Es ist ein ruhiger Mittwochnachmittag. Das Tagwerk ist zu einem Großteil erledigt, die Espressomaschine blubbert, Kuchen steht parat, Kaffeepause ist angesagt. Die Gelegenheit, um das kürzlich im Internet ersteigerte Schallplattenkonvolut in Ohrenschein zu nehmen. Als erstes fällt mir eine Platte mit Highlights aus der Operette „Madame Pompadour“ von Leo Fall in die Hände.

Das Cover ist – sagen wir mal – beeindruckend. Es zeigt eine Dame in vollem Rokoko-Ornat mit Reifrock, Puderperücke, Rüschen und Plüschen – klischeehaft bis zum Klingelzeichen. Ich lege die Platte auf und die Zeilen „Heut’ könnt einer sein Glück bei mir machen…“ tönen mir entgegen. Ein rauschend-verführerischer Walzer für die Titelfigur mit äußerst pikantem Text. Ob Madame Pompadour ihr Versprechen wohl im Verlauf des Stückes einlösen wird? …

Mein Handyklingelton reißt aus diesen Gedanken. Ich drehe die Musik leiser und gehe ran: „Theater Koblenz? Was kann ich für Sie tun?  … Ach, Sie wünschen einen Blogartikel zur Operette ‚Madame Pompadour‘ anlässlich Ihrer nächsten Premiere?“  … Themenschwerpunkt Tanz? … Ja, sehr gerne. Übermorgen um 10:30 Uhr bei Ihnen im Ballettsaal? Das kann ich einrichten. … Ich melde mich beim Pförtner und werde dann abgeholt. Danke!“ Also, Zufälle gibt’s! Vielleicht rufen ja als nächstes die Bayreuther Festspiele an, wenn ich „Die Walküre“ auflege…

Zwei Tage später stehe ich im Theater Koblenz in Sachen „Madame Pompadour“ auf der Matte. Ein junger Mann führt mich durch ein unübersichtliches Labyrinth an Gängen. Aus einer Tür tönt  „Heut könnt’ einer sein Glück bei mir machen…“, wir steuern zielstrebig drauf zu und treten ein. Ein Mann ruft laut: „Danke, die beiden Damen. Als nächstes bitte, René und die Grisetten!“ Alles wuselt, Fächer werden geholt, improvisierte Kostümteile übergeworfen oder abgelegt. Er kommt auf mich zu, stellt sich als Sean Stephens und als Choreograf der Produktion vor und stellt mir einen Stuhl hin. Nach der Probe steht er gern für Nachfragen zur Verfügung. 

Dann nimmt die Probe ihren Lauf. Eine schmetternde Tenorstimme besingt den Karneval von Paris, wobei er von acht Damen umringt und angehimmelt wird. Fächer werden auf- und zugeschlagen, Arme und Beine wirbeln durch die Luft. Leichtfüßig bilden sich Kreise, Reihen und geometrische Tableaus. Einige der Damen stimmen in den Gesang ein. Die Szene wirkt lebendig, aber der Choreograf ist noch nicht zufrieden: „Die Chordamen, bitte präzise auf das Stichwort die neuen Positionen einnehmen. Die Ballett-Ladies, bitte nicht langsam in die unterschiedlichen Posen hinein schmelzen, sondern zackig der Musik folgen.“ Ich denke: „Wie bitte? Es gibt Ballettladies und Chordamen? Beim ersten Hinschauen war kein Unterschied auszumachen.“ Erst eine Wiederholung zeigt, dass wohl die Ladies, die so mühelos elegant ihre Beine in die Luft werfen, zum Ballett gehören, und die Damen mit den silberhellen Stimmen zum Chor. Man beginnt von vorne und die Anweisungen werden sofort umgesetzt. Die Nummer gewinnt an Form, wirkt kokett und sexy. Selbstbewusst posieren die Damen, während der Tenor seine Armmuskeln spielen lässt. Je länger ich zuschaue, desto mehr reißt mich die Musik mit. „Thank you, Max, du bist fertig für heute!“, ruft Sean, nachdem die Nummer erneut durchgelaufen ist und verabschiedet kurz den Tenor. „Good Job, man!“ Auch die Grisetten sind fertig. „Super gemacht, Mädels, bye for now!“, ruft Sean ihnen zu. „Tschühüüüüs!“, flöten süßlich die vier Chordamen, die ihre Rollen wohl zu einem gewissen Grade schon verinnerlicht haben. Ich frage mich kurz, warum bei der letzten Neuauflage des Dudens ausgerechnet das Wort „Grisette“ gestrichen wurde… 

Da geht die Probe auch schon weiter. Angesagt wird ein Terzett aus dem zweiten Akt. Drei Tänzerinnen und drei Sängerinnen schreiten zur Tat. Sie singen von „Männern, die dumm wie die Hasen sind“, weil man sie mit Röckchen, Stöckchen und ein bisschen Trallala um sämtliche kleine Finger wickeln kann. Wie leicht das geht, zeigen dann die drei Tänzerinnen mit einer virtuosen Stuhlchoreografie. Aufgrund des genretypischen Gestus’ der Musik und des klassischen Gesangsstils klingt die Szene ganz nach Operette. Ihrem Aussehen nach hingegen könnte sie auch aus einem Broadway- oder Hollywoodmusical stammen. Nach der Probe erklärt mir Sean den Grund dafür: „Als Inspiration dienten mir die Musical- und Filmchoreografien der Broadway- und Hollywoodlegende Bob Fosse. In Filmen wie ‘Sweet Charity‘ oder ‚Cabaret‘ hat er ab den späten 1960er Jahren die Gattung des Filmmusicals geradezu neu erfunden. Sein Schritt- und Bewegungsmaterial ist sehr artifiziell und körperbetont mit ausladenden Arm- und Beinbewegungen. Zudem erlaubt es rhythmische Asymmetrien in der Bewegung, die sich dennoch harmonisch in den musikalischen Fluss einfügen. Es ist schwer zu beschreiben. Außerdem fügt sich dieser Stil inhaltlich sehr gut in die Operette ‚Madame Pompadour‘, da er auf ganz besondere Weise Stolz und Laszivität verbindet. Das passt zu einer frivolen Operette aus den 1920ern.“ 

Auf die Frage, wie es ihm gelungen sei, Chordamen und Tänzerinnen in einer Nummer so harmonisch zu vereinen, sagt er nur: „That was hard work for all of us! Aber die Damen sind mit so viel Enthusiasmus und Eifer dabei, dass die Arbeit Spaß macht und uns alle mit Stolz erfüllt.“

Ich bedanke mich für das Gespräch und fahre zurück. Daheim angekommen, krame ich meine Schallplatte mit Höhepunkten aus „Madame Pompadour“ hervor und lege sie erneut auf. „Heut könnt’ einer sein Glück bei mir machen…“, tönt es aus den Lautsprechern, und auf einmal scheint es mir, als würde mir die Dame auf dem Cover vielsagend zulächeln…    

Text: Thorsten Klein
Fotos: Matthias Baus