„Bei meinem Eid! Ich weiß nicht,
liebster Heinrich, wo ich bin.“

Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg

Lukas Winterberger, Christof Maria Kaiser und Marcel Hoffmann

1810 vollendete Heinrich von Kleist sein historisches Drama „Prinz Friedrich von Homburg“, die Geschichte eines preußischen Feldherrn, der während des sogenannten „Schwedeneinfalls“ 1675 die Verteidigung durch das brandenburgische Heer organisierte – militärisch erfolgreich, aber gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten. Bei Kleist wird aus dem Protagonisten ein Träumer, der fremd bleibt in der auf Befehl und Gehorsam bauenden Militärhierarchie. Und weil Kleist selbst immer ein Fremder unter Fremden war, ist es leicht, den Prinzen auch als Doppelgänger des Autors zu sehen, als Doppelgänger, der immer auch nah am Tode wandelt. Ein Jahr später, am 21. November 1811, erschoss sich Heinrich von Kleist.

Fürs Theater Koblenz suchen gerade Regisseurin Esther Hattenbach und Dramaturg Sebastian Schulze Jolles nach einem Zugang zu dem schwer entschlüsselbaren Stoff, mit einem Helden, der nicht heldisch handelt, mit einer Welt, bei der bis zum Ende nicht klar ist, ob es sich hier um einen Traum handelt oder um die Realität. Die ganz einfache Lösung wäre es, den Protagonisten zu pathologisieren: „Der Prinz von Homburg ist ein Träumer. Er ist getrieben von fixen Ideen, die womöglich sogar etwas Krankhaftes in sich tragen“, überlegt Hattenbach. Was die Geschichte aber nicht wirklich trifft: Der Prinz ist ja eben nicht nur in andere Sphären enthoben, der ist durchaus erfolgreich, auch als Militär. Immerhin schlägt er das schwedische Heer. Schulze Jolles sieht hier eine weitere Ebene: „Der Solitär Kleist hat hier eine Figur entwickelt, die nicht von der Welt und die gleichzeitig wieder in der Welt ist.“ Wichtig ist diese Welt, die die Kategorien von Jenseits und Diesseits, von Traum und Realität aufhebt. „Ich glaube, der Prinz von Homburg ist einer, der für sich in Anspruch nimmt, dass die Innenwelt genauso wichtig ist wie die Außenwelt“, meint Hattenbach. Und weiter: „Eigentlich ist das die perfekte Synthese, dass jemand beides beherrscht, Pragmatik und Realität einerseits und Visionen schaffen und umsetzen andererseits. Er schaut über den Tellerrand hinaus. Er passt sich der Welt an und formt sie zugleich nach seinen Ansprüchen. So führt er beispielsweise eine Schlacht wie ein Künstler, mit Vision und Unbedingtheitsanspruch.“

Esther Hilsemer in Prinz Friedrich von Homburg

Nicht nur das. In der Darstellung durch Lukas Winterberger ist der Prinz auch ein knallharter Verführer, ein Rockstar quasi, dessen unkonventionellem Charme man sich kaum entziehen kann. „Ich sehe einen Menschen, der ein leuchtendes Charisma hat“, bestätigt Regisseurin Hattenbach. „Das ist einerseits Glanz pur, und gleichzeitig ist er dunkel, ein Schlund, ein Energie saugender Schlund. Der Prinz, der ist zugleich ein Menschenvernichter und -verzauberer.“ Die Regisseurin denkt dabei an einen hochdramatischen Performer wie Queen-Sänger Freddie Mercury, freilich ohne dessen Rampensauhaftigkeit. Schulze Jolles stimmt ihr zu: „Der Prinz von Homburg ist schon eine Rampensau. Aber eine hintergründige.“

Auch Winterberger kann sich diesem Charme nicht entziehen, er mag seine Figur: „Ich finde das megaschön, wenn dieses expansive Nach-den-Sternen-Greifen auch Sympathie auslöst.“ Aber diese Sympathie ist auch gefährlich – wenn die Regisseurin die Gleichzeitigkeit von Vernichtung und Verzauberung anspricht, dann greift sie vor auf den fünften Akt des Dramas, in dem es ganz dunkel wird. „Der fünfte Akt wird umso brutaler, weil man die Figur zuvor mochte“, bestätigt Winterberger. „Da ist es wirklich abgefahren, da kommt eine Hybris rein und auch eine Selbstdarstellung.“ Und nicht zuletzt: eine Mischung aus Todessehnsucht und Todesangst. „Prinz Friedrich von Homburg“ ist auch eine „Feier des Destruktiven“, wie es Hattenbach beschreibt.

Ensemble und Band von Prinz Friedrich von Homburg

Aber der Tod ist heute mehr als die Feier des Destruktiven. Er ist: die Verbindung in die Gegenwart. Das Ensemble probt unter Corona-Bedingungen, mit Abstand, hinter Masken. Wann die Premiere vor Publikum stattfinden kann, ist nicht klar. „Ein Thema aus dem Stück ist die subjektive Konfrontation mit dem Tod“, meint Winterberger. „Seit vergangenem Jahr müssen sich alle Menschen vermehrt damit beschäftigen. Und deswegen ist das so heutig.“ Und Dramaturg Schulze Jolles hebt seine FFP2-Maske: „Das Symbol für Corona ist ja das hier. Dadurch, dass wir das auf der Bühne verwenden, sind wir sozusagen Corona-affin.“ Das ist mehr als nur ein Gag mit einem immer mehr in den Alltag übergegangenen Requisit, das ist ein Statement.

„Prinz Friedrich von Homburg“ ist nicht die erste Koblenzer Arbeit des Teams. Schon vorige Saison waren Winterberger und Schulze Jolles bei Hattenbachs Inszenierung von Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ mit dabei, und auch die Musik von Johannes Bartmes spielte damals wie heute eine wichtige Rolle. „Die Band schafft Atmosphären, die man rein schauspielerisch nicht so herstellen kann“, beschreibt Schulze Jolles die Funktion des Elektro-Jazz-Soundtracks. Hattenbach charakterisiert die „Musik als Raum“: „Das ist der Raum, in dem wir uns bewegen. Die Musik kann diesen Raum von ganz dunkel über atmosphärisch bis gewalttätig, dissonant und aggressiv verändern.“ Und Winterberger vergleicht die Musik mit dem Kleist-Text, der an der einen Stelle zugänglich rhythmisiert daherkommt, nur um einem kurz darauf ins Schienbein zu schlagen: „Der Text hat ein nahezu sinfonisches Versmaß, und dann arbeitet Kleist plötzlich komplett dagegen. Plötzlich gibt es dieses schöne fünfsilbige Heben und Senken gar nicht mehr, alles bricht zusammen.“

Wann kann man „Prinz Friedrich von Homburg“ sehen? Im März, wie es sich Winterberger wünscht, an Ostern, wie es Hattenbach (wahrscheinlich realistisch) annimmt? „Nein, sagt! Ist es ein Traum?“, fragt der Titelheld kurz vor Schluss, „Ein Traum, was sonst?“, wird ihm geantwortet.

Thomas Schweiberer, Reinhard Riecke und Marcel Hoffmann

„So geht mir dämmernd alles Leben unter:
Jetzt unterscheid ich Farben noch und Formen,
Und jetzt liegt Nebel alles unter mir.“

Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg

Lukas Winterberger als Prinz Friedrich von Homburg

Text von Falk Schreiber
Fotos von Matthias Baus