Vorgefühlt: “Images”

„Wenn ich groß bin, werde ich Winnetou oder Astronaut“, sagen kleine Jungs. Die Mädchen wählen eher Tierärztin oder – noch schöner – Prinzessin. Die Fantasie ist grenzenlos und malt die schönsten Zukunftsvorstellungen.

Dann kommt aber das Leben dazwischen, und plötzlich entwickeln sich Lebensumstände und die eigene Zukunftsfantasie in eine ganz andere Richtung. Die Schule, die erzieherische Begabung der Eltern und der Freundeskreis prägen uns. Die Leistungen in der Schule und das folgende Studium, in dem die Aufmerksamkeit vielleicht eher auf der Abendgestaltung und der ersten großen Liebe liegt, lässt den ursprünglichen Traumberuf eventuell sogar in weite Ferne rücken oder eine frühe Ehe verhindert eine ausgelassene Jugend.

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Vorgefühlt: “Die Abenteuer des Joel Spazierer”

Fotos: Matthias Baus für das Theater Koblenz

„Ich war frei, freier als alle. Denn den, der ich nun war, hatte ich mir selbst gewählt. Ich bin Joel Spazierer – fünfundzwanzig Jahre alt, geboren 1949 in Wien. Meine Eltern starben als ich 13 war.“

Mein Leben ist auf die schiefe Bahn geraten. Einfach so, ungeplant brach eine Geschichte in meinen hektischen Alltag, die mich seit Tagen emotional und gedanklich zwischen Faszination und Abscheu, Wahrheit und Lüge, der Frage nach Identität, Heimat und Religion hin und her wirft. Ich wäre sogar bereit, für eine bestimmte Zeit das Geschlecht zu wechseln, um die Geschichte aus männlicher Sicht zu erleben, auch, weil ich mich den vielschichtigen Charakterzügen und Herausforderungen, die die Figur an einen Schauspieler stellt, gerne stellen würde. Ich möchte auch mal Joel Spazierer spielen. Es muss ein anspruchsvolles Vergnügen sein, das psychopathische Wesen zu ergründen und seine Abenteuer zu erleben.

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Vorgefühlt: Bach-Ballett

„Ich find meine Tänzer toll!“ antwortet Steffen Fuchs stolz, als ich frage, ob ihm eine Information für meinen Blogbeitrag wichtig ist. Das Ensemble hat sich in der vergangenen Zeit nämlich nicht nur mit Bach beschäftigt, sondern parallel auch mit „Lulu“, „The Beautiful Game“, „Die Herzogin von Chicago“ und „My Fair Lady“. Also nicht nur theoretisch, sondern – wie im Ballett üblich – mit vollem Körpereinsatz. Trotzdem haben sie sich mit großer Leidenschaft in das Projekt geschmissen und versucht, Steffen Fuchs Wünsche zu realisieren, die anspruchsvoll und anstrengend sind − mit Erfolg.

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Vorgefühlt: “Der Rosenkavalier”

Wer sich für den Vorstellungsbesuch des Stücks „Der Rosenkavalier“ entscheidet, sollte mit großer Vorfreude dem Abend entgegensehen. Seien Sie nicht hungrig, bringen Sie Spaß am literarischen Experiment und außergewöhnlicher Musik mit und seien Sie gut ausgeruht. Ihnen steht nämlich ein vierstündiger Opernabend bevor. Etwas ausführlicher wird deshalb auch dieser Text ausfallen, denn alles, was mit dem „Rosenkavalier“ in Verbindung steht, wird etwas länger. Machen Sie es sich mit einem Getränk bequem, vielleicht einem Hyppokras mit Ingwer, und schon geht die Zeitreise los.

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Vorgefühlt: “Pippi plündert den Weihnachtsbaum”

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Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

„Hier riecht’s nach Pferd!“, denke ich gerade, als ich auf einem Stück Sahnetorte ausrutsche. Ich falle um und liege bäuchlings auf dem Boden, da spüre ich eine kleine, pelzige Hand im Nacken, die mir Kuchenreste aus dem Haar fummelt. Warum riecht es hier nach Pferdestall und warum liegt Torte im Flur? Und welcher Kollege hat so kleine haarige Händchen? Eklig! Jetzt ist meine Kleidung völlig ruiniert und ich verpasse meinen wichtigen Termin. Ich flippe gleich aus! Verrückt, das ist mir selbst im Theater noch nicht passiert.

Genervt hebe ich den Kopf und sehe ein schwarzes Paar Stiefel und geringelte Socken, die mit unmöglichen Strumpfhaltern zusammengehalten werden. Zwei dünne Beinchen enden unter einer bunt gemusterten Schürze. Ein Lumpenmännchen, denke ich – seltsam. Mein Blick wandert weiter aufwärts und bleibt an zwei roten Zöpfen hängen. Das ist ja Pippi Langstrumpf, das Idol meiner Kindheit. Sie steht wahrhaftig vor mir. Na, da erklären sich ja auch plötzlich der Pferdegeruch und die pelzigen Händchen. Herr Nielsson und kleiner Onkel sind auch mit dabei. Das ist eine Freude! Ich rappel mich auf und begrüße die drei herzlich.

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Vorgefühlt: „Die Herzogin von Chicago“

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

„Die Herzogin von Chicago“ kündigt sich in der nächsten Premiere am Samstag, den 12. November, an. Die Operette ist bei Weitem nicht so bekannt wie beispielsweise „Die Csárdásfürstin“, obwohl sie beide aus der Feder des Komponisten Emmerich Kálmán stammen.

Der Sohn einer ungarisch-jüdischen Kaufmannsfamilie wuchs am Plattensee auf. Er absolvierte ein Jura-Studium und ein Musikstudium in Budapest, nachdem ihm das angestrebte Berufsziel des Konzertpianisten wegen einer Handverletzung verwehrt blieb. Später lebte und arbeitete er in Wien, er war ein gewiefter Geschäftsmann und im Theater an der Wien als Hauskomponist tätig.

Kálmán ist ein großer Repräsentant der silbernen Operetten-Phase, die im frühen 20. Jahrhundert anzusiedeln ist, eine Generation nach Johann Strauss und Franz von Suppé. Er hat die Zeichen der Zeit mit allen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ereignissen erkannt und in seine Operetten integriert. Sein Ehrgeiz und die Arbeitsroutine ermöglichten es ihm, alle zwei Jahre eine neue Operette herauszubringen: 1924 „Gräfin Mariza“, 1926 „Die Zirkusprinzessin“, 1928 „Die Herzogin von Chicago“.

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