„Der Fiskus“: Wenn das System sich selbst auffrisst

31. März 2026 · Dr. Patrick Mertens

In Teil 9 unserer Serie zu den Theatertagen Rheinland-Pfalz tauchen wir in die Welt des alltäglichen Behördenwahnsinns ein. Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens hat die Finanzamt-Komödie „Der Fiskus“, ein Gastspiel des Theaters Trier, besucht und berichtet.

„Ich habe mein ganzes Leben der Steuergerechtigkeit gewidmet.“ Das ist einer der letzten Sätze, den Bea in Felicia Zellers Schauspiel „Der Fiskus“ sagt. Nach einer Versetzung ist die Finanzbeamtin verbittert und zweifelt am System. Eigentlich ein tragisches Ende – doch wohl niemand im Publikum empfand es so. Denn „Der Fiskus“, mit dem das Theater Trier am Donnerstag in Koblenz gastierte, ist eine bitterböse Satire, bei der die Zuschauer:innen kaum aus dem Lachen herauskamen. Dass trotz aller komödiantischen Kurzweiligkeit sehr ernste Themen wie Steuergerechtigkeit oder gesellschaftliche Verantwortung besprochen werden, macht das Stück umso eindrucksvoller.

Ein System, das sich selbst auffrisst

Doch von vorne: Auf der Probebühne 4 stehen am Donnerstagabend mehrere abgedeckte Büromöbel, ein Klavier ohne Verkleidung und ein großes Baugerüst. Wir befinden uns in einem baufälligen Finanzamt, dessen Renovierung daran scheitert, dass die zuständige Baufirma insolvent gegangen ist, weil ihr das Finanzamt bei der Steuer keine Ratenzahlung erlaubt. Hier zeigt sich bereits die Absurdität des deutschen Behördenalltags – „ein System, das sich selbst auffrisst“, erklärt Regisseur Tanju Girişken im Programmheft –, die den ganzen Abend bestimmt.

Wie kaputt das System ist, das in „Der Fiskus“ präsentiert wird, verdeutlicht auch die musikalische Begleitung: Immer wieder gehen die Schauspieler:innen zu dem präparierten Klavier und drücken Tasten. Es erklingen völlig verstimmte und dissonante Töne, die das Publikum erschaudern lassen – ganz so, wie die Missklänge, die den Alltag im Amt bestimmen.

Fünf Schicksale im Finanzamt

Dort erleben wir in den folgenden 100 Minuten eine Reihe grotesk-humoristischer Vignetten, in denen Schlaglichter auf den alltäglichen Wahnsinn, den fünf Mitarbeiter:innen im Finanzamt erleben, geworfen werden. Eine von ihnen ist Bea Mtinnen (Stephanie Theiß), passionierte Finanzbeamtin, die ein gutes Gespür für Steuerbetrüger:innen hat. Nach dreißig Jahren im Amt wäre es eigentlich Zeit für eine Beförderung, doch stattdessen wird die junge, opportunistische Nele Neuer (Joana Tscheinig) ihre Chefin – ein Schlag ins Gesicht für Bea, die daraufhin zunehmend resigniert.

Ganz andere Probleme plagen das Ehepaar Elfi Nanzen (Aicha Bracht) und Reiner Lös (Samuel Schriefer). Eigentlich haben sie nicht viel gemeinsam – außer ihrer Liebe zum Steuersparen. Gerade Reiners unerfüllter Wunsch, ein Rockstar zu sein, belastet die Beziehung. Trotz Elfis Schwangerschaft erwägen die beiden eine Scheidung. Doch ist eine Trennung wirklich den Verlust des Ehegattensplittings wert? Vervollständigt wird das Ensemble durch den Betriebsprüfer Marc Devisen (Harald Pilar von Pilchau), den wir auf seinem aussichtslosen Kampf gegen Steuerbetrüger:innen begleiten.

