Katharina Kummer inszeniert Falk Richters „Welcome to Paradise Lost” als Uraufführung für das Puppentheater

Welcome to Paradise Lost

Der Weg zur täglichen Probe führt die Puppenspieler des Theaters Koblenz und Regisseurin Katharina Kummer zurzeit in die Hauptdienststelle des Bundesarchivs in die Potsdamer Straße. Falk Richters „Welcome to Paradise Lost” wird am 14. September in der Fassung für das Puppentheater uraufgeführt. „Es ist fast so, als betrete man ein UFO”, sagt die Regisseurin über den Zweckbau, der 1986 eingeweiht wurde. Auf 15000 Quadratmetern Magazinfläche mit zwei Kelleretagen schlummern da Kabinettsprotokolle der Bundesrepublik Deutschland, Akten der Reichskanzlei und Dokumente über die Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Historische Schichten interessieren Kummer auch bei der Arbeit mit Richters Text, der von Motiven der mystischen Dichtung „Die Konferenz der Vögel” des persischen Dichters Farid ud-Din Attar aus dem 12. Jahrhundert inspiriert ist. Deshalb inszeniert die Puppenspielerin und Autorin die funktionale Atmosphäre der klimatisierten Räumlichkeiten mit. Das Publikum soll beim Betreten des Bundesarchivs die Faszination der Geschichte spüren. Ihr geht es darum, sich weg zu bewegen vom Zeitgeist-Theater. Da findet sie in Richter, einem der bedeutendsten deutschen Dramatiker der Gegenwart, eine vielschichtige Vorlage.

Welcome to Paradise Lost

Für Katharina Kummer, die an der Hochschule „Ernst Busch“ in Berlin Puppenspiel studiert hat, ist Richters Text nur auf den ersten, oberflächlichen Blick ein Stück über die Klimakatastrophe und das „verlorene Paradies”, das John Milton in seinem Blankvers-Epos „Paradise Lost” aus dem 17. Jahrhundert beschwor. Die Regisseurin, die nach der Stückentwicklung „Mirjam und Myriam” und Lucy Kirkwoods „erst war es leer ohne herz, aber jetzt geht’s wieder” bereits zum dritten Mal am Theater Koblenz arbeitet, interessieren die Motive des persischen Mystikers. Die Allegorie von den Vögeln, die durch sieben Täler fliegen, ist eine Reise in die Seele der Sufisten. Der Begriff steht für die asketische Richtung im Islam, die den Sinn des Lebens im Spirituellen sieht. In archetypischen Darstellungen stehen Vögel für die Seelen der Menschen. Kummer geht es in ihrer zeitlosen Lesart nicht nur um das Sterben der Umwelt. Ihr Theater der Klänge und Bilder lässt zerstörte Träume aufblitzen.

Die Textfläche, die Richter keinen Personen zuordnet, haben Kummer und ihr Ensemble auf drei Figuren verteilt. „Das sind aber keine festgelegten Profile, wir wollen da Assoziationen der Zuschauer wecken”, wehrt sich die Regisseurin dagegen, in Schubladen zu denken. Kaspar Friedrich Weith, seit dieser Spielzeit neu und fest im Koblenzer Ensemble, bewegt sich als Vogelmensch mit Krücken über die Bühne. Er könnte für einen Bettler oder Derwisch stehen, die den Sufismus und seine Philosophie in besonderer Weise prägten. Im drallen, rosaroten Fatsuit – einem gepolsterten Ganzkörper-Anzug – spricht Luisa Grüning vom Sterben der Zivilisation. Das tut die Puppenspielerin in sächsischer Mundart – sie gibt Gedanken verunsicherter Bürger eine Stimme. Als Königin mit zwei Gesichtern thront Hendrika Ruthenberg zwischen zwei Säulen der Galerie im Bundesarchiv. Klug lassen die drei jedoch offen, für wen sie eigentlich stehen.

Welcome to Paradise Lost

Die Kostüme von Julia Bosch, einer Modedesignerin, spiegeln die faszinierende Welt der Mystik. Zugleich sind die Gehhilfen des Bettlers, der Goldpailletten-Mantel der Königin, der gepolsterte Anzug der Bürgerin Spielmaterial. Denn in Kummers Inszenierung bewegen die Mitglieder des Ensembles keine Puppen, sondern ihre eigene Ausstattung. Dieses Spiel mit den Möglichkeiten der Mechanik reizt Bosch, die schon mehrfach mit der Regisseurin gearbeitet hat. Zum Team gehört auch ihr Bruder Kalle Kummer, der die Musik für die Produktion schreibt. „So oft es geht, bin ich bei den Proben dabei, nehme die Atmosphäre auf”, beschreibt der Musiker seine Arbeitsweise. Wenn die anderen fertig sind, tüftelt er daheim noch an seiner Komposition.

Katharina Kummer arbeitet konzeptionell. Doch im Probenprozess feilt sie mit den Spielerinnen und Spielern an Details, „denn da geht es um Nuancen, sonst kippt die Bedeutung.“ In der Arbeit mit Richters Text will sie Tiefenschichten offen legen. Da eröffnet ihr das Spiel mit Material und Masken faszinierende Möglichkeiten, Textebenen klar zu trennen. Der Traum von der Konferenz der gefiederten Helden erstickt bei dem Gegenwartsdramatiker in der Wirklichkeit permanenter Zerstörung der Umwelt: „Das Problem ist nur: Hier sind keine Vögel mehr, nur noch sehr wenige. Sie kommen nicht mehr, weil es keine Insekten mehr gibt. Die sterben alle, wegen der Pestizide und Wachstumsmittel, damit das Gras schneller wächst, damit es öfter gemäht werden kann.“

Glücklich ist die Koblenzer Chefdramaturgin Juliane Wulfgramm, dass Falk Richters Text in der Fassung für das Puppentheater in Koblenz uraufgeführt wird – noch vor der Schauspiel-Uraufführung von „Welcome to Paradise Lost” im März 2020. „Dass der Verlag uns das Werk für unser Puppentheater anvertraut hat, bedeutet eine große Wertschätzung und unterstreicht die Wichtigkeit und Bedeutung der Sparte.“ Die hochkarätige Uraufführung des neuen Stücks von Falk Richter, einem der bedeutendsten Dramatiker des deutschen Gegenwartstheaters, ist ein großer Erfolg für die Puppentheater-Sparte, die seit Jahren neue deutsche und europäische Stücke erfolgreich in Szene setzt.

Text: Elisabeth Maier
Figurinen: Julia Bosch