Bild könnte enthalten: 5 Personen
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Guten Tag, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie aus aktuellem Anlass zu einer Sondersendung der Nachrichten.

Am 5. August 2010 kam es in den Anden, in der chilenischen Atacamawüste, 45 Kilometer nördlich von Copiapó, zu einem schweren Minenunglück, das bislang zu der aufwendigsten und riskantesten Rettungsaktion in der Geschichte des Bergbaus führte.

Die Anden, das längste Gebirge der Welt durchziehen den gesamten südamerikanischen Kontinent – von der Karibik bis Feuerland. Auf rund 7500 Kilometern wechseln sich faszinierende Landschaften ab: windumtoste Sechstausender, brodelnde Vulkane, karge Hochebenen und menschenleere Wüsten. Neben dem landschaftlichen Reichtum besitzt die gesamte Andenregion zudem riesige Vorkommen an Bodenschätzen. In der als sehr gefährlich eingestuften Kupfer- und Goldmine von San José wurden 33 Bergleute in 700 Metern Tiefe verschüttet. Die Rettungsaktion hatte das Bergungsteam, die Angehörigen und die gesamte chilenische Bevölkerung 69 Tage in Atem gehalten, bis es zu der spektakulären Befreiungsaktion kommen konnte.

André Sougarret einer der leitenden Ingenieure des Rettungsteams und seine Kollegen, die aus der ganzen Welt angereist waren, arbeiteten fieberhaft an den Plänen A, B und C, die den Kumpeln das Leben retten sollten. Über zwei Wochen lang herrschte Ungewissheit, ob jemand das Unglück überlebt hatte. Die Zuständigkeiten blieben lange unklar und beeinträchtigten die Rettungsarbeiten enorm. Erst 17 Tage nach dem Einsturz erreichte ein Bohrer den Schutzraum der Bergleute und ein erster Kontakt zu den lebendig Begrabenen konnte hergestellt werden. Zwanzig Bohrungen blieben im Vorfeld, trotz angeforderter Spezialbohrer, ergebnislos, die Rettung gestaltete sich zu einem weltweiten, medienwirksamen Spektakel, das auch der damalige chilenische Präsident Sebastián Piñera für seine Publicity zu nutzen wusste. Die ersten Botschaften, die aus dem Berg in die Öffentlichkeit gelangten verlas er, medienwirksam und live, in einer Fernsehübertragung, die um die ganze Welt ging. In den nächsten Tagen der Rettungsaktion inszenierte er sich ebenfalls als der große Retter bei der Bekanntgabe neuer Erkenntnisse.

Unter Tage überlebten alle 33 Kumpel, wie die Öffentlichkeit nach der geglückten Bohrung und tagelangem Bangen erfuhr. Sie harrten in einem Schutzraum aus, der am Ende einer 9 Kilometer langen Wendelstrecke lag. Auf dem Weg in die Stollen nahmen die Arbeiter bereits ein lautes Grollen des Berges und vereinzelten Steinschlag wahr, der sich zu einem gigantischen Einsturz auswuchs, der riesige Gesteinsbrocken löste und die Männer unter sich begrub. Die abergläubischen Arbeiter beschrieben das leise Grollen des Berges metaphorisch als Weinen der Mine. Am Tag des Unglücks sprachen die Verschütteten jedoch vom Schreien der Mine, die sich für den Raubbau rächt, der an ihr betrieben wurde. Die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten spielten bei den Arbeitern eine untergeordnete Rolle. Die Anden sind erdgeschichtlich betrachtet ein junges Gebirge, das durch plattentektonische Prozesse aufgefaltet wurde, wie schon Alexander von Humboldt zu berichten wusste. Das Gebiet ist stark Erdbebengefährdet und es gibt noch einige aktive Vulkane. Die Mineros haben ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Berg. Einerseits bringt er Reichtum und sichert das Überleben, andererseits kann er schnell den sicheren Tod bringen. Der Berg wurde zu tief und umfangreich abgebaut und die Betreiber der Mine, die sich nach dem Unglück der Verantwortung entzogen, waren nicht an der Sicherheit ihrer Arbeiter interessiert. Profitgier stand im Fokus des Interesses und gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsmaßnahmen wurden ignoriert. Die Bergmänner konnten ihren Berg spüren und wussten jedes Geräusch und jede Regung zu deuten. Die Mine hat am Tag des Unglücks eine deutliche Sprache gefunden, die die Bergleute verstanden: er stöhnt, ächzt, brüllt und faucht, speit Gesteinsbrocken, schleudert die Männer wie Kegel durch die Stollen und versetzt sie in Schockstarre. Zwanzig Minuten vor 14:00 Uhr brach der Berg zusammen und es folgte eine gewaltige Staubwolke, die stundenlang in den Stollen hing, die Sicht erheblich einschränkte und das Atmen erschwerte. Der kapselförmige Schutzraum war 20 bis 25 Meter lang, 5 Meter breit und 4,5 Meter hoch. Die Mineros teilten den verfügbaren Platz in Schlaf- und Essräume und wählten für die Notdurft einen etwas entfernten, tiefer gelegenen Raum aus. Im Mittelpunkt standen 8 Bergarbeiter, die ein besonderes mediales Interesse auf sich zogen: Reygadas (auch der Piss-Peruaner genannt), Perro (Clown der Gruppe), Ojeda, Peña, Mamani (Ältester in der Gruppe), Lobos (ehemaliger Fußball- Nationalspieler), Sanchez (Jüngster in der Gruppe und noch unerfahren im Bergbau) und Ávalos.

