Ballettchef Steffen Fuchs und Dirigent Daniel Spogis proben „Nussknacker und Mausekönig“

Koblenz – Als Kind stand der Koblenzer Ballettchef Steffen Fuchs in Berlin bereits im Ballett „Der Nussknacker” mit der Musik von Piotr Iljitsch Tschaikowski auf der Bühne. „Das kann wohl fast jeder Profitänzer von sich sagen.“ Nun choreografiert er das beliebte Weihnachtsmärchen, das 1892 uraufgeführt wurde, mit seiner 16-köpfigen Compagnie selbst. Die quirligen Mäuse werden von Kindern örtlicher Ballettschulen gespielt, die er selbst gecastet hat. Erst im Lauf der Choreografie verwandeln sie sich in Monster-Mäuse, die das Tanzensemble verkörpert.

Nussknacker und Mausekönig

Mit seiner Neufassung geht der belesene Ballettchef aber eigene Wege. Ihn reizt es, E.T.A. Hoffmanns literarische Vorlage in die Sprache des Tanzes zu übertragen. „Nussknacker und Mausekönig” heißt seine Ballett, das etwa 75 Minuten dauern soll. Die wirre, poetische Bilderwelt des Romantikers mit ihren sagenhaften Geschichten und überbordenden Farben fasziniert den Tanzchef, der nach seiner Karriere als Balletttänzer an der berühmten Palucca-Schule in Dresden Choreografie studiert hat. Die Grenzen zwischen Bewegung und Literatur zu überwinden, ist das Ziel von Steffen Fuchs, der bereits Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame” und Elke Heidenreichs Erzählung „Nurejews Hund“ auf die Bühne gebracht hat. Klassisch-modern ist der Stil seiner Ballette, die literarische Vorlagen und Musik zauberhaft verbinden. Spitzentanz trifft auf zeitgenössische Bewegungsmuster.

Dieser Dialog der Stile öffnet dem Tanzchef, der beim Choreografieren sehr genau mit den Mitgliedern seiner Compagnie arbeitet, Horizonte. Fuchs hat beim Lesen der Hoffmann’schen Erzählung aus dem Jahr 1816 immer auch die zerrissene Persönlichkeit des Literaten im Blick, den seine Familie in eine Karriere als Regierungsrat zwang. „Diese schrecklich dunkle Seite des Dichters kehren wir nicht nach außen“, beschreibt Fuchs sein künstlerisches Konzept. Denn schließlich steht die Produktion als Familienstück im Spielplan. Die märchenhaften Bilder, die der Gerichtsrat Drosselmeier für sein Patenkind ersinnt, übersetzen die Tänzerinnen und Tänzer in Bewegungsmuster, die mal düster, mal komisch wirken. „So funktionieren Märchen”, findet Fuchs. Denn auch wenn es ein Happy End gebe, herrsche da nicht immer eitel Sonnenschein. Die Welt der Schatten und des Unergründlichen ziehe alle Generationen in den Bann. Daran macht Fuchs auch den Welterfolg der Harry-Potter-Romane fest.

Nussknacker und Mausekönig

Glücklich ist der Ballettchef, dass er mit Daniel Spogis einen Dirigenten an seiner Seite hat, der sich mit ihm lustvoll wegbewegt vom Klischee des Kinderstücks. Denn die Zuckermandel-Kruste schüttelt der Dirigent vollends ab. Der Absolvent der Dresdner Musikhochschule ist in der vierten Spielzeit am Theater Koblenz engagiert, inzwischen als zweiter Kapellmeister. Was gefällt ihm an dieser Aufgabe? „Ich mache alles”, antwortet der vielseitige Künstler. Und erzählt strahlend von seinen Auftritten als Theatermusiker, zuletzt mit der Violine in Joshua Sobols „Ghetto“, von den Dirigaten in Oper, Operette, Musical und Ballett.

Mit Tänzern zu arbeiten, fordert den jungen Künstler heraus, dessen freundlicher, natürlicher Führungsstil den Instrumentalisten der Rheinischen Philharmonie im kunstvoll bemalten Saal des altdeutsch-neugotischen Koblenzer Görres-Hauses sichtlich liegt. „Ballettchef Fuchs bezieht sich sehr viel stärker auf E.T.A. Hoffmanns Text, als wir das von Tschaikowskis Ballett kennen”, schildert er den Musikern seine Eindrücke von den Proben auf der Theaterbühne, die er regelmäßig besucht. Dieser Ansatz bedeutet nach Spogis’ Worten auch, dass er gemeinsam mit Fuchs den musikalischen Horizont der Produktion erweitert. Die beiden ergänzen den „Nussknacker“, der in seiner langen Rezeptionsgeschichte oft auf das Märchenhafte reduziert wurde, um Auszüge aus Tschaikowskis „Jahreszeiten“, teilweise neu arrangiert von dem russisch-israelischen Komponisten Sergej Abir und von Daniel Spogis selbst. Den Austausch mit dem Tanzchef über die Musik hat Spogis genossen. Manchmal habe es Reibung gegeben, „aber die brauchten wir.“

Nussknacker und Mausekönig

Immer wieder setzt sich Spogis in den Ballettproben ans Klavier, um die Tänzer zu begleiten. Bei den Durchlaufproben übernimmt diesen Part die Ballettrepetitorin Olga Bojkova-Bićanić.

Dann steht der junge Kapellmeister vor der Bühne und dirigiert, während sich die Mitglieder der Compagnie zur Musik bewegen – ohne sein Orchester. Ballett zu dirigieren, das sei für ihn eine wunderbare Herausforderung. Da muss er ganz genau auf die Tempi achten, die Bewegungen mit der Musik in Einklang bringen. Doch das falle ihm nicht schwer. „Der Bezug des Orchesters zum Ballett ist lange gewachsen.“ Da spüre er eine perfekte Harmonie.

Text: Elisabeth Maier
Fotos: Anja Merfeld

Figurinen: Heiko Mönnich