„Die Geschichte des ‚Black Rider’ ist eine Freakshow“, sagt Regisseurin Anja Nicklich. „Und eine Geschichte des Teufels.“ In ihrer Inszenierung wird er von Adrian Becker gespielt, einem Wahl-Berliner, der seit vielen Jahren immer wieder in Koblenz zu Gast ist. Ein guter Anlass, ihn mal genauer kennenzulernen.

Adrian Becker – Vorgefühlt The Black Rider
Glitzerfummel, Zwölf-Zentimeter-High-Heels. Ein eng geschnittener schwarzer Satin-Anzug mit Strass-Choker für den Hals. Eine rotgoldene Operetten-Husarenjacke. Nur drei seiner Kostüme, neulich, beim Neujahrskonzert in der Rhein-Mosel-Halle. Einen ganzen Kleidersack voll hatte er dafür aus seiner Wohnung am Prenzlauer Berg mitgebracht. Und bei jedem neuen Auftritt ging ein Raunen durch die Reihen. „Die Leute zahlen Geld, also muss ich mir Mühe geben“, sagt er beim Kaffee. Adrian Becker ist bekannt als disziplinierter, genauer Arbeiter, seit Oktober hatte er sich auf den Abend vorbereitet.

„Was ich an ihm schätze“, sagt Intendant Markus Dietze, „ist seine ungeheure Professionalität. Adrian liefert immer hundert Prozent, egal, wie schwierig die Arbeitsbedingungen sind. Und bleibt dabei immer gelassen, verliert nie seine gute Laune. Er schafft es, aus jeder Show das Maximum herauszuholen.“ Und als was sieht sich der 48-Jährige selbst? Rückfrage: Beim Neujahrskonzert? Ja, genau. „Als Unterhalter.“ Und in der kommenden Produktion des Musicals „Black Rider“? Becker denkt ein bisschen nach. „Als Seelenräuber.“

Come on along with the Black Rider
We’ll have a gay old time
Lay down in the web of the black spider
I’ll drink your blood like wine

Die Geschichte, in der er ab Samstag, 2. Februar, auf der Bühne im Großen Haus zu sehen sein wird, hat es in sich: Sie basiert lose auf der Erzählung, die auch Carl Maria von Webers „Freischütz“ zugrunde liegt – verlegt diese allerdings in eine finstere Drogen- und Delirium-Tremens-Hölle. Die Musik stammt von Indie-Rocker Tom Waits, der Text vom literarischen Underground-Veteranen William S. Burroughs, der – eine makabre „Freischütz“-Parallele – am 6. September 1951 seine Frau beim Wilhelm-Tell-Spielen im Drogenrausch erschossen hatte. Und der Teufel, der in dieser Fassung Stelzfuß heißt, eine Art diabolischer Conférencier? Den spielt Adrian Becker. „Stelzfuß ist für uns ein sehr spannendes Wesen“, sagt Kostümbildnerin Antonia Mautner Markhof. „Mann und Frau zugleich – und altertümlich entrückt. Jemand, der komplett über den Dingen steht.“

Vorgefühlt The Black Rider

„Ein Schauspieler in der Rolle des Stelzfuß muss vor allem wandelbar und präsent sein“, erklärt Regisseurin Anja Nicklich. Adrian Becker habe beides: „Er hat die Fähigkeit, Ideen aufzunehmen und für sich weiter zu entwickeln, um dann daraus etwas ganz Eigenes zu kreieren. Und er fasziniert durch seine Präsenz.“ Was seine größte Stärke ist? „Seine Perfektion. Adrian bleibt solange dran, bis seine Arbeit perfekt für ihn ist. Für uns ist sie es allerdings schon lange davor.“ Und seine größte Begabung? Er habe zu viele, wehrt sie lachend ab. Unmöglich, nur eine zu nennen. „Adrian ist ein Gesamtkunstwerk.“

