Vorgefühlt: „Cinderella“

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Die legendäre Verfilmung aus der ČSSR/DDR „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, kommt mir direkt in den Sinn, wenn ich an „Cinderella“ denke. Das Märchen wird bis heute in der Weihnachtszeit gezeigt und hat Kultstatus erreicht.

Wahrscheinlich geht es vielen Kindern der siebziger Jahre wie mir, also zumindest den Frauen. Auf dem Sofa, in Decken gewickelt, mit heißem Kakao, diesen Film sehen, herrlich. Wer noch keine Kinder hat guckt heimlich und die mit Kindern können die heimliche Leidenschaft wenigstens als: „Das hat Mutti in eurem Alter gerne gesehen“, verkaufen. Dann geht es los, die Titelmelodie frisst sich sofort als Ohrwurm für den Rest der Weihnachtszeit in den Kopf und „Klassik Radio“ sorgt für die tägliche Auffrischung. Nach dem Vorspann beginnt der Film, aber ich verfolge weniger die Handlung, die kenne ich ja in und auswendig und so besonders sexy ist der Prinz da in dem Film auch nicht mehr, außerdem wird er bei meinem gleichbleibenden Alter und unverändertem Aussehen, von Jahr zu Jahr jünger. Dabei war der Prinz mal ein zu alter erwachsener Mann, da stimmt doch im Konzept was nicht.

Es ist eher ein Gefühl, das sich wohlig im Körper verbreitet und die Erinnerungen an die eigenen Vorstellungen des späteren Lebens wach ruft, die kindliche Fantasie und ein kindliches Lebensgefühl kehren zurück, über die damalige Identifikation mit der Super-Heldin Aschenputtel. Eine tröstende Wärme, beschreibt es vielleicht ganz gut, denn schlimme Eltern hatte man ja damals selber auch.

Mein Mädchen-Aschenputtel-Traumwunderland sah folgendermaßen aus:

Ein schöner Prinz kommt auf einem weißen Schimmel, notfalls ginge auch ein schwarzes Pferd, an meinem alten Bauernhof, auf dem ich lebe, vorbei geritten. Ich sitze in der Küche auf dem Holzboden, träume noch von der Ballnacht, auf der allen Anwesenden der Atem stockte, als ich wunderschön gekleidet den Saal betrat, und sortiere mit meinen weißen Täubchen Linsen aus der Asche. Der schöne Prinz befreit mich aus meinem schnöden Alltag mit all den Familienstreitigkeiten und Problemen. Er ist, ohne mich eigentlich zu kennen, naja mal kurz von der Ballnacht vielleicht, sofort unsterblich in mich verliebt und nimmt mich mit auf sein Schloss. Dort trage ich dann, wie von Zauberhand, güldenes lockiges Haar, sehe umwerfend schön aus, habe ein zierliches Figürchen und werde von meinem noch schöneren Prinzen, der auch immer jung und schön bleiben wird, bis in alle Ewigkeit verwöhnt. Eine Schar von Dienern kümmert sich rund um die Uhr um mein Wohlbefinden und um die sehr niedlichen, zahmen Haustiere. Im Schlossgarten fliegen überall bunte Schmetterlinge und ich hüpfe, verzückt und lächelnd, mit meinen zarten Füßchen barfuß zwischen den außergewöhnlich schönen, bunten Blümchen umher, die immer blühen. Es ist nämlich dauerhaft ein traumhafter Sommertag, der niemals zu enden scheint und in der Luft flirren kleine Spiegelungen, die das ganze Szenario mit einem Hauch Glitzer umpudern. Meine ungerechte, missgünstige Familie ärgert sich bis an das Ende ihrer Tage, dass sie meine Qualitäten nicht schon viel früher erkannt haben und zu schätzen wussten.

Obwohl ich viele dieser Gedanken wahrscheinlich heute nicht mehr ganz so unterschreiben würde, weil sie mir auf Dauer wahrscheinlich zu langweilig würden und sie etwas flach gedacht sind, geben sie mir dennoch dieses wohlige Aschenputtel-Kindergefühl. Der Wunsch nach einem Leben ohne Sorgen mit dem geliebten Prinzen an der Seite, das wäre ja eigentlich das Kondensat der Ausführungen.

„Ist jetzt auch noch nicht ALLES in Erfüllung gegangen“, dachte ich gerade, etwas gequält in mich hinein grinsend und denke zynisch an die Postkarte „Scheiß auf den Prinz, ich nehme den Gaul“, die hat bestimmt ein ganz frustriertes Exemplar aus der Mädchen-Aschenbrödel-Welt der siebziger Jahre entworfen, da ist die rosa Blase schon mit einem lauten Knall geplatzt.

Aber heutzutage, jetzt mal ganz realistisch gedacht, wäre es wahrscheinlich auch etwas eigenartig, wenn ein Prinz auf einem Schimmel die Clemensstraße entlang reitet, in weißen Strumpfhosen den Verkehr aufhält und nach einer Frau sucht, die ein goldenes Schühchen verloren hat. Diese Frau sitzt derweil in der Küche auf dem Laminat, trennt Couscous von Bulgur und spricht mit Brieftauben. Ist doch so gesehen in der heutigen Zeit gar nicht mehr denkbar. Da wären die Figuren jetzt wohl eher ein Fall für die Psychiatrische Anstalt. Da muss man schon mal genauer drauf gucken um eine sinnvolle Form zu finden.

Es gibt hundertfach mündliche Überlieferungen, schriftliche Fassungen von allen möglichen Autoren, Interpretationen und Verfilmungen aus allen Epochen und Zeiten. Der Plot ist leicht erzählt: Mädchen aus der Unterschicht wird von Traummann gerettet und sie lieben und leben glücklich bis an ihr Lebensende oder: Pretty Woman, um nur ein Beispiel zu nennen, auch irgendwie romantisch, aber nicht mehr so schön, wie in der Kinderfantasie.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Steffen Fuchs hat genauer nachgedacht und seine Cinderella-Version mit dem Ballett-Ensemble inszeniert. Nun müssen alle, die ähnlich wie ich noch in der naiven Version verhaftet sind, ihre Cinderella-Klischee-Komfortzone verlassen und mit offenem Herzen und wachem Blick auf eine neue Interpretation blicken, auf eine die in den vierziger Jahren im rauen New York angesiedelt ist. Die Cindy, wie sie im Ballett heißt, entscheidet sich ganz bewusst gegen die Lebensweise ihrer Familie, mit all den mafiösen, kriminellen Verbindungen und macht sich selbst zur Außenseiterin. Die Inszenierung ist in der Ästhetik des Film noir gehalten, im Verbrecher- Mileu, in dem alles mysteriös, unheimlich und sehr auf die Figurenpsychologie zugeschnitten ist. Im Verhältnis der Schwestern gibt es die Femme Fatale, in diesem Fall Cindys Schwester Lauren, die nach dem Prinzip des Film noir im Gefängnis landen könnte, oder ebenfalls einige Morde auf dem Gewissen haben könnte und der entgegen gesetzte Charakter Cinderella, die naive, gutmütige Schöne.

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Vorgefühlt: „Savoy Operas“

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

„Very british“ geht es derzeit auf der Probebühne 4 zu.

Erinnern Sie sich noch an „Stars and Stripes oder: Blue Monday?“ Das Projekt des Opernchores kam in der Spielzeit 2011/12 zur Aufführung. Die damalige Inszenierung hat den Damen und Herren des Chores so viel Freude bereitet, dass es ihnen ein Herzensanliegen war, das Projekt fortzusetzen. Michael Hamlett, der ihnen bestimmt seit vielen Jahren von unserer Opernbühne bekannt ist, hat die Regie bei „Savoy Operas oder Gilberts Traum“ übernommen, er verabschiedet sich mit der nächsten Spielzeit, nach vielen Jahren erfolgreicher Arbeit am Theater Koblenz, in den wohl verdienten Ruhestand.

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„Die Musik hat im Theater die Chance, über sich selbst hinauszuwachsen“

Intendant Markus Dietze im Gespräch mit dem Komponisten Søren Nils Eichberg, dessen Science-Fiction Oper „Glare“ am 11. März 2017 ihre Deutsche Erstaufführung am Theater Koblenz erlebte.

Søren Nils Eichberg und Markus Dietze
Søren Nils Eichberg und Markus Dietze (Foto: Matthias Baus)

Markus Dietze: Danke, dass du dich zwischen Generalprobe und Premiere von „Glare“ bereitgefunden hast, einige Fragen für unseren Theaterblog zu beantworten. Die grundlegendste Frage gleich zu Beginn: Was hat die Librettistin Hannah Dübgen und dich zum Thema von „Glare“ geführt?

Søren Nils Eichberg: Der künstliche Mensch, beziehungsweise „ein menschenähnliches Wesen aus Materie erschaffen“ ist ja ein Ewigkeitsthema, ob es religiöse Schöpfungsmythen sind, in denen eben Gott oder die Götter das Menschliche aus Materie schaffen, die Golem-Legende oder in Literatur und Oper Figuren wie Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“. Allerdings leben wir heute ja in einer Zeit, in der uns Androide tatsächlich zu umgeben beginnen. Wir kommen nicht darum herum uns mit der Frage zu beschäftigen, was „künstlich“ und was „natürlich“ bedeutet in unserer heutigen und unserer zukünftigen Welt.

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Vorgefühlt: „Images“

„Wenn ich groß bin, werde ich Winnetou oder Astronaut“, sagen kleine Jungs. Die Mädchen wählen eher Tierärztin oder – noch schöner – Prinzessin. Die Fantasie ist grenzenlos und malt die schönsten Zukunftsvorstellungen.

Dann kommt aber das Leben dazwischen, und plötzlich entwickeln sich Lebensumstände und die eigene Zukunftsfantasie in eine ganz andere Richtung. Die Schule, die erzieherische Begabung der Eltern und der Freundeskreis prägen uns. Die Leistungen in der Schule und das folgende Studium, in dem die Aufmerksamkeit vielleicht eher auf der Abendgestaltung und der ersten großen Liebe liegt, lässt den ursprünglichen Traumberuf eventuell sogar in weite Ferne rücken oder eine frühe Ehe verhindert eine ausgelassene Jugend.

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Vorgefühlt: „Die Abenteuer des Joel Spazierer“

Fotos: Matthias Baus für das Theater Koblenz

„Ich war frei, freier als alle. Denn den, der ich nun war, hatte ich mir selbst gewählt. Ich bin Joel Spazierer – fünfundzwanzig Jahre alt, geboren 1949 in Wien. Meine Eltern starben als ich 13 war.“

Mein Leben ist auf die schiefe Bahn geraten. Einfach so, ungeplant brach eine Geschichte in meinen hektischen Alltag, die mich seit Tagen emotional und gedanklich zwischen Faszination und Abscheu, Wahrheit und Lüge, der Frage nach Identität, Heimat und Religion hin und her wirft. Ich wäre sogar bereit, für eine bestimmte Zeit das Geschlecht zu wechseln, um die Geschichte aus männlicher Sicht zu erleben, auch, weil ich mich den vielschichtigen Charakterzügen und Herausforderungen, die die Figur an einen Schauspieler stellt, gerne stellen würde. Ich möchte auch mal Joel Spazierer spielen. Es muss ein anspruchsvolles Vergnügen sein, das psychopathische Wesen zu ergründen und seine Abenteuer zu erleben.

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