Der Rechtsruck und die Risse in der Gesellschaft erinnern den deutsch-dänischen Komponisten Søren Nils Eichberg an die politische Situation in der Weimarer Republik. Deshalb sieht er in Hans Falladas Roman „Wolf unter Wölfen“ viele Parallelen zur Gegenwart. Für das Theater Koblenz hat er auf der Grundlage des Klassikers der Neuen Sachlichkeit, den Fallada 1937 schrieb, eine Zeitoper komponiert. Die Gratwanderung, Geschichte und Gegenwart in der Musik zu verbinden, reizt den Künstler, der mit seiner Familie in Berlin lebt. Im Interview spricht der 46-Jährige über die spannende Zusammenarbeit mit dem Theater Koblenz und über den Reiz, mit dem Librettisten John von Düffel und mit dem Regieteam ein Auftragswerk zu entwickeln.

Søren Nils Eichberg – Wolf unter Wölfen
Foto: Neda Navaee

Hans Falladas fast 1300 Seiten starker Roman „Wolf unter Wölfen” ist kein einfacher Stoff für eine Zeitoper. Geschrieben im Jahr 1937 in der Zeit des Nationalsozialismus, spielt das Werk 1923, mitten in der Inflationszeit im Großstadtmoloch Berlin. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt, der ja auf den ersten Blick in historischer Ferne liegt?
Søren Nils Eichberg: Da gibt es zwei Ebenen, die für mich interessant waren. Die erste ist natürlich die aktuelle politische Situation. Wenn man in der CDU neuerdings „ergebnisoffen“ über eine Zusammenarbeit mit der AfD diskutieren möchte, dann sind die offensichtlichen Parallelen zur Weimarer Republik nicht mehr von der Hand zu weisen. Diese Zeitaktualität ist mir bei meinen Partituren immer ein Anliegen. Es soll aber auch keine News Opera sein, die ausschließlich zeitspezifisch ist. Ich komponiere Opern, die eine zeitübergreifende Relevanz haben, deren Aktualität aber dennoch klar ersichtlich ist. Auch bei „Wolf unter Wölfen” muss sich Regisseurin Waltraud Lehner nicht die Haare raufen und fragen: Wie stellen wir da den aktuellen Bezug her? Die zweite Ebene ist, dass mir ein Stoff auch künstlerisch etwas sagt. Meine Oper „Schönerland” hat die Flüchtlingsfrage zum Thema, und Flucht und Heimat haben eine große Emotionalität, was zu einer entsprechenden Musik einlädt. „Glare” ist eine Oper über künstliche Intelligenz, das öffnete die Chance, sich in futuristischen Klängen zu tummeln.

Welche künstlerischen Perspektiven bietet denn Hans Falladas Roman „Wolf unter Wölfen”, der mit seinem realistischen Erzählstil zu den Klassikern der Neuen Sachlichkeit zählt?
Die Klänge der 20er-, 30er- und sogar noch der frühen 40er-Jahre haben etwas unglaublich Faszinierendes. Das war auch musikalisch eine sehr spannende Zeit. Einmal lag das an den Einflüssen des Jazz und gleichzeitig war es der Höhepunkt der Moderne. Die Komponisten rangen um die Frage, ob man die Musik dem Massenpublikum öffnen sollte, wie es Hanns Eisler und Kurt Weill praktizierten, oder ob man im Elfenbeinturm bleiben sollte. 100 Jahre später ist es für mich als Komponist sehr spannend, auf diesen Prozess eine neue Sicht zu wagen. Aus diesem riesigen Fundus von Musik zu schöpfen, das reizt mich ungemein.

Wolf unter Wölfen – Danielle Rohr und Tobias Haaks

Auch der Autor Hans Fallada blickt in „Wolf unter Wölfen” im Jahr 1937 zurück auf die Inflationszeit. Wie gehen Sie, was die Musik betrifft, mit den unterschiedlichen Zeitebenen um?
Als Fallada den Roman schrieb, waren die Nationalsozialisten längst an der Macht. Da war es eigentlich schon zu spät. Der Literat hat den Humus beschrieben, aus dem die Diktatur wachsen konnte. Vor allem möchte ich über die damalige Zeit aus unserer Perspektive erzählen. Wichtig ist mir, das Zeitgefühl zu vermitteln, diesen „Tanz auf dem Vulkan”, der in allen Bereichen sichtbar wird. Das war ja nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch eine unglaublich komplexe Zeit. Da wurden einerseits Nazi-Propagandamusiken oder –filme zum Teil von verfolgten jüdischen, homosexuellen Künstlern geschrieben und auch gleichzeitig als subversiver Widerstand gefeiert. Oder in der Nachkriegszeit als Avant-Garde-Komponisten gefeierte Künstler waren vielleicht eigentlich glühende Nationalisten und Hitler-Verehrer – die Reibung war immens. Das ist es auch, was den Librettisten John von Düffel an dem Stoff so besonders interessiert hat.

Wie kam es denn zu Ihrer Zusammenarbeit?
John von Düffel hat von „Wolf unter Wölfen” bereits eine Theaterfassung gemacht. Der Kontakt kam über den Koblenzer Intendanten Markus Dietze zustande. Wir arbeiten schon lange zusammen, er hat schon die deutsche Erstaufführung meiner Oper „Glare” gemacht, insgesamt ist das jetzt schon unsere dritte Zusammenarbeit. Ich habe ihm „Wolf unter Wölfen“ auch gewidmet. Als wir über Möglichkeiten für eine neues Projekt geredet haben, kam er auf den Gedanken, dass es ja John von Düffels Theaterfassung von „Wolf unter Wölfen” gibt. Schnell habe ich da gemerkt, wie stark ich künstlerisch und emotional auf diesen Stoff anspreche.

Wolf unter Wölfen – Karsten Huschke und der Opernchor

„Wolf unter Wölfen” haben Sie nun als Auftragswerk für das Theater Koblenz komponiert. Wie haben Sie denn da im Entstehungsprozess mit dem Dramatiker John von Düffel zusammengearbeitet?
Das ist unsere erste Zusammenarbeit. In einem solchen Prozess muss man sich erst mal finden. Er hatte „Wolf unter Wölfen” schon für das Schauspiel dramatisiert. Dennoch war das für uns ein ganz neues Entdecken. Schon alleine deshalb, weil die Oper viel weniger Text zulässt. Ich mag es, wenn ich eine Oper mit dem Librettisten im engen Austausch gestalten kann. Natürlich hat er die Gestaltungshoheit über den Text so wie ich über die Musik. Aber das gemeinsame Arbeiten aus einer jeweils anderen Perspektive, das finde ich wahnsinnig spannend. Als Komponist muss ich sagen können, was ich brauche – passen hier gerade eher glatte Rhythmen und sogar Reime oder dort doch eher ein holpriger Prosatext, an dem ich mich abarbeiten muss. Aber manchmal ist es vielleicht gerade toll, nicht genau das geliefert zu bekommen, was man zu brauchen meint. Es ist einfach schön, das miteinander zu entdecken. Natürlich gehört da auch eine gewisse Reibung dazu. Nur so kann etwas Neues entstehen.

Die Uraufführung in Koblenz inszeniert Waltraud Lehner, musikalischer Leiter ist Karsten Huschke. So ein Werk zum ersten Mal auf die Opernbühne zu bringen, ist ja für alle Seiten eine große  Herausforderung. Haben Sie denn als Komponist das Bedürfnis, im Probenprozess dann und wann dabei zu sein?
Ich bin in der komfortablen Situation, dass zwischen dem Theater und mir ein großes Vertrauensverhältnis besteht. Mit Huschke und Lehner habe ich ja schon die deutsche Erstaufführung meiner Oper „Glare” gemacht. Deshalb hätte ich auch das Vertrauen, die Sache laufen zu lassen, denn ich weiß: das machen die toll – es ist sagenhaft, was Karsten Huschke da schon an Vorarbeit investiert hat. Ganz großes Handwerk! Andererseits möchte ich mich ab und zu schon gerne in die Proben reinsetzen. Da geht es mir weniger darum, Wünsche durchzusetzen, was ich möglicherweise anders machen würde. Vielmehr möchte ich als Komponist für Fragen offen sein, die das Produktionsteam möglicherweise an die Partitur hat.

Elisabeth Maier