Bild könnte enthalten: 3 Personen, Personen, die stehen und Innenbereich
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Die lebensbedrohliche Situation führte zu Konflikten zwischen den Männern. Es kam zu Rangeleien, Streit und Panik. Die knappen Lebensmittelvorräte wurden von dem Schichtleiter streng rationiert und aufgeteilt. Jedem Bergmann wurde jeden zweiten Tag ein Löffel Thunfisch, ein Keks und eine halbe Tasse Milch zugeteilt. Wasser fingen sie vom Berg auf und tranken außerdem das Kühlwasser der Bergfahrzeuge. Schwüle Hitze, die Luftfeuchtigkeit lag bei 80% und die Umgebungstemperatur selten unter 32°C, Schmutz und fehlende Sanitäreinrichtungen lösten Krankheiten und Hautinfektionen aus. Extreme Wahnvorstellungen traten durch die Mangelernährung auf. Den streng Gläubigen Männern ist zum Beispiel mehrfach Jesus erschienen. Nach der erfolgreichen Bohrung wurden die Verschütteten durch das Bohrloch und zwei weitere Bohrungslöcher, mit Hilfe der Versorgungskapsel Palomas, mit notwendigen Medikamenten und Lebensmitteln versorgt und die Kommunikation zwischen den Mineros und der Außenwelt konnte hergestellt werden.

Um ihr Überleben zu gewährleisten organisierte sich die Gruppe streng. Die psychologische Verfassung war verhältnismäßig stabil, durch eine genaue Zuteilung der Rollen und Zuständigkeiten sowie einer klaren Formulierung von Tageszielen, die in einer täglichen Gruppenversammlung festgelegt wurden. Die Gruppe unterteilte sich in drei Kleingruppen. Die Erste arbeitete an den Bohrschächten und verteilte die Palomeras, die Zweite kümmerte sich um Sicherungsarbeiten und die Beseitigung des Schutts, der bei den Bohrungen anfiel und die Dritte war für die medizinische Versorgung zuständig.

An der Unglücksstelle ergriffen verzweifelte Familienangehörige, insbesondere die Ehefrauen der Bergleute, die Initiative und gründeten in der Nähe des Unglücksortes das „Camp der Hoffnung“. Sie wollten in der Nähe ihrer Männer sein und die Arbeiten, die von Korruption und Machtspielen durchsetzt waren, begleiten. Sie verhielten sich streckenweise wie Groupies der Ingenieure. Die vollständige Bergung war auf vier Monate geplant, Expertenteams arbeiteten an unterschiedlichen Plänen und schließlich gelang nach 69 Tagen, am 13. Oktober 2010, mit Hilfe der Rettungskapsel Fénix 2, das Unglaubliche: Alle 33 Männer wurden gerettet.

Mit den Palomeras wurde eine Kamera in die Grube gelassen, die Live-Bilder der Arbeiter aus ihrer Welt unter Tage übertrug. Die Bergung glich einer Reality-Show, bei der eine eingeschlossene Gruppe von einer Kamera verfolgt wird und dann eine Auswahl von Bildern an die Öffentlichkeit gelangt, von der niemand weiß, nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurden. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Grubenarbeiter nicht ihr Einverständnis zur Veröffentlichung gegeben hatten. Es wurden Interviews mit den entkräfteten Bergleuten geführt und Halbwahrheiten verbreitet, die den Unglücksort zu einer Art „Big Brother“ mutieren ließen. Die Zuschauer vor den Fernsehgeräten sahen zu wie sich der Alltag in der Mine, angestachelt von der Profilierungssucht der Medien, der Politik und des gesamten Rettungsteams, gestaltete und wie die Männer um ihr Überleben kämpften. Die Bergungsaktion entwickelte sich zu einer Farce.

Weltweit berichteten Medien über das Unglück. Bei der Rettung waren rund 1700 Journalisten anwesend und eine Million Menschen verfolgten das Ereignis an den Fernsehgeräten. Die Mineros wurden nach ihrer Rettung unfreiwillig zu Medienstars und Werbefiguren, die solange das Thema noch interessant genug war, durch Fernsehshows gereicht wurden und Interviews gaben. Die Männer zappelten wie Bergbau- Marionetten an den Fäden der Medien. Der Medienhype, die Folgen des Unglücks und der unverhoffte Ruhm, der genauso schnell wieder verschwand, stellte eine Überforderung dar unter der die Männer bis heute leiden. Als Folgeschäden traten zum Beispiel psychische Probleme, Spannungen in den Familien, Alkoholmissbrauch, Schlafprobleme, Panikattacken und Demenz, ausgelöst durch das Korsakow Syndrom, auf.

Das Puppentheater hat den Fall um die grotesken Zustände rund um das Minenunglück nun noch einmal neu aufgerollt. Es untersucht mit Stabmarionetten, einer Klappmaulpuppe und vielen anderen Figuren aus unterschiedlichen Materialien die grotesken Momente der tragischen Umstände. Sie beleuchten mit dem dänischen Regisseur Nis Søgaard komödiantisch die Machenschaften der Minenbosse, des Ingenieursteams, des Mediziners, der Medienlandschaft und ganz besonders die Dynamik innerhalb der Gruppe der Bergarbeiter. Mario Mamanie verlor zum Beispiel beim Einsturz sein Gebiss und der Piss-Peruaner sollte heimlich den Schlüssel für die Vorratskiste aufbewahren. Bei der Übergabe des Schlüssels, geheim zwischen zwei Keksen, verschluckte er ihn versehentlich, weil er die Kekse gierig aufgegessen hatte. Das öffnen der Kiste war nun für eine ganze Zeit unmöglich geworden und der Hunger machte die Vorstellung eine einzelne Erbse in 33 Teile zu teilen, um nicht zu verhungern, nicht mehr ganz abwegig. Intrigen, Neid und Habgier, sogar teilweiser Kannibalismus bestimmten den Alltag der Verunglückten, denn in Extremsituationen handelt der Mensch triebgesteuert und instinktiv. Es kommt zu Verschiebungen zwischen Traum und Realität, die Verwirrung stiften. Der zugeteilte Arzt verordnete zum Beispiel Gummipuppen zur Befriedigung der sexuellen Lust der Arbeiter. Diese Situation sollte wahrscheinlich eher dazu beitragen den Voyeurismus des weltweiten Publikums zu befriedigen, als die Lust der Männer. So haben die Medien die Ereignisse sensationslüstern gelenkt. Die Mineros ahnten von den Berichterstattungen nichts. Als Märtyrer wurden sie dann in eine Welt zurück geholt, in der für sie nichts mehr so gewesen ist wie es einmal war.

Den aktuellen Brennpunkt zu diesem bittersüßen Thema sehen Sie am 28. April 2017 um 20:00 Uhr auf der Probebühne 4. Ich wünsche einen schönen Abend!

Buena suerte!

Bild könnte enthalten: 2 Personen
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz