Triumph des Puppentheaters

Die Sommerferien sind zu Ende. Nur einer ist nicht in die Schule zurückgekehrt, Pierre Anthon. Statt im Unterricht sitzt er nun im Pflaumenbaum und bewirft seine ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler nicht nur mit unreifen und später reifen Pflaumen, sondern auch mit seinen fundamentalen Einsichten wie „Nichts bedeutet irgendetwas, das weiß ich seit Langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“ Einsichten, die Angst machen, zu aggressiven Aktionen führen, schließlich zum verzweifelten Versuch, Pierre Anthon zu zeigen, dass es doch einen Sinn im Leben gibt. Und so beginnt die Klasse mit Gegenständen, die für den Einzelnen wichtig sind, einen „Berg der Bedeutung“ zu bauen. Wobei dieser Bau eine Eigendynamik entwickelt, die immer brutalere Züge annimmt, bis am Ende alles implodiert. 

Diese Geschichte erzählt der Erfolgsroman „NICHTS – WAS IM LEBEN WICHTIG IST“ der Dänin Janne Teller, die einerseits von ganz konkreten Aktionen berichtet, andererseits aber auf einem hohen Abstraktionsniveau mit den Symbolen der Existenzphilosophie arbeitet. Mehr noch macht die Autorin die Ängste und Gefühle von jungen Menschen, die vor der Welt des Erwachsenwerdens stehen, deutlich: Soll ich so einer werden, wie die Erwachsenen um mich herum? Oder welche Chancen habe ich, nicht so zu werden wie…? Was als naives Kinderspiel zu beginnen scheint, verliert im Verlaufe der Handlung seine Unschuld, wird „erwachsen“. Oder wird wie Sofie, die dem Berg ihre Jungfräulichkeit opfern musste, nachhaltig traumatisiert. Kalt lassen kann dieser Roman nicht, er zwingt seine Leserschaft dazu, Haltung zu beziehen.

Genau das gelingt der Regie von Karin Herrmann, die auf der Probebühne 4 „NICHTS – WAS IM LEBEN WICHTIG IST“ mit drei Spielerinnen als spannenden Comic mit Puppen und animierten Objekten inszeniert – und dabei starke Emotionen erzeugt. Um diese Comichaftigkeit zu unterstreichen, wählt die an der Berliner Ernst-Busch-Schule ausgebildete Puppenspielerin und an der Münchener August-Everding-Akademie studierte Regisseurin einen ganz besonderen Typ von Spielfiguren aus: Flachfiguren, die sich nur schwer animieren lassen, mit denen sich aber „Gemeinschaft“ herstellen lässt, weil mit diesen eine große Zahl an Akteuren gleichzeitig vorgeführt werden können. In ihrer Inszenierung arbeitet die Regie dabei mit drei Größenzuordnungen: Zu Beginn, als man aus den Sommerferien zurückkommt, sind diese Figuren klein, die sich mit den Beatlesklängen „Good day sunshine“ in eine scheinbar heile Welt eintauchen. Später dann wechseln sich ausgemalte Ganzfiguren, die oft eine Zuschauhaltung zeigen, mit fünf überdimensional gestalteten Flachfiguren, die mit kurzen markanten Strichen nur das Gesicht zeigen, aber in der jeweiligen Situation Handlungsträger sind. Auch treten die Spielerinnen ohne Flachfigur auf, in der Rolle von einer der jungen Leute, manchmal auch eher in der Rolle einer distanzierten Beobachterin, die der eigentlichen Spielebene nicht mehr anzugehören scheint.

Was in der Beschreibung kompliziert erscheinen mag, so verschwindet dieser Eindruck beim Zuschauen, weil die Gruppendynamik im Zentrum der Inszenierung steht. Zum anderen sind Hendrika de Kramer, Svea Schiedung und Anastasiia Starodubova, alle drei Absolventinnen der Ernst-Busch-Schule, drei starke Spielerpersönlichkeiten, die das Publikum durch die Handlung lotsen und das Handwerk der Animation beherrschen. Svea Schiedung z.B. zuzusehen, wie sie den Hund animiert, dass er in meinem Auge ganz lebendig wird, ist allein schon sehenswert. Es gibt da ganz viele beglückende Momente zu sehen. Ein starker Einfall der Regie ist, Pierre Anthon gar nicht auftreten zu lassen, sondern ihn durch eine Straßenlaterne mit Lautsprecher darzustellen und nur die Kinderstimme zu hören. Seine Texte werden von der neunjährigen Greta Charlotta Hoffmann vorgetragen, am Anfang eher unbeteiligt sachlich, vom Klang her leicht besserwisserisch, dann gegen Ende immer schneller und emotionaler werdend. Dieser Gegensatz – durch den Lautsprecher technisch vermittelter Stimme versus der schnellen sichtbaren Animation von Objekten auf der Bühne – wird zum bestimmenden Merkmal der Inszenierung.

Wie im Spiel Ordnung sich in Unordnung auflöst, so zeigt auch der szenische Raum von Linda Sollacher, die auch die Flachbildfiguren entworfen hat, diese Bewegung. Vorherrschendes Material sind Pappkartons, zu Beginn wie die Anordnung von Schulbänken organisiert, die sich mit zunehmender Auflösung der Klassengemeinschaft – abgesehen von der Formung des „Berges der Bedeutung“ ständig chaotischer strukturiert. Ein Overheadprojektor und drei Fernseher ergänzen die Szene über die Bühne hinaus, wenn z.B. das brennende Alte Sägewerk gezeigt wird oder der Ascheregen, oder auf der Glasfläche des Overheadprojektors live produzierte abstrakte Bilder vorgeführt werden – so wird z.B. die erlebte Welt von Sofie dargestellt. Einzelne „Lichtinseln“ heben die jeweiligen Handlungsorte heraus, aber auch Blackouts strukturieren die Handlung und besondere Lichteffekte auch. Auf dem Friedhof z.B. agieren die drei Spielerinnen nur im Licht von Stirnlampen.

Kurz, diese Inszenierung entwickelt einen überschäumenden Bilderreichtum, der dennoch beklemmende Atempausen setzt, in denen sich emotionales Erschrecken des Zuschauers über das, was da gerade sich ereignet, artikulieren kann. Denn was Karin Herrmann und ihrem Team gelingt, ist die Eigenart des Puppentheaters aufs Schönste auszustellen: die Animation vom toten Material zu lebendigen Figuren. Diese ist dann vollbracht, wenn diese in den Köpfen der Zuschauer und Zuschauerinnen leben. Da behaupten die Puppen nicht nur ein Eigenleben, sondern das Publikum leidet mit ihnen mit. Die Abstraktionen, die in diesem Genre künstlerische Grundlage sind, werden z.B. in der Straßenlaterne, die Pierre Anthon symbolisiert, manifest. Nicht das Bild der Straßenlaterne prägt sich ein, sondern Pierre Anthon. Um so größer die Bestürzung, wann am Ende die Laterne in sich zusammenbricht – als Symbol des Todes von Pierre Anthon.

Autor: Manfred Jahnke
Fotos: Arek Głębocki


Die Darsteller*innen dieser Produktion haben sich unter ärztlicher Aufsicht regelmäßigen, engmaschigen, medizinischen Tests auf eine Infektion mit Covid-19 unterzogen. So ist auch eine Unterschreitung des Mindestabstandes ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen möglich.