Gefangen im absurden Büroalltag

Mit diesen fünf Figuren gelingt Zeller in ihrem Schauspiel nicht nur eine messerscharfe Analyse des deutschen Beamtentums, einschließlich Unterfinanzierung und überbordender Bürokratie, sondern auch eine bitterböse Abrechnung mit dem deutschen Steuersystem und denjenigen, die dessen Schlupflöcher gnadenlos ausnutzen – ohne dass die Finanzbeamt:innen etwas dagegen unternehmen können. Die sind ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, mit kaputten Aufzügen, ausfallendem Licht, aber auch handgreiflichen Kunden zu kämpfen.

Wie sehr die fünf Figuren zum personifizierten Beamtentum geworden sind, zeigt sich in ihrer bewusst verkürzten Sprache: Sätze werden nicht beendet – alles ist auf eine amtstauglich-minimalistische Sprache in einem maschinellen Staccato-Tonfall reduziert. „Dieser Sprachstil bietet eine besondere Körperlichkeit an, die in eine groteske Richtung geht“, erklärt Regisseur Girişken. „Das ist die Sprache der Bürokratie. Die Figuren sind so eng mit dem Amt verbunden oder in das Amt eingefleischt, dass sie mittlerweile in ihrem privaten Leben die amtliche Sprache nutzen.“

Der Knopf für einfache Sprache

Dieser Sprechduktus ist umso herausfordernder, wenn die Figuren komplexe Steuer- und Finanzfragen diskutieren. Und stellenweise hat man den Eindruck, dass auch die Figuren im Stück bei Betrugsmaschen wie Cum-Ex (die zum Glück im Programmheft erläutert sind) nicht immer ganz folgen können. Entsprechend ist wohl jede:r im Publikum dankbar, wenn Elfi mitten im Stück den imaginären „Knopf für einfache Sprache“ betätigt.

Die Schauspieler:innen treten daraufhin völlig unvermittelt aus ihren Rollen und wenden sich ans Publikum. „Wissen Sie, was Leerverkäufe sind?“, fragen sie in die Runde – und glücklicherweise kann ein anwesender Finanzbeamter Licht ins Dunkel bringen. Dieses Durchbrechen der vierten Wand ist ein wunderbares Mittel, das Publikum dazu anzuregen, über das Gesehene zu reflektieren. Denn bei allem Humor prangert das Stück sehr eindringlich die Ungerechtigkeit des deutschen Steuersystems an, das von Reichen mit genug Geld für Anwälte gnadenlos ausgenutzt werden kann, während Personen mit weniger Ressourcen ihm oft hilflos ausgeliefert sind.

Wenn die öffentliche Hand ignoriert wird

„Ständig werden Sozialarbeiter in Problemviertel geschickt“, sagt Bea an einer Stelle im Stück. „Aber wer geht in den anderen Problembereich unserer Gesellschaft? Dahin, wo die wirklich Asozialen leben: Menschen, die den anderen das Geld wegnehmen und dreist behaupten, das sei völlig legal. Geldwegnehmen sei eine Gesetzeslücke.“ Und das ist ein Punkt, wo die öffentliche Hand eigentlich eingreifen müsste. Diese ist in Form einer gigantischen Modellhand im Beton-Brutalismus-Stil auch prominent auf der Bühne präsent. Während der Vorstellung wird die Skulptur von den Darsteller:innen bewegt und in unterschiedliche Positionen gebracht. Doch symbolisiert diese Hand eigentlich einen Herrscher oder eine Marionette?

Nicole Berns erklärt im Programmheft, die Hand sei beides: „Sie herrscht, aber sie kann nur Macht ausüben, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler sie bewegen. Wenn das Ensemble kein Interesse mehr an ihr zeigt, steht sie leblos herum. […] Auch eine Demokratie bleibt nur lebendig, wenn sie von den Bürgerinnen und Bürgern getragen und gestaltet wird.“ Das wird in der Trierer Produktion von „Der Fiskus“ eindrucksvoll herausgearbeitet. Denn das Schauspiel ist weit mehr als eine Komödie über den Behördenalltag: Es zeigt ein System, das sich längst in seinen eigenen Widersprüchen verfangen hat und ins Absurde gekippt ist.

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki