Am 9. November hat „Schöner Schauer“ Premiere, die nächste Eigenproduktion der Enthusiasten. Wir wollten wissen, wer die Menschen sind, die sich hinter den Rollen verbergen, und haben drei der Amateur-Schauspieler zum Gespräch getroffen.

Fotos: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz

Tanja Zwierlein, 46, Krankenschwester
„Tanja hat ein großes komisches Talent“, sagt Theaterpädagogin Anna Zimmer. „Mit ihr haben wir immer viel zu lachen.“ Die Gelobte freut sich ersichtlich, als sie das hört: „Ja, das stimmt, ich mag Humor. Und Menschen, die Humor haben. Und die sich selbst nicht so ernst nehmen.“ Tanja Zwierlein, geboren in Hannover, Mutter eines erwachsenen Sohnes und seit über 20 Jahren Krankenschwester, ist ein positiver Mensch. Mit viel Energie. Die sie für ihren Beruf braucht, aber auch in die Enthusiasten investiert, den theatereigenen Spielclub für Erwachsene.

Schon mit 15 hat sie erstmals auf einer Bühne gestanden. Über eine VHS-Gruppe und das Konradhaus führte sie ihr Weg schließlich vor sieben Jahren zur Truppe um Anna Zimmer. Wo sie tatsächlich noch einmal etwas Neues lernen musste: „Bis dahin habe ich immer nur in Stücken gespielt, die es bereits gab, und bei denen mir ein Regisseur sagte, was er von mir möchte. Bei den Enthusiasten schreiben wir unsere Stücke selbst – und müssen auch unsere Rollen selbst entwickeln.“ Und? „Das ist mir am Anfang ziemlich schwer gefallen.“ Doch das ist lange vorbei. Heute wird die 46-Jährige von Anna Zimmer sogar ausdrücklich für ihr Improvisationstalent gelobt.

Wie bekommt sie Job und Spiel unter einen Hut? „Normalerweise ist ein Abend pro Woche kein Problem. Aber während der Endproben ist es tatsächlich ein Vorteil, dass ich im Schichtdienst arbeite. Ich trage mich dann immer für den Frühdienst ein, der geht von sechs bis zwei – meine tollen Kollegen unterstützen mich da total –, und bin dann abends von halb sieben bis halb zehn im Theater.“ Lange Tage. Warum tut sie sich das an? „Ich finde es schön, mich mit Kultur und Literatur zu beschäftigen“, antwortet sie. „Es erweitert meinen Horizont, es bildet – und verändert – mich. Außerdem, glaube ich, bin ich dadurch kontaktfreudiger geworden. Und offener.“ Auch die anderen Enthusiasten mag sie nach so vielen Jahren nicht mehr missen: „Wir haben richtig viel Spaß zusammen!“

Berthold Schwamm, 54, Postbeamter
Der Vater von vier Kindern trägt heute ein schwarzes T-Shirt mit einer aufgedruckten Songzeile von Element of Crime: „Große Gedanken, kleines Gehirn“. Programmatisch gemeint? Er lacht. „Die Texte von Sven Regener sind einfach großartig“, antwortet er. „Bei manchen Liedern hat man das Gefühl, dass sie für einen selbst geschrieben sind.“ Dass sie dann aber auch noch gesungen werden, schadet nicht. Denn die Musik ist, neben dem Theaterspiel, sein zweites großes Hobby. Peter Gabriel, Wilco, aber auch Alternative- und Folk Rock und New Wave – er ist Alleshörer. Sein Gespür für Rhythmus und Ton kommt ihm auch bei den Enthusiasten zugute. „Berthold kann unglaublich gut Geräusche imitieren“, sagt Anna Zimmer. Quasi als lebende Tonspur? „So ungefähr“, grinst er.

Der Postbeamte – er arbeitet als Personaldisponent im Briefzentrum – gehört seit über zehn Jahren zum Ensemble. „Seit dem 22. Oktober 2008“, sagt er. Warum hat er das genaue Datum nie vergessen? „Weil es ein wichtiger Tag für mich war. Ich bin hingegangen, ich dachte, wie klasse ist das denn – und seitdem bin ich dabei!“ Was es ihm gibt? „Auf den Proben kann ich alles um mich herum vergessen, ich befinde mich da in einer ganz anderen Welt – und das finde ich spannend!“ Außerdem mag er seine Mitspieler sehr, ein paar sind im Laufe der Jahre zu echten Freunden geworden.

Wobei ein so zeitintensives Hobby ohne die Akzeptanz von Frau und Kindern nicht möglich wäre, das fügt er gleich hinzu. Sie unterstützen ihn, besuchen seine Vorstellungen – und applaudieren hinterher auch kräftig. Was ihn natürlich richtig freut: „Sich zu zeigen, ist ein schöner Teil des Ganzen.“ Aber möchte man nach einem langen Arbeitstag und intensiver Familienzeit nicht manchmal einfach nur auf der Couch lümmeln statt auf einer Probebühne herumzuspringen? „Na klar“, antwortet der 54-Jährige. „Aber wenn man sich dann mal aufgerafft hat und zum Theater gefahren ist, ist sofort alles gut.“

Christel Schneider, 72, Rentnerin
Für Christel Schneider geht in diesen Wochen erneut ein großer Lebensabschnitt zu Ende: Sie wird – nach einer Kindheit in Bonn, knapp 30 Jahren in West-Berlin und exakt 27 in Koblenz – nun ihre Zelte am Rhein abbrechen und zu ihrem Sohn nach Münster ziehen. Ein Abschied auch von den Enthusiasten. Er fällt ihr schwer, schließlich war sie ein knappes Jahrzehnt dabei. „Und es war ganz und gar wunderbar. Man spielt miteinander – gibt es etwas Schöneres?“ fragt die ehemalige Kinderpsychologin. „Ich fühle mich dann immer wie ein Kind im Sandkasten.“ Der kleinen Enkelin nicht unähnlich. Selbstvergessen, selbstbestimmt, wie im Flow.

Gedanken in Gestik, Mimik und Bewegung umsetzen – das macht ihr Spaß. Und dieser Ablauf, wie man sich eine Rolle erarbeitet, passe gut zu ihr, sagt sie. Denn sie nähere sich den Dingen in der Regel erst einmal über den Verstand. Christel sei die Intellektuelle der Gruppe gewesen, das hat auch Anna Zimmer so wahrgenommen. Sie sei sehr analytisch, sehr genau – „und mit einer großen Freude daran, sich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten“. Was perfekt mit der Vorstellung korrespondiert, wie die 72-Jährige schon immer gelebt hat – und weiterhin leben möchte: immer wieder Neues beginnen, sich immer wieder auf neue Menschen einlassen. Neugierig bleiben, im Heute sein.

Aber auch ausreichend Zeit fürs Lesen und Denken haben. Genauer gesagt: fürs Nachdenken. Am liebsten bei der Arbeit im Garten. „Dann stecken meine Hände in der Erde und meine Gedanken sind bei der Szene.“ Dass sie sich schon als Kind gern in Bücher vergraben und Spaß am Vorlesen gehabt hat, verwundert da nicht groß. Auch der Schritt ins Enthusiasten-Ensemble lag bei diesen Vorlieben irgendwann nahe. Was die Bücher und das Schauspiel verbindet? „Ich glaube, es ist das Hineingehen in eine andere Welt. Das Sich-Verlieren.“ Wann ist sie das nächste Mal in Koblenz? „Zur Premiere am 9. November!“

Margot Weber