Das sich aus kleinen Anfängen eisern und beharrlich hochgearbeitet hat: Geboren wird er 1970 in Piesbach bei Saarlouis, einem Dorf mit gut 2.000 Einwohnern. Eine sehr katholische Umgebung, selbstverständlich ist er Messdiener. Allerdings einer, der sich Schulterpolster unter sein Gewand näht, es mit einer goldenen Spange verziert und bei der Messe stets den Weihrauch schwenken möchte – die erste Nebelmaschine, der er habhaft werden kann. Schon in der 3. Klasse weiß er, dass er Sänger werden will. Was hilft: Dass es im Dorf einen Theaterverein gibt, in dem sich Kinder wie er ausprobieren können.

1991, nach der Schule, bewirbt er sich in Hamburg und Berlin, bekommt in beiden Städten einen Studienplatz. Fachrichtung: Musical/Show. Becker entscheidet sich für die Hauptstadt, gewinnt 1994 einen Preis beim Bundeswettbewerb Gesang, wird noch während des Studiums von Helmut Baumann, einem legendären Intendanten, an das Theater des Westens geholt, damals die erste Musicaladresse des Landes. Seine Karriere nimmt innerhalb kürzester Zeit rasant Fahrt auf. Und so steht er nun seit 25 Jahren auf der Bühne, hat in Koblenz den Conférencier in „Cabaret“ gespielt, Rum Tum Tugger in „Cats“ und – erst im vergangenen Sommer – Alexander Molokov, den Chef der russischen Delegation, in „Chess“.

Vorgefühlt The Black Rider

Freischaffend war er immer – „das ist mein Lebensentwurf“, sagt er. Anders könne er nicht leben. Mittlerweile sucht er sich bewusst aus, welches Rollenangebot er annimmt. Leisten kann er sich das längst. Weil er nämlich seit einigen Jahren ein zweites Standbein besitzt: seine Firma Hirschgold-Entertainment. Becker ist Geschäftsführer und kreativer Kopf des Unternehmens. „Ob Rockabilly, Country oder Western – wir entwickeln und produzieren Showkonzepte für Menschen mit gutem Geschmack“, sagt er. Und drehen daneben seit knapp zwei Jahren auch Imagefilme und Commercials für Industrie und Wirtschaft. Die Arbeit als Coach für Moderatoren und Schauspieler ist ebenfalls hinzugekommen. Was er da genau macht? „Nicht nur Textarbeit. Es geht auch darum, den Grund für Blockaden oder Blackouts zu finden und zu beseitigen.“ Der Laden läuft. Kein Wunder. Hirschgolds Kunden profitieren ja immerhin von einem Vierteljahrhundert Theatererfahrung.

So come on in
It ain’t no sin
Take off your skin
And dance around in your bones

Kennt er eigentlich den Exzess, von dem er in seinen Rollen so oft singt? Den Rausch, das Fieber? Adrian Becker lacht. Ja, klar. Aber diese Zeiten hat er hinter sich. „Ich bin inzwischen auch sehr gerne mal allein”, sagt er. Er brauche das, um seine Batterien aufzuladen. Groß ausgehen? Nicht mehr seins. „Zu laut, zu viele Leute.“ Er gehe gern essen, auch gern ins Theater – „aber ich bin in der Regel um elf im Bett“. Das legendäre Berghain, einer der bekanntesten Techno-Clubs der Welt, nur gut zehn Minuten von seiner Wohnung entfernt? „Ich war noch nie da!“ Um in Partien wie Stelzfuß das Publikum zu faszinieren, dafür braucht er Energie, Kraft und Ruhe. Und weiß heute: „Ich muss bei mir bleiben, damit ich etwas geben kann.“ Er hat gelernt, auf sich aufzupassen.

Text: Margot Weber
Bühnenbildmodell und Figurinen: Antonia Mautner Markhof
Fotos: Anja Merfeld