Die Ärztin: Ein Spiel mit Identitäten

20. März 2026 · Dr. Patrick Mertens

Am Donnerstagabend gastierte das Pfalztheater Kaiserslautern mit seiner neuen Produktion von Robert Ickes Drama „Die Ärztin“ im Theaterzelt. In Teil 4 unserer Serie zu den Theatertagen Rheinland-Pfalz stellt Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens das Stück und die Inszenierung vor.

Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie im Zentrum eines Shitstorms stünden? Aussitzen? Sich wehren? Rechtliche Schritte einleiten? Man möchte sich gar nicht vorstellen, unter welchem psychischen Druck jemand in solch einer Situation stehen muss. Die Protagonistin von Robert Ickes ebenso faszinierenden wie beklemmenden Schauspiel „Die Ärztin“ erfährt die Folgen eines Shitstorms am eigenen Leib.

Nachdem Ruth Wolff – mit beeindruckender emotionaler Bandbreite von Hannelore Bähr verkörpert – einem katholischen Priester den Zugang zu einer im Sterben liegenden Vierzehnjährigen verweigert, da in ihrer Patientenakte nichts zur Konfession steht, gerät sie ins Kreuzfeuer von Öffentlichkeit, Medien und Kolleg:innen – vor allem, als bekannt wird, dass der Priester eine Person of Color (PoC) war. Aus ärztlicher Perspektive hat Ruth zwar korrekt gehandelt, doch nach Rücktritten im Vorstand und dem Abspringen von Sponsoren der Privatklinik stehen sowohl Ruths guter Ruf als auch ihre berufliche Zukunft plötzlich auf dem Spiel.

Neuerfindung eines Theaterklassikers

Das Grundkonzept dieser Handlung dürfte vielen bekannt vorkommen. Tatsächlich ist Ickes Stück eine sehr freie, modernisierte Version des Schauspiels „Professor Bernhardi“ des berühmten österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler. Das 1912 in Berlin uraufgeführte Stück handelt von einem jüdischen Arzt, der sich nach einer ähnlichen Entscheidung wie Ruth antisemitischen Kampagnen ausgesetzt sieht.

Robert Icke nimmt diese Grundidee, verändert und erweitert sie aber um einige entscheidende Aspekte: Indem Ruth zur jüdischen Frau wird und der Priester zur PoC, verhandelt der Stoff nun neben Antisemitismus auch Geschlechtsdiskriminierung und Rassismus – Themen, die heute nichts von ihrer Sprengkraft verloren haben. Zumal die digitale Hexenjagd auf Ruth einen sehr eindringlichen Spiegel unserer heutigen Gesellschaft mit ihren Shitstorms und Empörungswellen darstellt.

Ein inszenatorisches Spiel mit Identitäten

Dabei belässt es Icke jedoch nicht. Wie Dramaturg Victor Pohl in seiner Werkeinführung vor Beginn erläutert, verlangt der Autor im Vorwort des Stücks, dass ein Großteil der Figuren nicht entsprechend ihrem Geschlecht oder ihrer Ethnie besetzt werden. So wird der Priester beispielsweise bewusst von einem weißen Darsteller – bei der Vorstellung am Donnerstag Henning Kohne – gespielt. Hierdurch entsteht ein kunstvolles Spiel mit Zuschreibungen und Identitäten, das Schnitzlers Vorlage „auf heutige Identitätsdiskurse und gesellschaftliche Themen überträgt“, wie Pohl es formuliert.

Durch diesen Kunstgriff werden die Zuschauer:innen gezwungen, sich mit dem Einfluss von Geschlecht, Ethnie und Alter auf ihre eigene Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Am Anfang weiß das Publikum schließlich gar nicht, dass es sich bei dem Priester um eine Person of Color handelt. Oder welcher der Ärzte weiblich ist. So stellt man sich selbst irgendwann unwillkürlich die Frage: Bewerte ich die eben gesehene Szene anders, wenn ich sie mir mit People of Color oder mit Männern statt Frauen vorstelle? Das Spiel mit Identitäten helfe dabei, so Pohl, „wahrgenommene Dinge zu überdenken und aus einer anderen Perspektive zu sehen“.

Herausforderungen einer ungewohnten Spielstätte

Damit das gelingt, braucht es ein eingespieltes und bis in die Nebenrollen gut zusammengesetztes Ensemble, das das Pfalztheater Kaiserslautern für diese Produktion definitiv gefunden hat. Nach der enorm dichten, eine regelrecht hypnotische Sogwirkung entwickelnden Darbietung mag man gar nicht glauben, dass es sich erst um die dritte Vorstellung dieser Produktion handelt – die dann sogar noch, wie bei Gastspielen üblich, an die Bedingungen der neuen Spielstätte angepasst werden musste.

Denn wie Victor Pohl in der Werkeinführung offenbart, ist die Produktion eigentlich für eine wesentlich kleinere Werkstattbühne in Kaiserslautern konzipiert. Entsprechend musste nicht nur das Bühnenbild, das Regisseur Maik Priebe selbst gestaltet hat, angepasst werden, auch für die elf Darsteller:innen bedeutete die ungewohnte Spielstätte eine Umstellung. Sie mussten mit ihrem Spiel am Donnerstag einen wesentlich größeren Raum ausfüllen und im Theaterzelt zugleich mit Headset spielen – Herausforderungen, die das Ensemble bestens gemeistert hat.

Zwischen Glaswänden und Blutbuche

Maik Priebes Inszenierung ist insgesamt sehr dicht und temporeich. Insbesondere gelingt es ihm, die Spannung über zwei Stunden mühelos aufrechtzuerhalten. Es gab wohl niemanden im Publikum, der nicht mit Ruth mitgefiebert hat, ob sie ihre Stellung und ihre Approbation behalten darf. Besonders markante oder erschütternde Aussagen und Erkenntnisse des Textes werden – auch das sieht der Autor so vor – durch eingespielte Schläge verstärkt. Als Zuschauer:in wird man so gezwungen, das gerade Gehörte sacken zu lassen und zu reflektieren.

Auch der von Priebe gestaltete Bühnenraum trägt dazu bei, die Kernaussage des Stücks zu verdeutlichen: Die zwei im stumpfen Winkel aufeinander zulaufenden Glaswände, die den Einheitsraum dominieren, bieten keinerlei Versteckmöglichkeiten. Die Figuren, insbesondere Ruth, sind permanent dem Blick des Publikums und damit der Öffentlichkeit ausgeliefert. Im Zentrum der Bühne steht ein multifunktionaler Tisch, über dem von der Decke eine Blutbuche hängt – „ein Symbol für die Stärke und Urkraft des Menschen“, wie Pohl erklärt. Dass die Blutbuche im Verlauf des Stücks mehr und mehr Blätter verliert, ist ein eindrucksvoller Spiegel der Protagonistin, die unter dem Druck der Öffentlichkeit zunehmend zerbricht.

„Die Ärztin“ ist ein eindrucksvoller Theaterabend, der nicht nur relevante Themen verhandelt, sondern das Publikum zugleich dazu zwingt, die eigenen Vorstellungen (und möglicherweise auch Vorurteile) zu Identität kritisch zu hinterfragen. Die Bandbreite der angesprochenen Themen ist dabei gewaltig – Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, um nur ein paar zu nennen. Statt leichte Antworten auf diese Probleme zu präsentieren, wirft der Abend vor allem Fragen auf, die die Zuschauer:innen sicher noch lange bewegen werden. Was kann man von Theater mehr erwarten?

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki