Schreie in der Nacht, Tote, die die Lebenden heimsuchen, und ein scheinbar von Geisterhand niedergestrecktes Kind – das sind eigentlich Schockmomente, die wir in einem Horrorfilm erwarten, aber nicht unbedingt in einer Oper. Und doch hat der britische Komponist Benjamin Britten (1913–1976) in „The Turn of the Screw“ (deutsch: „Die Drehung der Schraube“) all diese Elemente auf die Opernbühne gebracht. Das 1954 in Venedig uraufgeführte Werk, das längst zum festen Bestandteil der Opernspielpläne weltweit gehört, basiert auf einer Novelle des britischen Schriftstellers Henry James (1843–1916).
Von der Gruselnovelle zur erfolgreichen Oper: Die Vorlage
1898 als Fortsetzungsgeschichte erschienen, ist die literarische Vorlage laut Dramaturg Malte Kühn „einer der meistdiskutierten Texte der englischen Literatur“ – und einer, der Interpret:innen bis heute Rätsel aufgibt. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine typisch viktorianische Geistergeschichte: Eine namenlose Gouvernante soll sich in dem abgelegenen englischen Landhaus Bly um zwei Kinder, Miles und Flora, kümmern, als sie plötzlich mit einer Reihe ebenso unerklärlicher wie furchteinflößender Erscheinungen konfrontiert wird. Die Geister zweier ehemaliger Angestellter suchen das Landhaus heim und versuchen sich der beiden Kinder zu bemächtigen – etwas, das die Gouvernante mit allen Mitteln verhindern will.
Wie so viele Beispiele der viktorianischen „Gothic Literature“ ist „The Turn of the Screw“ jedoch weit mehr als ein spannendes Stück Gruselunterhaltung. Es handelt sich, wie Malte Kühn es in seiner Einführung ausdrückt, um das „Psychogramm einer jungen Frau, die durchdreht“. Denn James – und auch Britten in seiner Oper – spielen bewusst mit der Frage, wie viele Ereignisse der Handlung tatsächlich geschehen und wie viele davon der Fantasie der Protagonistin entspringen. „Wie glaubwürdig ist das, was wir da sehen?“, benennt Kühn eine der zentralen Fragen des Stücks.
Wenn man die Schraube bis zum Anschlag dreht: Die Bühne
Entsprechend hat sich Regisseurin Sandra Leupold in ihrer Inszenierung für das Theater Trier, die gestern in Koblenz gastierte, entschieden, kein viktorianisches Herrenhaus auf die Bühne zu bringen, sondern die Figuren und ihre komplexe Psychologie ins Zentrum zu stellen. Zwar sind die Kostüme (Anja Jungheinrich) historisch inspiriert, doch der Bühnenraum (Flurin Borg Madsen) an sich ist fast völlig leer. Lediglich drei weiße Latexbahnen sind auf einer erhöhten Drehscheibe in der Mitte der Bühne befestigt.
Diese Drehscheibe bewegt sich im Laufe des Abends an prominenten Stellen, sodass die Latexbahnen immer weiter gestreckt und verdreht werden – eine stilisierte, aber sehr eindrückliche Übersetzung der titelgebenden Schraube, die immer fester angedreht wird. Diese steht letztlich für die Protagonistin selbst (mit beeindruckender emotionaler Wucht von Eva Maria Amann verkörpert), die mental mehr und mehr angespannt ist und sich schließlich in der Geisterwelt des Landhauses Bly verliert.
Ein erzählter Blick hinter die Kulissen: Die Inszenierung
Einen besonderen Kunstgriff der Inszenierung stellt die Überlagerung der Bühnenhandlung mit einer zweiten Erzählebene dar: In den instrumentalen Zwischenspiel-Variationen, mit denen Britten die oftmals enigmatisch-kurzen Szenen voneinander abgrenzt, treten die Sänger:innen aus ihren Rollen und mimen Darsteller:innen, die gerade an einer Vorstellung von „The Turn of the Screw“ beteiligt sind.
Da wird auf der Seitenbühne, die aufgrund fehlender Gassenverkleidungen völlig einsehbar ist, nach Requisiten gesucht, kurz noch einmal mit dem Klavierauszug eine schwierige Stelle geübt oder sich mit Entspannungsübungen auf den nächsten Auftritt vorbereitet. Die Darstellerin der Gouvernante allerdings kann im Verlauf der Vorstellung zunehmend weniger zwischen Fiktion und Realität unterscheiden, sodass die beiden Erzählebenen im Finale der Oper schließlich kollidieren.



Präzision am Abgrund: Ensemble und Orchester
Den sieben Darsteller:innen fordert diese inszenatorische Doppelerzählung – und die nahezu permanente Sichtbarkeit auf Bühne oder Seitenbühne – natürlich einiges ab. Umso erstaunlicher war es, mit welcher Präzision das gesamte Ensemble gestern Emotionen und Bewegungen (sei es während der Opernhandlung oder während der Zwischenspiele) umgesetzt hat. Punktgenau agierte auch das Kammerorchester unter der Leitung von Wouter Padberg. Die 14 Instrumentalist:innen, die ebenfalls aus Trier angereist sind, haben sich Brittens komplexer Musik meisterlich angenommen.
Denn Brittens außergewöhnliche Partitur ist zweifelsohne das Herzstück des Abends: mal thrillerhaft-schroff, mal gespenstisch-mysteriös setzt der Komponist rhythmisch geprägte Partien und verfremdete Volksliedparaphrasen zu einem kunstvollen Klanggeflecht zusammen, in dem Horrorfilm und Oper mühelos miteinander verschmelzen. So entsteht, wie Regisseurin Sandra Leupold es im Programmheft pointiert ausdrückt, eine „geheimnisvoll luzide, extrem intime Kammeroper“, die das Koblenzer Theaterzelt für einen Abend in einen beklemmenden Raum zwischen Realität und Wahn verwandelt hat. Ein Abend also, der zeigt, wie nah sich Horror, Psychodrama und Oper kommen können – und ein weiterer Beweis dafür, wie vielschichtig die Welten sind, die bei den Theatertagen Rheinland-Pfalz entstehen.

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki

