Intendant Markus Dietze im Interview mit Falk Schreiber.
Das Gespräch fand am Ende der vergangenen Spielzeit statt.

Markus Dietze, wie erinnern Sie sich an die Situation vor einem Jahr? An die Präsentation der Spielzeit 2019/2020?

Die jetzt zu Ende gehende Spielzeit haben wir ja schon im Dezember 2019 präsentiert, da war von Corona noch keine Rede. Und später haben wir mantramäßig „Wenn wir nur fest genug glauben, dann können wir alles durchziehen!“ gesagt. Dieses Jahr ist in einem entscheidenden Punkt anders: Wir haben extrem lange gewartet mit der Veröffentlichung. Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir nicht wissen, ob es im Herbst wieder zu solch massiven Einschränkungen kommen wird, dass ein Vorstellungsbetrieb im Theater nicht mehr stattfinden kann.

Das Große Haus in Panoramaansicht vom 2. Rang aus gesehen (Foto: Matthias Baus)

Doch so schrecklich und furchtbar das wäre und so unverantwortlich für den geistigen Gesundheitszustand dieser Gesellschaft: Die damit einhergehenden organisatorischen Dinge haben wir jetzt geübt. Aber eigentlich geht es mir mit dem Spielplan gut. Das ist eben ein Post-Corona-Spielplan, so etwas ist ein bisschen unausgewogen. Ich würde in Koblenz zum Beispiel sonst niemals zwei Mozart-Premieren in einer Spielzeit machen. Obwohl viele Mozart-Fans sagen würden: „Ist doch toll, das haben wir uns immer gewünscht!“

Es gibt ja nicht nur mit „Die Zauberflöte“ und „Così fan tutte“ zwei Mozart-Premieren, im Schauspiel gibt es viel Shakespeare. „Romeo und Julia“, die Adaptionen „VRona“ und „Prinzessin Hamlet“, die Junge-Enthusiasten-Produktion „Ich bin verletzt“, ebenfalls mit „Romeo und Julia“-Bezug, und dann macht Steffen Fuchs im Ballett auch noch „Macbeth“.

Ich glaube, da überlagern sich Pandemie und andere Dinge. Ein Teil ist da Verschiebung, aber so wie die Mozart-Fans Mozart lieben, bin ich eben Shakespeare-Fan, ich finde, Shakespeare geht immer. Außerdem ist das „Macbeth“-Ballett von der Ästhetik und von der Musik her weit weg von Shakespeare. Wir haben da eine Auftragskomposition, die ist im besten Sinne knallharte, zeitgenössische Ballettmusik, und außer dass ich vielleicht die Handlung wiedererkenne, verbinde ich das erstmal nicht mit einem Shakespeare-Erlebnis.

Das „Romeo und Julia“-Triple dagegen hat folgenden Hintergrund: Wir haben überlegt, mit welchen Inhalten wir unsere wissenschaftlichen Experimente zum Thema Puppentheater und Virtual Reality füttern können. Natürlich könnte man dem Publikum sagen: Kommt vorbei und erlebt 90 Minuten Puppentheaterforschung mit! Aber erstens ist das ein geringer theatraler Guckanreiz, zweitens haben wir festgestellt, dass die Zuschauer sich so intensiv mit dieser Technologie befassen müssen, dass wir dringend einen Plot brauchen, den jeder soweit zu kennen meint, um mitreden zu können. Und dann war sehr schnell klar, dass das vermutlich „Romeo und Julia“ werden wird. Schließlich sagte die Theaterpädagogik: „Wo ihr schonmal dabei seid, wäre es doch großartig, auch noch unseren Jugendclub, die „jungenb Enthusiasten“ daran anzudocken!“ So kommt das zustande. Und zu den Leuten sagen wir: Geht in das VR-Ding, geht ins echte „Romeo und Julia“, und dann besucht noch die „Jungen Enthusiasten“! Dann werdet ihr sehen, was Theater kann!

Foto-Collage: Eine VR-Brille und mehrere Post-Its.
Workshop zur Entwicklung des VR-Projekts “VRona”

VR als fünfte Sparte?

Das Theater Koblenz hat sich während des Lockdowns verhältnismäßig viel im Netz bewegt, auch im Vergleich mit anderen Häusern. Noch weniger Häuser machen VR. Entsteht da eine fünfte Sparte am Haus?

Wahrscheinlich ja. Es gibt bei VR mindestens zwei Konzepte. Das eine ist: Sie filmen eine Performance nicht mit einer zweidimensionalen Kamera, sondern mit einer 360-Grad-Kamera, und dann kann das Publikum das in der VR-Brille erleben. Man kann um Schauspieler rumgehen, kann zwischen Musikern sitzen, hat dann auch das entsprechende dreidimensionale Erleben. Das ist aber eigentlich nur eine Übersetzung in ein anderes Medium, keine neue Kunstform. Der nächste Schritt wäre, zu sagen: Finden wir neue Formen der Interaktion? Das kann nicht in den anderen Sparten verhandelt werden, weil wir da Wissen aus ganz vielen verschiedenen Ecken brauchen. Unsere Kooperationspartner vom Studiengang Computervisualistik und dem Institut für Kunstwissenschaft an der Universität Koblenz fanden da das Thema Puppentheater reizvoll.

Setfoto: Das Ensemble des Theaters Koblenz bei Dreharbeiten.
Das Ensemble der Dreharbeiten zu “Du sollst nicht falsch Zeugnis reden…”
während des 2. Lockdowns. (Foto: Arek Głębocki)

Abgesehen vom „Romeo und Julia“-Komplex ist der Spielplan durch die nachgeholten Premieren schwer unter ein Thema zu bringen. Das Problem haben eigentlich alle Bühnen kommende Saison, und jeder geht anders damit um.

Ich würde sagen, dass man das ganz pragmatisch sehen muss. Wenn es in einem Spielplan in jeder Sparte mindestens eine Position gibt, die da nicht hingehört, die für einen ganz anderen Kontext gedacht war, dann darf man sich das gar nicht schönreden, das ist halt so. Es ist banal: Wenn man Menschen versprochen hat, etwas zusammen zu machen, dann sollte man sich möglichst daran halten. Wenn man Bühnenbilder schon gebaut hat, dann sollte man die im Sinne der Nachhaltigkeit auch irgendwann einmal zeigen. Und wenn Menschen schon Geld bekommen haben, für Leistungen, die sie noch nicht erbracht haben, dann sollen die bitte die Leistung auch erbringen.

Sie selbst inszenieren die Opern „Dead Man Walking“ und „Parsifal“ sowie im Schauspiel „Terminal 5 / Rohlinge“, die John-von-Düffel-Uraufführung „Nach Delphi“ und „Der Kirschgarten“. Ich hörte einmal, über drei Premieren pro Spielzeit seien eigentlich nicht zu schaffen. Für hauptberufliche Regisseure, nicht für jemanden, der auch noch Intendant ist. Sie machen also unglaublich viel.

Ja. Das finde ich, ehrlich gesagt, auch zuviel. Ich glaube, man muss zwei Dinge bedenken: Manches ist herausfordernder, wenn man auch noch Intendant ist, aber es gibt auch einiges, das viel leichter ist. Ich kenne einfach die Strukturen am Haus. Und ich habe – und das ist, glaube ich, der alles entscheidende Punkt – einen viel längeren Vorlauf als die Kolleginnen und Kollegen auf dem freien Markt. Und außerdem ist es wirklich so: Ich ziehe aus dem Inszenieren Energie für meine andere Arbeit. Viele Kolleginnen und Kollegen, die inszenierende Intendanten sind, bestätigen das. Es braucht so eine Information aus der Kunst an mich: Warum mache ich das eigentlich? Warum mache ich den administrativen, strategischen Intendantenkram? Und da ist es ganz gut, sich in der Kunst ein bisschen rückzuversichern und an den Leuten dran zu sein.

Klimawandel als Thema?

Die John-von-Düffel-Uraufführung „Nach Delphi“ beschreiben Sie einmal mit einem Antikenbezug, dann, dass es ein Familiendrama sei, und schließlich als Nachdenken über den Klimawandel. Dass der Klimawandel derzeit ein sehr zentrales Problem ist, wird kaum jemand bestreiten, in Rheinland-Pfalz nach den Überschwemmungen im Sommer wahrscheinlich noch weniger. Und ich dachte: Meine Güte, das ist aber sehr auf den Punkt geschrieben! Aber so auf den Punkt ist es gar nicht, oder?

John von Düffel bewegt das schon sehr. Und die interessante Frage ist: Was kann Theater an dieser Front leisten? Ich glaube, es funktioniert nicht, dass wir ein Theaterstück machen, in dem es heißt „Ihr dürfte alle keine Verbrennungsmotoren mehr fahren!“ Es geht mehr darum, bestimmte alte Geschichten zu verabschieden, zu sagen: Wir finden neue Geschichten. Für mich gibt es eine ganz starke Verbindung zwischen Klimawandel und Wachstumswahn, und man muss sich fragen, woher in diesem Land die unfassbare Fixierung aufs Wachstum kommt. Die kommt in Deutschland aus den Nachkriegsjahren, als man gesagt hat: Jetzt müssen wir alle losarbeiten und das Bruttoinlandsprodukt hochjagen, um diesen Weltkrieg aufzuräumen. Aber wir verhalten uns heute immer noch, als wären wir in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts. Aus meiner Sicht geht es darum, zu sagen: „Stop! Diese Geschichte stimmt gar nicht mehr! Wir brauchen eine völlig neue Geschichte!“

Die Unterbühne des Großen Hauses in Panoramaansicht (Foto: Matthias Baus)

Und da ist Theater ziemlich gut darin: Situationen zu zeigen, bei denen sich Menschen verabschieden, irgendwo ankommen und schauen, wie sie weitergehen.Und deswegen ist das Theater auch gut geeignet, wenn es darum geht, Gesellschaft neu für so eine Herausforderung wie den Klimawandel auszurichten. Ich merke, aus der Pandemieerstarrung rauskommend, mit dem Wissen, welche unfassbare Aufgaben unsere Gesellschaft vor sich hat, dass sich in so einem Theater unheimlich viel ändert hinsichtlich der Frage: Warum machen wir das eigentlich? Was ist unsere Aufgabe in der Gesellschaft? Wie bleiben wir zeitgenössisch? Gar nicht in unseren Themen und unserer Ästhetik, sondern in unserem Verhalten, in unserer Kommunikation mit dem Publikum? Und das ist das große Thema für die nächsten Jahre im Theater.

Was plant das Ballett?

Im Ballett gab es immer auf der einen Seite abstraktere Formen, auf der anderen konkrete Handlungsballette. Diesmal gibt es aber sind alle drei Premieren Handlungsballette.

Jaaaaaa. Wobei: „Carmen“ ist kein Handlungsballett! Das hat eine ganz spannende Corona-Geschichte. Es ging so los, dass Steffen Fuchs eigentlich eine kleine „Carmen“-Adaption auf der Probebühne 4 machen wollte – konnte alles wegen Corona nicht stattfinden. Und dann hat er gesagt: „Wir haben nichts zu tun, wir sind freigetestet, lass uns das doch auf die große Bühne bringen!“ Und ich war skeptisch, „Carmen“ als Ballett auf der großen Bühne? Aber er meinte: „Nee, lass mich mal machen, das wird nicht so, wie du denkst!“ Und jetzt ist das ein sensationeller Abend geworden.

Léa Périchon in „Carmen“ (Foto: Matthias Baus)

Die Geschichte kennen wir ikonographisch, aber dann wird der Abend zu einer Phantasie über die Kraft der Körper, inspiriert durch die Geschichte von Carmen, aber mehr die Novelle von Prosper Mérimée als die Oper von Georges Bizet, mit unglaublicher Musik. Und vor allem gibt es auch noch jenseits der Handlung einen Pas de Deux vorneweg, der heißt „Don Q“, wie Don Quichotte, hat aber mit Don Quichotte auch nichts zu tun – da tanzen einfach Zwei einen tollen Pas de Deux! „Macbeth“ ist so schon ein ein Handlungsballett, und „Schwanensee“ ist einfach zu toll, um es nicht weiter zu zeigen. Aber auch das ist ja mehr eine „Schwanensee“-Phantasie und nicht das Handlungsballett, was ich als Fan zu kennen meine. Und vermutlich kommt dann 2022/23 die Spielzeit der abstrakten Abende.

Szenenfoto: Ballettensemble in Carmen
Emmerich Schmollgruber in „Carmen“ (Foto: Matthias Baus)

Und jetzt habe ich Lust, Ballett zu gucken.

Ich sage selten „Das muss man gesehen haben!“, weil ich immer denke: „Naja, man kann es auch nicht gesehen haben, und man lebt trotzdem gut weiter“. Aber „Carmen“ hat mich schwer von den Socken gehauen. Ich glaube auch, weil man ähnlich wie bei „The Last Ship“ den Kolleginnen und Kollegen angemerkt hat, dass die denken: „Verdammte Scheiße, jetzt lasst uns doch endlich wieder auf die Bühne!“ Was für eine Energie sich da angestaut hat!

Intendant Markus Dietze im Interview
Markus Dietze bei der Vorstellung der Spielzeit 2021/2022 anlässlich der “Kostprobe”
(Foto: Arek Głębocki)

Zum Abschluss: Gibt es eine Arbeit, auf die Sie sich am meisten freuen?

Ach, das wechselt täglich. Ich habe unfassbaren Respekt und ein bisschen Angst vor „Parsifal“. Ich habe mich schon oft mit Richard Wagner befasst, aber bei „Parsifal“ heißt die Herausforderung für den Regisseur: Das, was da passiert, hättest du eigentlich relativ schnell erzählt, leider braucht aber das, was du in zwei Minuten erzählt bekommst, 42. Da bin ich ein bisschen … Ich fühle mich wie ein Bergsteiger, und jetzt steht er endlich vor dem Achttausender ohne Sauerstoffflasche. Die größte Freude habe ich Moment auf „Nach Delphi“, weil mich irre inspiriert, was da für schöne Sachen passieren.

Interview: Falk Schreiber

Das Spielzeitheft 2021/2022 finden zum Download finden Sie hier.