Was haben ein Mädchen vom Land, das im Streit um ein Klettergerüst einem Jungen die Nase blutig schlägt, ein Archivar in der dystopischen Unreal-City und ein Mädchen, das sich auf den Fußboden legt und so tut, als wäre sie tot, gemeinsam? Sie sind die Protagonist:innen von Texten, die am Sonntagabend bei DDD vorgestellt wurden – einem Format, das in Koblenz längst etabliert ist. DDD steht für Dietze, Düffel, Dramatiker:innen: Zum Abschluss des Literaturfestivals ganzOhr laden der Koblenzer Intendant Markus Dietze und John von Düffel, Intendant des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bamberg und künstlerischer Leiter des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin (UdK), regelmäßig junge Autor:innen ein, ihre Arbeiten zu präsentieren.
In diesem Jahr waren es drei Absolvent:innen des Studiengangs Szenisches Schreiben der UdK, die Texte ganz unterschiedlicher Genres – vom Roman bis zum Kurzschauspiel – eingereicht hatten. Das Besondere am DDD-Format: Die Autor:innen sprechen nicht nur mit Dietze und von Düffel über ihre Texte und künstlerischen Positionen, sondern erleben ihre Arbeiten auch in Lesungen durch professionelle Schauspieler:innen. Da parallel zu ganzOhr auch die Theatertage Rheinland-Pfalz in Koblenz stattfinden, lag es nahe, Synergien zu nutzen, wie Dietze zu Beginn des Abends betonte. Entsprechend lasen am Sonntag nicht nur Ensemblemitglieder aus Koblenz, sondern auch Gäste vom Staatstheater Mainz und vom Pfalztheater Kaiserslautern aus den unveröffentlichten Werken der jungen Autor:innen.


„Schluchten“ von Anaïs Clerc
Den Anfang bildeten zwei Ausschnitte des Romans „Schluchten“ von Anaïs Clerc. Das erste Kapitel wirft einen Blick auf die Herkunft der Protagonistin Grit, die aus einem kleinen Dorf zwischen Schluchten stammt. Das Thema Herkunft sowie der Kampf um einen Platz in der Welt, der sich im ersten Kapitel an einem Kampf um einen Platz auf einem Klettergerüst zeigt, ist in Clerks Schaffen ein zentrales Sujet, wie die Autorin im Gespräch erläutert. Dabei sei der Text durchaus autofiktional, greife also auf eigene Erlebnisse der Autorin zurück.
Dies zeigte sich besonders am zweiten Ausschnitt aus „Schluchten“, in dem die Autorin einen messerscharfen Blick auf den Stadt- und Staatstheaterbetrieb wirft: Grit ist mittlerweile Autorin und soll für ein Theater eine Überschreibung von Gerhart Hauptmanns Klassiker „Vor Sonnenaufgang“ aus weiblicher Perspektive anfertigen. Jeder, der einmal im Theater gearbeitet hat, konnte sich nicht nur augenblicklich in die Anspannung der Protagonistin bei ihrem Treffen mit der Theaterleitung hineinversetzen, sondern erkannte auch die liebevoll überzeichneten Typen – ein sinnierender Regisseur, ein wissenssprudelnder Dramaturg und ein auf Öffentlichkeitswirkung bedachter Schauspieldirektor – sofort wieder.



„Öd“ von Anton August Dudda
In eine ganz andere Welt entführte das Kurzschauspiel „Öd“ von Anton August Dudda, das etwa in halbem Umfang am Sonntag gelesen wurde. In der „mit Sound aufgepimpten“ Lesung, wie Markus Dietze es formulierte, zeichneten die Leser:innen ein sich langsam entfaltendes Bild der beklemmenden Unreal-City, wo sich ein Verbrechen ereignet hat. Was genau geschehen ist, bleibt bewusst vage. Auch welche Rolle ein Archivar und sein Vorgesetzter dabei einnehmen, wird offengehalten.
Insgesamt arbeitet der Text weniger mit konkreter Handlungslogik als mit Sprachklang und -rhythmus und zieht das Publikum regelrecht hypnotisch in die fremde Welt Unreal-Citys hinein. Eine „postkafkaeske Wirkung“ attestiert John von Düffel dem Kurzschauspiel im Gespräch. Es gebe sich wiederholende Motive – viele davon aus der Kriminalliteratur, aber auch aus Science-Fiction oder Dystopien entlehnt –, wobei der atmosphärische Text eine traumartige, „intuitive Logik“ verfolge, wie man beim Zuhören sofort realisierte.

„Kindergeschichte“ von Paula Kläy
Ähnliches könnte man auch über den dritten Beitrag des Abends sagen: „Kindergeschichte“. Eigentlich hatte sich Paula Kläy vorgenommen, einen Prosatext zu schreiben, berichtete die Autorin im Gespräch mit Dietze und von Düffel. „Kindergeschichte“ ist jedoch ein Grenzgänger zwischen Prosa und Drama – eventuell ein „Hörstück“, wie Kläy erläutert. Das dramatische Potenzial des Textes offenbarte sich eindrücklich in der Lesung, an der alle sieben Darsteller:innen des Abends beteiligt waren.
Protagonistin der „Kindergeschichte“ ist Mona, die im Text unterschiedliche Alter gleichzeitig hat. Hieran zeigt sich bereits der prismatisch-surreale Blick, den die Autorin in ihrem Werk auf Kindheit wirft. Mona fordert die Erzählstimme auf, Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen, die sich anschließend in komprimierten Vignetten, humoristischen Anekdoten und berührenden Erinnerungsfragmenten entfalten.
Wie alle Werke des Abends ist auch „Kindergeschichte“ noch kein abgeschlossener Text, sondern ein Work-in-Progress, dessen Publikumswirkung die Autor:innen bei DDD schon einmal austesten konnten. Gleichzeitig bot der Abend ein ebenso abwechslungsreiches wie erhellendes Panorama neuer Stimmen und ließ erahnen, wie vielfältig die Literatur von morgen sein kann.
Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki
