„Andere Kinder, andere Eltern“, ruft Regisseur Markus Dietze vergangene Woche gleich mehrfach bei den Proben zu „Kristina“, der nächsten Musicalproduktion am Theater Koblenz. Er meint damit den Wechsel zwischen zwei verschiedenen Besetzungen, die bei dieser Großproduktion gemeinsam proben. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe schwedischer Migrant:innen, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen, um sich im fernen Amerika ein neues Leben aufzubauen. Im Zentrum stehen der Bauer Karl Oskar Nilsson und seine Ehefrau Kristina, die gemeinsam mit ihren Kindern und anderen Verwandten die beschwerliche Reise über den Atlantik und quer durch Amerika zurücklegen.
Das Musical aus der Feder von Benny Andersson und Björn Ulvaeus (die Songwriter von ABBA) sowie Lars Rudolfsson, das in Koblenz seine erste szenische Aufführung in Deutschland erlebt, ist nicht nur hinsichtlich seiner Handlung und Ausstattung episch. Auch die Besetzung ist außergewöhnlich groß: Mehr als 70 Personen wirken an der Koblenzer Produktion mit, darunter Solist:innen, Opernchor und Extrachor sowie mehrere Kinderdarsteller:innen. Das Besondere: Alle vier Hauptrollen – Kristina, Karl Oskar sowie dessen Bruder Robert und die in Schweden von der Gesellschaft ausgestoßene Ulrika, die in Amerika zu Kristinas bester Freundin wird – sind doppelt besetzt.

Teamarbeit der besonderen Form
Das bringt einige Herausforderungen mit sich, aber auch viele künstlerische Möglichkeiten, wie die Darsteller:innen verraten. „In Musical-Großproduktionen sind die Hauptrollen oft mit einer klaren Hierarchie in Erst- und Zweitbesetzung doppelt besetzt“, erklärt Tobias Bieri, einer der beiden Darsteller von Karl Oskar. „Aber hier in Koblenz ist es anders: Beide Besetzungen proben zusammen und wir erarbeiten die Szenen als Team. Es ist nicht so, dass eine Person etwas entwickelt und der andere muss es kopieren. Man schaut zusammen, was stimmig ist und welche Entscheidungen funktionieren.“
„Es ist super spannend, zu sehen, wie verschiedene Darsteller:innen eine Rolle unterschiedlich anlegen“, stimmt Theresa Dittmar, eine der Ulrika-Darstellerinnen, zu. „Jeder bringt etwas Eigenes mit. Man kann der Kollegin zusehen und überlegen, was man übernehmen kann.“ Auch Isabel Mascarenhas, die ebenfalls Ulrika verkörpert, hebt die enge Zusammenarbeit hervor: „Wir haben ein richtiges ‚Team Ulrika‘ gebildet. Man lernt viel über die eigene Figur, weil man sich gemeinsam besprechen kann.“
Effektive und inspirierende Probenarbeit
Tatsächlich kann man bei den Proben von „Kristina“ immer wieder beobachten, wie sich die beiden Darsteller:innen einer Rolle – insbesondere während kurzer Spielpausen – über ihre Figuren und unterschiedliche Spielmöglichkeiten austauschen. Dieses Vorgehen macht die Proben besonders effektiv, da die Darsteller:innen parallel an ihren Szenen arbeiten können. Wie gut das funktioniert, zeigte sich vergangene Woche bei den Proben zur Weihnachtssequenz des zweiten Aktes: Kristina bekommt in dieser Szene von ihrer Familie einen Herd mit dem Namen „Königin der Steppe“ geschenkt. Anschließend kommen Freunde und Familie zu einem großen Weihnachtsessen in ihrem Haus zusammen.
Mehr als ein Dutzend Personen – darunter auch Kinderdarsteller:innen – sind in dieser Szene auf der Bühne, müssen präzise Laufwege einhalten und gleichzeitig einen komplexen Umbau bewältigen. Zunächst packt Karl Oskar zusammen mit seinen Kindern den Herd aus, dann werden innerhalb weniger Augenblicke aus der Verpackung des Herdes die Tischplatten für die Weihnachtstafel, während mehr und mehr Gäste mit Essen ins Haus strömen. Bei der Probe übt Regisseur Markus Dietze mit den ebenfalls doppelt besetzten Kindern zunächst ein, wie sie das Essen der Gäste entgegennehmen. Parallel zeigen sich die beiden Karl Oskars gegenseitig die besten Griffe zum Tragen der Tischplatten, während sich die beiden Ulrika-Darstellerinnen über die optimalen Wege beim Tischdecken austauschen – effizienter kann man eine Probe mit so vielen Personen auf der Bühne kaum gestalten.
Dynamische Vorstellungen
Bei der gemeinsamen Probenarbeit zeigt sich auch, wie sehr das Ensemble in den vergangenen drei Wochen zusammengewachsen ist – und mit welcher Begeisterung die Darsteller:innen an ihren Rollen arbeiten. „Wir inspirieren uns gegenseitig“, erklärt Markus Schneider, der ebenfalls Karl Oskar verkörpert. „Der eine hat eine Idee, man schaut drauf und übernimmt sie. Und die Zusammenarbeit ist sehr wertschätzend.“ „Das ist sehr ungewöhnlich“, berichtet auch Isabel Mascarenhas. „Es ist zwar einerseits natürlich schade, dass man nur 50 Prozent der Vorstellungen spielt, aber andererseits ist es total toll, im Probenprozess zu zweit an der Figur arbeiten zu können.“
Bei der Koblenzer „Kristina“-Produktion gibt es bewusst keine Erst- und Zweitbesetzung. Die Darsteller:innen sind vielmehr gleichberechtigt und spielen sowohl bei den Proben als auch bei den Vorstellungen in wechselnden Konstellationen, was auch das Zusammenspiel der Figuren beeinflusst. „Das ergibt eine ganz spannende Dynamik“, erläutert Ulrika-Darstellerin Dittmar. „Weil wir untereinander wechseln, müssen wir uns stets auf andere Besetzungen einstellen. Davon profitieren auch die Vorstellungen enorm.“ Für das Publikum bietet sich damit die Gelegenheit, das Musical bei mehreren Besuchen in unterschiedlichen Besetzungskonstellationen zu erleben.




Ein individueller Zugang zu den Figuren
Obwohl der inszenatorische Rahmen für beide Besetzungen selbstverständlich gleich ist, lässt Markus Dietze den Darsteller:innen die Freiheit, ihre Figuren individuell zu gestalten. „Man kann seine eigene Persönlichkeit einbringen“, bestätigt Laura Araiza Inasaridse, eine der beiden Kristina-Darstellerinnen. Ein weiterer Vorteil der Doppelbesetzung ist, dass die Darsteller:innen ihre Figuren nicht nur selbst verkörpern, sondern die Szenen auch aus einer Außenperspektive betrachten können. „Ich habe sowohl den inneren als auch den äußeren Blick“, erläutert Laura Araiza Inasaridse. Elena Franke, die andere Kristina-Darstellerin, ergänzt: „Dieses Vorgehen ist sehr ungewöhnlich, aber auch sehr bereichernd. Wir tauschen die Rollen und ich kann aus Regiesicht auf die Szene schauen. So kann ich meine Figur von innen und von außen anlegen. Das gibt einen wahnsinnigen Mehrwert.“
Wie verschieden einzelne Interpretationen dabei ausfallen können, wurde vergangene Woche bei den Proben zu Ulrikas großem Solo-Song „Niemals“ deutlich. In der Nummer verbinden sich Trotz und Widerstand gegen gesellschaftliche Ausgrenzung mit Verletzlichkeit, der Angst um die Zukunft ihrer Tochter und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Der direkte Vergleich von Mascarenhas’ und Dittmars Interpretationen zeigt, wie unterschiedlich sich die emotionalen Facetten des Songs herausarbeiten lassen: Beide Darstellerinnen vermitteln den Trotz und die Wut ihrer Figur, setzen jedoch bei einzelnen Phrasen andere emotionale Schwerpunkte und verleihen der Nummer dadurch jeweils eine eigene Färbung.
Und was macht bei der Produktion am meisten Spaß?
Bei aller Konzentration fällt während der Proben vor allem eines auf: die Begeisterung, mit der sich die Beteiligten in die Arbeit stürzen. Auf die Frage, was ihnen bei dieser Produktion besondere Freude bereitet, haben die Darsteller:innen ganz unterschiedliche Antworten: „Es ist ein Geschenk, so viel spielen zu können“, berichtet Elena Franke, die als Kristina fast durchgehend auf der Bühne ist. „Außerdem ist das Zusammenarbeiten mehrerer Sparten großartig. Und gerade das Spielen mit den Kindern ist toll.“ Das findet auch Laura Araiza Inasaridse. Sie ergänzt: „Man macht so viele Emotionen in diesem Stück durch. Das ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle.“
„Diese Geschichte ist ein abgefahrener Roadtrip“, findet Markus Schneider. „Und die Lieder erzählen die Geschichte so wunderbar.“ Auch Tobias Bieri lobt die „wirklich tolle Musik“ und führt aus: „Die Themen sind enorm aktuell: Wir müssen im Stück unser Land verlassen und dann wird gezeigt, wie wir mit den Widrigkeiten in unserer neuen Heimat umgehen.“ Gerade die Verbindung einer historischen Auswanderergeschichte mit bis heute aktuellen Themen macht – neben der eingängigen Musik und der spektakulären Ausstattung – einen wesentlichen Reiz des Musicals aus. Wer sich selbst einen Eindruck von dieser epischen schwedischen Auswanderergeschichte in Musicalform verschaffen will, hat dazu ab 31. Oktober Gelegenheit. Die ersten drei Vorstellungen im Theaterzelt sind zwar bereits ausverkauft, für die weiteren Vorstellungen sind jedoch noch Karten verfügbar.

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki


