„Ist das gerecht?“, fragt Schauspieler Stefan Migge gestern gleich mehrfach das Publikum. Ist es gerecht, wenn ein Mensch nach einem erlittenen Unrecht Kompensation verlangt? Ist es gerecht, wenn jemand vor Gericht für seine Sache kämpft? Ist es gerecht, wenn jemand zu Selbstjustiz greift, nachdem alle legalen Mittel nicht zum Ziel geführt haben? Über diese Fragen musste das Publikum per Handzeichen abstimmen. Die Ergebnisse fielen eindeutig aus.
Dabei wurde über diese Fragen nicht im theoretisch-abstrakten Kontext reflektiert, sondern am Beispiel der zeitlosen Geschichte von Michael Kohlhaas. Das Pfalztheater Kaiserslautern zeigte seine Adaption der Novelle Heinrich von Kleists – ein Klassenzimmerstück für einen Schauspieler mit dem Titel „Kohlhaas“ (Regie und Ausstattung: Ramón Jeronimo Wirtz) – gestern gleich zwei Mal als Gastspiel auf der Probebühne 4.
Vom Pferdehändler zum Outlaw
Die Handlung bleibt dicht an der Kleist’schen Vorlage: Nachdem der Pferdehändler Michael Kohlhaas Mitte des 16. Jahrhunderts vom Junker Wenzel von Tronka unrechtmäßig um zwei gute Pferde gebracht wurde, fordert er Wiedergutmachung. Er schöpft jedes erdenkliche Rechtsmittel aus, schreibt sogar dem Kurfürsten persönlich. Bis zu diesem Punkt dürfte jede:r im Publikum auf Kohlhaas’ Seite sein. Als Kohlhaas’ Frau jedoch beim Versuch, dem Kurfürsten den Brief ihres Mannes zu überbringen, stirbt, beschließt Kohlhaas das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. Mit einer Gruppe Gefolgsleute plündert, brandschatzt und mordet er – mit dem Ziel, sich an Wenzel von Tronka zu rächen. An dieser Stelle der Geschichte wiegt die Frage „Ist das gerecht?“ schwerer denn je.
Schauspieler Stefan Migge, der das Solo-Stück mit explosiver Energie in einer darstellerischen Tour de Force bestreitet, legt im Verlauf des Abends immer wieder den Finger in die Wunde. Er fragt das Publikum aus, wie sie die dargestellten Situationen beurteilen, welche Handlungen von Kohlhaas noch gerecht waren – und wie Recht und Gerechtigkeit hier auseinanderdriften. Dabei fungiert Migge als Erzähler, der einerseits den Kleist’schen Text rezitiert, andererseits sichtlich am geschilderten Unrecht verzweifelt. Sein Auftreten mit Cowboystiefeln und Countrymusik schlägt eine bewusste Brücke in die Gegenwart und zeichnet Kohlhaas als Outlaw des 16. Jahrhunderts, der beim genaueren Nachdenken nicht wenige Parallelen zu so manchem Western-Protagonisten hat.
Vom Klassenzimmer auf die Theaterbühne
Eigentlich handelt es sich bei „Kohlhaas“ um ein Klassenzimmerstück, also ein Schauspiel, das in Klassenzimmern vor Schüler:innen gezeigt wird. Bei den Theatertagen Rheinland-Pfalz hat Stefan Migge das Stück nun erstmals auf einer Theaterbühne gespielt, wobei der schulische Kontext auf der Probebühne 4 dennoch sofort deutlich wurde: Das Bühnenbild wird von einem Overhead-Projektor dominiert, der während der einstündigen Darbietung verschiedenste Funktionen übernimmt. Mal ist er Lichtquelle, mal ein Mittel, um ein atmosphärisch-abstraktes Bühnenbild – wie etwa die schemenhaften Umrisse des Protagonisten – zu erzeugen, mal dient er zur Projektion einzelner Textausschnitte.
Das restliche Bühnenbild besteht aus zwei Projektionsflächen – also alles Elemente, die man in einem Klassenzimmer finden kann, sodass für die Vorstellungen vor Ort kaum etwas verändert werden muss. Und genau das ist die Intention der Klassenzimmerstücke, wie Philipp Matthias Müller, der Dramaturg der Produktion, beim Nachgespräch verrät. „Wir wollen Theater in die Schule bringen“, erklärt er. Durch Formate wie „Kohlhaas“ soll der Schulalltag und der übliche Leistungsdruck aufgebrochen werden und Schüler:innen nicht nur an einen Literaturklassiker wie „Michael Kohlhaas“ herangeführt werden, sondern auch erste Erfahrungen mit Theater sammeln können.
Erschreckende Aktualität
„Das Stück richtet sich an Schüler:innen ab 13 Jahren“, berichtet Müller. Meist wird es ab Klasse 10 gespielt. Den Schulen ist es freigestellt, ob sie das Werk oder den Autor zuvor im Unterricht behandeln. Zwar schickt das Pfalztheater den Schulen Materialmappen (unter anderem mit Charakterkärtchen) zur Vorbereitung, doch das Stück ist bewusst so angelegt, dass es auch ohne jegliches Vorwissen verstanden werden kann – immerhin thematisiert die Geschichte mit der Diskrepanz von Recht und Gerechtigkeit ein zeitloses Problem, dessen gegenwärtige Relevanz von den Schüler:innen in den bislang 15 Vorstellungen auch ohne externe Impulse bestens erkannt wurde.
Man habe sich bewusst dagegen entschieden, das Stück zu modernisieren, führt Müller aus. Die Parallelen zu unserer heutigen Zeit sind ohnehin offensichtlich, wie sich auch beim gestrigen Publikumsgespräch gezeigt hat. „Wir haben nichts hinzugefügt, sondern nur gekürzt“, unterstreicht Müller. Ein besonderes Anliegen war es nämlich, die Kleist’sche Sprache und ihren – trotz manch langer Bandwurmsätze – ganz eigenen Klang zu erhalten. Dabei haben die Schüler:innen erstaunlich wenig Schwierigkeiten mit der älteren Sprache, berichten Migge und Müller von ihren Erfahrungen. Tatsächlich erschließt sich die Geschichte auch problemlos, wenn man Vokabeln wie „Schlagbaum“ oder „Junker“ nicht kennt. Der Grundkonflikt wird dennoch deutlich.
Die Kaiserslauterner Produktion „Kohlhaas“ behandelt nicht nur zeitlose Themen, sondern zeigt darüber hinaus eindrucksvoll, wie Theater im Bildungskontext eingesetzt werden kann. Das Klassenzimmerstück führt Schüler:innen an einen Literaturklassiker heran und ermutigt sie gleichzeitig, die dargestellten Themen zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Wenn in einem Stück wie „Kohlhaas“ dann auch noch relevante Aussagen für unsere heutige Gesellschaft erkannt werden und das Publikum dazu gebracht wird, über die eigenen Maßstäbe von Recht und Gerechtigkeit neu nachzudenken, hat die Produktion ihre Aufgabe mit Bravour erfüllt.
Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Thomas Brenner


