„Was geht morgens auf vier Beinen, mittags auf zwei und abends auf drei?“ Dieses berühmte Rätsel haben Sie sicherlich schon einmal gehört. Ursprünglich stammt es aus der Ödipus-Sage, wo die Sphynx, ein geflügelter Löwe mit dem Kopf einer Frau, Ödipus nach einer Lösung fragt. Er antwortet korrekt: „Ein Mensch.“ Dieses Rätsel bildet den Ausgangspunkt für das Stück „Sphynx #2“, das tanzmainz am Mittwochabend im Rahmen der Theatertage Rheinland-Pfalz im Koblenzer Theaterzelt zeigte. Im Zentrum steht „die Vielseitigkeit des Gehens“, wie Honne Dohrmann, Direktor von tanzmainz, in der Stückeinführung vor Beginn erläutert.



Gehen ist nicht gleich gehen
Denkt man genauer darüber nach, erkennt man, wie viele unterschiedliche Arten von Gehen es eigentlich gibt: Laufen, schreiten, schlendern, rennen, trippeln – die Liste ließe sich beliebig fortführen. Choreografin Rafaële Giovanola gestaltet aus diesem breiten Spektrum an Bewegungsmodi, die sich vom Gehen ableiten, einen assoziativen Abend, der grandiose Bilder präsentiert. Die 13 Tänzer:innen liefern in der einstündigen Performance eine breitangelegte Meditation über die unterschiedlichsten Arten des Gehens – angefangen mit einem Tänzer, der hochkonzentriert in atmosphärischen Lichtgassen (Licht-Design: Wil Frikken) über die Bühne geht, bis hin zu tierartigen Kriechbewegungen, bei denen das Ensemble wie ein einzelner, zusammengehöriger Organismus agiert.
„Eine Reise zurück durch die Zeit“, beschreibt Dohrmann den großen Bogen des Abends. „Hier wird Menschheitsgeschichte rückwärts gedacht.“ Tatsächlich entfernen sich die Bewegungen der Tänzer:innen zunehmend vom modernen Gehen oder Laufen. Sie werden im Verlauf ursprünglicher, tierischer und schließlich gänzlich abstrakt. Das Kostümbild von Mathilde Grebot spiegelt diese Entwicklung. Es beginnt wie die Bewegungen recht zeitgenössisch und wird (fast unmerklich) Schicht um Schicht von den Körpern geschält, ehe wir im Archaisch-Abstrakten enden. „Eine Metamorphose in Bewegung und Kostümen“, drückt Dohrmann es aus.
Puls, Geräusche, Ursprünglichkeit
Unterlegt wird diese Zeitreise durch die (menschliche) Bewegungsgeschichte mit Musik des portugiesischen Komponisten Tiago Cerqueira. Sie entwickelt sich aus einem konstanten Pochen heraus, das den Abend stetig vorwärtstreibt. Es reihen sich Klangflächen und Toneffekte aneinander, etwa Laute von Insekten, die die kriechenden Bewegungen der Tänzer:innen spannend rahmen und dem Publikum viele Assoziationsräume eröffnen.
Um diese perfekte Einheit von Klang und Bewegung zu erhalten, braucht es selbstverständlich eine enge Zusammenarbeit zwischen Choreografin und Komponisten. „Tiago Cerqueira hat die Proben begleitet und jeden Tag an der Komposition gearbeitet“, erklärt Dohrmann über den Entstehungsprozess. „Es war ein Komponieren entlang der Choreografie.“ Ein Prozess, der für die Beteiligten natürlich sehr anstrengend war.



Perfektion in jeder Bewegung
Viel abverlangt wird bei dieser Produktion jedoch vor allem den Tänzer:innen. Es ist beeindruckend, mit wie viel Präzision und scheinbar grenzenloser Energie die Tänzer:innen über die Bühne gehen, rennen, springen und sich in organischen Bewegungsbildern zusammenfinden. „Körper werden immer wieder neu definiert“, erläutert Dohrmann. „Und manchmal vergisst man zwischendurch sogar, dass es sich um Menschen handelt, denen man gerade zusieht.“
Die Tänzer:innen selbst werden bei tanzmainz bewusst umfangreich in den Entstehungsprozess integriert, etwa durch improvisatorisches Arbeiten. So hat Choreografin Rafaële Giovanola bei „Sphynx #2“ beispielsweise den Mitwirkenden Aufgaben gestellt wie „Objekte fliegen auf euch zu“, aus deren Ergebnis dann einzelne Sequenzen erwachsen sind. „Die Produktion verlangt den Tänzer:innen physisch sehr viel ab“, unterstreicht Dohrmann – was die Leistung der 13 Tänzer:innen umso eindrucksvoller macht.
Zur politischen Relevanz von Tanz
Nach Abschluss der spektakulären Performance fand ein Nachgespräch im Theaterzelt statt, bei dem der Koblenzer Intendant Markus Dietze mit Dohrmann und der Ulmer Tanzdirektorin Annett Göhre den Abend kontextualisierte. Dabei ging es neben der Besprechung der Darbietung vor allem um die institutionelle Verankerung von Tanz im deutschen Stadt- und Staatstheaterbetrieb. Dietze fragte seine beiden Gäste etwa nach der politischen Relevanz von Tanz oder wie man mit der Bedrohung durch mögliche Budgetkürzungen umgeht.
Gleichzeitig machten die drei in ihrem Gespräch deutlich, dass sich das Tanztheater in den letzten Jahren merklich gewandelt hat: Zum einen diversifiziert sich Tanz zunehmend und die Tänzer:innen können ihre eigenen Körper stärker einbringen. Zum anderen steigt erfreulicherweise auch das Interesse der Zuschauer:innen an Tanzdarbietungen und auch Berührungsängste, etwa durch eine vermeintlich fehlende „Lesekompetenz des Tanzes“, lassen nach.
Eine hohe Verantwortung für Theater
Dennoch bleibt Tanz für Theater eine teure Sparte – zumal die Häuser auch eine hohe Verantwortung gegenüber ihren physisch enorm beanspruchten Tänzer:innen tragen, was von Intendant:innen in den letzten Jahren zunehmend ernst genommen wird. So gehören regelmäßige Physiotherapie-Angebote in Koblenz längst zum Alltag – ebenso wie Fortbildungen, damit die Tänzer:innen auch nach Karriereende eine berufliche Perspektive haben.
Sieht man an einem Abend wie „Sphynx #2“, welch beeindruckende und lange nachhallende Kunst Tanztheater schaffen kann, wird deutlich, wie wichtig die Förderung dieser Sparte ist. „Tanz fördert Toleranz, er fordert sie aber auch“, fasst Dohrmann die gesellschaftliche Bedeutung von Tanztheater prägnant zusammen. Denn auch das war „Sphynx #2“: Ein Abend, der unterschiedliche Körper – mit diverser Herkunft, verschiedenen Hintergründen und unterschiedlichen Fähigkeiten – präsentiert und gefeiert hat.



Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki


