etwa 1.000 Zuschauern, wie in jedem Sommer seit 2011.

Wann haben die Planungen dafür begonnen?
Lange vor Corona. Genauer gesagt: vor ziemlich exakt zwei Jahren. Den Vorverkauf haben wir dann im vergangenen Herbst gestartet. Und da wir für die Festung sofort relativ viel PR und Marketing machen, hatten wir bereits im Februar eine Auslastung von weit über 50 Prozent erreicht. Wenn wir die Reservierungen hinzurechnen, waren wir damals – insbesondere auf den überdachten Plätzen – eigentlich schon so gut wie ausverkauft.

In normalen Zeiten wäre das ja äußerst erfreulich gewesen. Aber Mitte März wurden die Theater geschlossen und die Leitlinien zur Beschränkung sozialer Kontakte traten in Kraft.
Etwas flapsig könnte man jetzt in der Tat sagen: Wäre es mit dem Vorverkauf nicht so gut gelaufen, hätten wir’s jetzt einfacher.

Weil ….
… das nun natürlich eine große organisatorische Herausforderung für uns alle ist, insbesondere aber natürlich für unsere Kasse, die wir deshalb auch mit zusätzlichen Mitarbeiterinnen im Backoffice unterstützen. Denn die Vorstellungen können nur mit stark reduzierter Platzzahl stattfinden, weshalb wir in diesen Tagen alle Tickets umtauschen müssen.

Das heißt konkret?
Statt 1.000 Zuschauern sind maximal 350 erlaubt. Was bedeutet, dass wir nur jede zweite Reihe überhaupt aufbauen werden – und zudem neben Personen, die nicht zusammengehören, jeweils zwei Plätze frei lassen. Die bisherige Nummerierung der Tickets ist also hinfällig. Und gerade weil wir so gut verkauft waren, können wir auch momentan keine weiteren Karten mehr anbieten.

Sie hatten zwischenzeitlich den Vorverkauf gestoppt. Aber Sie haben die Vorstellungen nie final abgesagt. Warum nicht?
Da wir ja proben konnten – Probenbeginn war Anfang Juni –, wäre das aus meiner Sicht kulturpolitisch falsch gewesen. Weil wir als Theater kulturelle Daseinsvorsorge betreiben und nicht zu unserem Privatvergnügen spielen, haben wir die Pflicht, alles so lange zu tun, wie es rechtlich möglich und künstlerisch sinnvoll ist.

Nabucco Opernchor

Wobei sich Probenplanung und Proben vermutlich einigermaßen aufwendig gestalten, oder?
Ja, und zwar in jeder Hinsicht. Der Chor etwa hat aufgrund der Hygienevorschriften nicht im hauseigenen Chorsaal proben können, sondern in der CGM-Arena. Und das Orchester im großen Saal der Rhein-Mosel-Halle – und mit eigens angefertigten Acrylglas-Trennwänden für die Bläser. Nur so waren die vorgeschriebenen Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Nun ist die Bühne auf der Festung allerdings nicht gerade groß. Anders gesagt: In Corona-Zeiten für Orchester, Chor, Solisten und Statisten eindeutig zu klein. Wie haben Sie das Abstandsproblem dort gelöst?
Was das Orchester betrifft: Indem wir zunächst die Besetzung reduziert haben und nun mit 39 Musikern spielen statt mit knapp 60. Dann gibt es natürlich auch dort für die Bläser Schutzvorrichtungen aus Acrylglas – zudem sind alle Orchesterstühle auf zwei Meter Abstand eingerichtet. Der Chor kann natürlich nicht auf der Bühne agieren, deshalb haben wir ihn oberhalb des Zuschauerbereichs platziert. Selbstverständlich mit dem vorgeschriebenen Abstand und in zwei Reihen. Während der musikalische Beitrag des Chors also von jenseits der Szenenfläche erklingt, wird der eigentliche szenische Beitrag auf der Bühne pantomimisch dargestellt – durch unsere Pandemimen, wie wir mittlerweile liebevoll sagen. Sie tragen bei ihren Auftritten Mund-Nasen-Bedeckungen, so dass sie die Abstände kurzfristig unterschreiten dürfen.

Und die Solisten?
Die Regisseurin Anja Nicklich hat ein Corona-taugliches Regiekonzept entwickelt. Was vor allem meint: Sie hat die derzeit geltenden Abstandsregeln für Sänger eingearbeitet und für Handlungen, die eigentlich eine gewisse Nähe voraussetzen, Ersatzhandlungen gefunden.

Nabucco Bastiaan Everink und Ensemble

Das hört sich allerdings alles ein bisschen kompliziert an. Denken Sie wirklich, dass das funktionieren wird?
Ja. Vieles verspielt sich optisch auf die Distanz – auf der Festung sitzen unsere Zuschauer doch recht weit weg von der Bühne –, und auch unter früheren Umständen würde man dort deshalb immer etwas großzügiger und weiträumiger inszenieren. Im Hinblick auf die Mund-Nasen-Bedeckungen weiß ja jeder Zuschauer zum einen um die aktuelle Situation – und warum wir das tun –, zum anderen gehören diese Behelfsmasken ja für uns alle momentan zum Alltagserleben.

Kleineres Orchester, Chor von oben – das alles hat aber doch Konsequenzen für den Klang.
Ja, und deshalb ist der tontechnische Aufwand in diesem Sommer auch deutlich höher. Denn anders als in den vergangenen Jahren, wo wir ausschließlich die Solisten und das Orchester leicht verstärkt haben, machen wir das in diesem Jahr bei jedem einzelnen Chorsänger. Und auch für das Orchester brauchen wir natürlich mehr Mikrophone.

Und der zuschauertechnische Aufwand?
Ist ebenfalls höher. Wir müssen ja unser Publikum durch die Festung und den Zuschauerbereich lenken. Also für ausreichend Aufsteller sorgen, für Desinfektionsmittel, für Absperrgitter. Die Nutzung des ausgewiesenen Einbahnsystems ist verpflichtend, außerdem das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung – die man allerdings am Sitzplatz abnehmen darf.

Nabucco – Desinfektion von Requisiten

Wie sieht’s mit der Gastronomie aus?
Aufgrund der behördlichen Vorgaben – wir müssen Warteschlangen und Ballungen von Menschen vermeiden – beschränkt sich das Angebot auf Getränke und Brezeln. Wer vor Vorstellungsbesuch etwas essen möchte, dem empfehlen wir eine Reservierung bei der Festungsgastronomie des Café Hahn.

Dass der „Nabucco“ also trotz Corona stattfinden kann …
… liegt zum Großteil daran, dass wir mit der Festung Ehrenbreitstein eine unfassbar gut geeignete Location haben. Nur deshalb können wir spielen. Die extreme Weitläufigkeit dieser Anlage ist unser großes Glück. Wir haben sowohl Backstage als auch im Zuschauerbereich riesige Flächen zur Verfügung. Es gibt unzählige Eingänge. Außerdem finden dort, wo unsere Bühne steht, oft Veranstaltungen für zwei- bis fünftausend Menschen statt. Da haben die 350, die uns besuchen dürfen, wirklich ausreichend Platz.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld