Frank Alexander Engel inszeniert „Oskar und die Dame in Rosa“ im sakralen Raum

Koblenz – Menschen in schweren Lebenslagen finden in der Citykirche in der Koblenzer Innenstadt verschwiegene Gesprächspartner und Hilfe. Nun wagt das Team des offenen Gotteshauses am Jesuitenplatz in der Altstadt mit dem Theater Koblenz ein Experiment. Ab 21. September ist dort eine Bühnenfassung von Éric-Emmanuel Schmitts Erzählung „Oskar und die Dame in Rosa” zu erleben. Regisseur Frank Alexander Engel zeigt die Geschichte vom krebskranken Jungen und der ehemaligen Catcherin, die sich als Patientenbetreuerin im Krankenhaus um ihn kümmert, als Produktion mit Stabmarionetten, Flachfiguren und Objekten. Myrjam Rossbach und Arne van Dorsten spielen die Fassung für das Puppentheater.

„Einfach ist so ein Projekt in unserer Kirche nicht”, findet die katholische Dekanatsreferentin Christiane Schall. Denn um das Puppentheater für 36 Zuschauer in dem Gebets- und Gottesdienstraum zu realisieren, brauchte das Regieteam einen Spielort. Morgengebete, Eucharistiefeiern und stille Gebete gehören zum täglichen Angebot. Für viele Koblenzer Katholiken ist die Citykirche ein Ort zum Innehalten. Da scheint für turbulente Theaterproben kaum Platz zu sein.

Die zuerst als Spielort vorgesehene Jesuitenbibliothek mit historischen Bänden in Wandregalen ließ sich nur als Probenraum nutzen. Denn dieses Refugium auf der Orgel-Etage ist nur über eine Wendeltreppe zu erreichen, ist nicht barrierefrei. Auch die Auflagen für den Brandschutz ließen sich da nicht einhalten. Nun fand sich im sakralen Zentrum ein neuer Ort. Das Theater auf Zeit ist mit einer Sperrholzwand abgetrennt. „Das Schöne ist, dass viele Gläubige diesen neu entstandenen Raum im Raum für ihre Andacht entdeckt haben”, hat Schall beobachtet. Andere allerdings hatten Probleme mit dieser neuen Nische im sakralen Raum. Über dieses Raumkonzept wird heftig diskutiert, was Monika Kilian freut.

Puppenbauerin Kerstin Schmidt, die mit Engel die Produktion ausstattet, hat in einem Nebenzimmer des Gotteshauses ihre Werkstatt eingerichtet. Da entstehen die liebevoll gestalteten Marionetten und Flachfiguren aus Sperrholz, mit denen die Berliner Künstler arbeiten. Weil die Werkstätten im Theater zu weit entfernt sind, arbeitet die Künstlerin in der Kirche. Während Christen nebenan beten oder ein Gespräch suchen, konzentriert sich Schmidt auf Malerei und Puppenbau. Oder sie fertigt die zauberhaften Objekte, die Oskar auf seiner Fantasiereise durch ein Leben im Zeitraffer begleiten. Der leukämiekranke Junge und seine Freunde im Krankenhaus wie Peggy Blue und Popcorn führen die Spieler an Fäden – ebenso wie die Oma in ihrer rosaroten Uniform. Die Eltern, die vor der Krankheit des Kindes davonlaufen, sind ebenso gemalte Figuren wie der ratlose Doktor Düsseldorf. „Feiglinge“ sind diese Erwachsenen für den zehnjährigen Oskar. Schnelle Absprachen sind in der aufwendig ausgestatteten Produktion unabdingbar. Pastoralreferentin Christiane Schall findet es spannend, den Probenprozess eines Theaters mal so hautnah mitzuerleben.

Wie kam die ungewöhnliche Kooperation zwischen Kirche und Bühne zustande? „Wir wollen mehr Menschen für die Citykirche gewinnen, und auch das Theater möchte an ungewohnten Spielorten noch mehr Zuschauer erreichen“, bringt Monika Kilian das gemeinsame Ziel auf den Punkt – sie ist für die Konzeption der Veranstaltungen in der Citykirche verantwortlich. „Sich der Vielfalt der Gesellschaft stellen” lautete der Titel einer Podiumsdiskussion, an der Chefdramaturgin Juliane Wulfgramm teilnahm. „Die Citykirche erschien mir als spannender Ort für besondere Theaterformate.“ Zunächst brachte die Theaterfrau das Projekt „Tanz in den Räumen der Stadt” des Ballettensembles ins Spiel. Als Produktionsdramaturgin für „Oskar und die Dame in Rosa” reizt sie die Auseinandersetzung mit dem Raum. Mit Konzerten und dem Filmabend-Format „Rollenwechsel“ bringt das Team der Citykirche viel Erfahrung als Kulturveranstalter mit. Tänzer und Puppenspieler des Theaters Koblenz waren bereits in den Programmen des offenen Gotteshauses dabei. Nun aber wird die Citykirche zur Puppenbühne. „Wir laden zum Taizé-Gebet ein, diskutieren über Glaubensfragen und knüpfen Kontakte mit Geflüchteten“, umreißt Schall das breite Spektrum. Seelsorger des katholischen Dekanats nehmen die Beichte ab. Nebenräume stehen für vertrauliche Gespräche bereit, wenn Menschen in einer Krise stecken. Die Arnsteiner Patres, deren Wohnstätte der Citykirche angeschlossen ist, betreuen die Besucher ebenso wie ein engagiertes Team ehrenamtlicher Christen, die regelmäßig Dienst tun.

Nun werfen die Puppenspieler mit „Oskar und die Dame in Rosa“ die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Verzweifelt fragt der sterbenskranke Junge Gott, weshalb der seine tödliche Krankheit überhaupt zulassen kann. „Im Roman geht es um die Theodizee“, sagt die Diplom-Psychologin Monika Kilian. In Trauer- oder Glaubensgesprächen mit Besuchern der Kirche wird sie mit dieser Frage konfrontiert. Und Oskar findet mit Hilfe der klugen „Oma Rosa“, die im früheren Leben Catcherin war, eine überzeugende Antwort. Im Angesicht des Todes schreibt das Kind Briefe an Gott. Der Glaube hilft ihm, das Sterben zu ertragen. Ebenso wie seine blühende Fantasie, die ihn in zwölf Tagen ein abenteuerliches Leben erleben lässt.

Pastoralreferentin Christiane Schall hat sich mit Éric-Emmanuel Schmitts Tetralogie der Weltreligionen beschäftigt. Die katholische Theologin reizt der Blick des französischen Philosophen und Musikers auf Fragen des Glaubens. „Dabei betrachtet er Religion aus unterschiedlichen Perspektiven.“ Deshalb ist Schall überzeugt, dass das Theaterprojekt den Besuchern der Vorstellungen Denkanstöße gibt. Begleitveranstaltungen oder Diskussionen nach den Theaterabenden, die zunächst bis März 2019 in der Kirche stattfinden, sind nicht geplant. Schmitts Text aber passt aus Monika Kilians Sicht gut in den Kirchenkontext. Im Rahmen einer Palliativ- oder Hospiztagung könnte der Theaterabend Anstöße liefern. „Ich bin überzeugt, dass viele Besucher nach der Vorstellung das Bedürfnis haben, über das Stück zu sprechen.“ Die Diplom-Psychologin hat der Text tief berührt. Sie ist gespannt, wie Regisseur Engel und sein Ensemble die Erzählung im Puppentheater umsetzen. Gemeinsam mit anderen Mitarbeitern der Citykirche sitzt Monika Kilian schon bei der Generalprobe als Testpublikum auf den Kirchenstühlen.

Text: Elisabeth Maier
Fotos: Anja Merfeld